Skip to main content
SearchLogin or Signup

Fazit der Tagung

Published onApr 20, 2021
Fazit der Tagung
·

Die Tagung vom 10. November 2020 hat Denkanstösse sowie Einblicke in bestehende Praktiken im Umgang mit den Digital Humanities (DH) gegeben und viele Möglichkeiten, aber auch immer wieder Grenzen und Herausforderungen aufgezeigt. In einem Punkt gab es aber Konsens: Wissenschaftliche Bibliotheken können und sollen sich den DH annehmen und sind in der einmaligen Situation, diese zu unterstützen, sowie deren Anwendungsbereiche mitzugestalten.1

Zusammenfassung der Kernaussagen aus den Berichten

Im Folgenden werden die wichtigsten Punkte aus den bei der Tagung vorgetragenen Input-Referaten – auch aus dem nicht abgedruckten Vortrag von Gero Schreier – und den anschliessenden Diskussionen zu Kernaussagen zusammengefasst.

Eine Advocacy für DH durch Bibliotheken ist notwendig.

Nach Gero Schreier sollen nicht nur Dienstleistungen bereitgestellt, sondern auch aktiv Werbung und Sensibilisierung für Möglichkeiten der DH an der Bibliothek betrieben werden. Wissenschaftliche Bibliotheken können mit ihrem Wissen in allen Punkten des Forschungsprozesses vertreten sein, denn sie bringen Expertise und das notwendige Knowhow für die Aufbereitung und Visualisierung der Forschungsdaten und Forschungsergebnisse mit. Um diese Kompetenzen und die sich daraus ergebenden Dienstleistungen nach aussen sichtbar zu machen, bietet sich vor allem die Arbeit mit und an den eigenen Beständen an: Die Bestände der Bibliotheken und die zugehörigen Metadaten sollen so bereitgestellt werden, dass sie mit den Forschungsmethoden der DH untersucht werden können. Dies erlaubt das selbstbewusste Auftreten, welches für die Kommunikation mit und die Bewerbung von Angeboten für die Forschung vonnöten ist. Es ist wünschenswert, dass die Bibliotheken damit ein grosses akademisches Publikum erreichen. Der Fokus richtet sich vorwiegend auf die Studierenden (BA/MA), damit sie früh Möglichkeiten und Methoden der DH im Hinblick auf ihre akademischen (Abschluss-)Arbeiten kennen lernen.

DH-Methoden sind Teil der Informationskompetenz.

In Anlehnung an den oben genannten Punkt sollen DH-Kompetenzen auch Teil des Vermittlungsangebotes für Informationskompetenz an Bibliotheken werden. Mit einem spezifischen Angebotskatalog können Studierende und Wissenschaftler:innen schon früh in den DH-Methoden ausgebildet werden; auch von Seiten des Fachreferats in den jeweiligen Fachgebieten. Zu beachten ist jedoch, dass die Kurse möglichst als Anwenderkurse angeboten werden sollten, in denen direkt mit Daten gearbeitet wird, vorzugsweise aus dem eigenen Bestand der anbietenden Bibliothek. Gleichzeitig erhalten dadurch spezifische Bestände eine höhere Sichtbarkeit. Bei dieser Methodenausbildung sollten räumliche Aspekte mitgedacht werden, zum Beispiel mit dem Aufbau eines DH Learning Lab.

Wissenschaftliche Kollaborationen zwischen Forschenden und Bibliotheken sind zu fördern.

DH-Kollaborationen eröffnen attraktive neue Forschungsfelder, was wiederum eine Chance für (Nachwuchs-)Forschende und Bibliothekar:innen ist, neue Berufsfelder und Bereiche kennen zu lernen. Im Hinblick darauf, dass historische Hilfswissenschaften immer mehr aus den Curricula gekürzt werden, sollten wissenschaftliche Bibliotheken vermehrt in die Lehre einbezogen werden. Bibliotheken können Themen in der Lehre abdecken, in denen sie über ausgewiesene Kompetenzen verfügen, wie zum Beispiel Normdaten, Metadaten, Paläographie, Provenienzforschung oder Einbandforschung.

DH-Unterstützung an Bibliotheken sollte sich nicht ausschliesslich auf Grossprojekte fokussieren, sondern auch Angebote für kleine Projekte und schnelle Lösungen schaffen.

Hauseigene Projekte aber auch die Mitarbeit an Leuchtturm-Projekten generieren positive Erfahrungen und sind Vehikel für die Kommunikation der Dienstleistungen und Präsentation nach aussen. Relevant ist nicht nur die Mitarbeit an den Grossprojekten – kleine oder Mikroprojekte in den DH sind genauso wichtig und unterstützenswert. Auch Studierende oder Doktorierende sollen sich mit Fragen zu digitalen Methoden an die Bibliothek wenden können. Solch individueller Support wird nicht nur geschätzt, sondern bietet auch die Chance, durch Mund-zu-Mund-Propaganda die Expertise der Bibliothek im Forschungsumfeld zu bewerben.

DH diffundiert in viele Fächer hinein und genau hier zeigt sich das Potential der wissenschaftlichen Bibliotheken, da die Fachreferate auf die fachspezifischen Bedürfnisse eingehen und gezielt digitale Kompetenzen vermitteln können.

Kollaborationen mit anderen Forschungseinrichtungen, Museen, Archiven und Fachhochschulen sind erstrebenswert und sollten gesucht werden.

Hier geht es sowohl um Gemeinschaftsprojekte oder -veranstaltungen als auch um Wissensaustausch in den Bereichen Lehre und Forschung, in der Datenaufbereitung sowie bei Publikation und Standards.

Anknüpfungspunkte und Ausbaumöglichkeiten an der UB Basel

Egal wie prädestiniert wissenschaftliche Bibliotheken für den Aufbau, die Förderung und die Projektbegleitung von DH sind, eine umfassende Unterstützung in DH-Fragen ist nur in Kollaboration mit verschiedenen Ansprechpersonen innerhalb und ausserhalb der Institution möglich. Konkret liegen die Schnittstellen an der Universitätsbibliothek Basel zum Beispiel bei der Fachstelle Informations-, Daten- und Medienkompetenz (IDM), im Bereich Digital Literacy, dem Fachreferat, den Sammlungsverantwortlichen für historische Bestände und der Abteilung Digitale Dienste. Im erweiterten universitären Umfeld sind die neu geschaffenen RISE-Stellen (Research Infrastructure Service Einheit) an der Philosophisch-historischen Fakultät und gegebenenfalls sogenannte Data Stewards sowie das DHLab, das Data and Service Center for the Humanities (DaSCH) und das Center for Data Analytics (CeDA) als wichtige Partner zu nennen. Dabei gilt es nun in erster Linie das Organisatorische und die Workflows zu klären: Wer macht was? Wo und bei wem (Data Stewards, RISE, Fachreferate/Fachstelle IDM) liegen die Aufgaben, Verantwortungen und Kompetenzen? Der wichtigste Punkt ist somit der Fokus auf das Miteinander. Die UB soll bestehende Angebote, Services und Kompetenzen nicht konkurrieren, sondern ergänzen, wo es sinnvoll und gewünscht ist.

Insgesamt haben sich während der Inputreferate, der Diskussionen und des Workshops vier verschiedene Bereiche und mögliche Anknüpfungspunkte herauskristallisiert:

  • Die Erschliessung von Medien und Daten ist die Kernkompetenz von Bibliotheken und zeigt sich in verschiedenen Abteilungen, denn die Datenaufbereitung und -pflege umfasst sowohl Meta-, Norm-, wie auch Forschungsdaten. Dies sind alles Aufgaben, die bereits fest an der UB Basel verankert sind. Es ist also sinnvoll, sich dieser bestehenden Expertise wieder bewusst zu werden, respektive dieser wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken, auch wenn neue Themen- und Aufgabengebiete aufgebaut werden.

  • Kompetenzaufbau und -pflege kann entweder durch interne Projekte an der UB sowie durch externe Anfragen von Forschungsprojekten geleitet werden, oder durch eigene Forschungsinteressen der Mitarbeitenden geschehen und so dem Anspruch einer flexiblen Unterstützung in DH-Fragen nachkommen.

  • Auch die Information Literacy respektive Informations-, Daten- und Medienkompetenz ist mit diversen Workshops und Kursangeboten bereits fest an der UB etabliert und dank der Nähe zu den Benutzenden und den universitären Programmen in der Position, auf Veränderungen und neue Bedürfnisse schnell mit Angebotserweiterung und -anpassung reagieren zu können.

  • Was die Kommunikation und das Netzwerk betrifft, so sind in diesem Bereich insbesondere Fachreferent:innen, Embedded Librarians und weitere Bibliotheksmitarbeitende angehalten, bestehende Kontakte zu anderen universitären Partnern zu pflegen beziehungsweise neu zu knüpfen. So bleibt die Universitätsbibliothek sicht- und greifbar und lädt Forschende dazu ein, sich bei Fragen an sie zu wenden. Genauso wichtig ist es seitens der Bibliothek aber auch, die Forschungstätigkeit zu verfolgen und allenfalls proaktiv auf die Angebote und Kompetenzen zu DH-Anliegen an der Universitätsbibliothek aufmerksam zu machen.

Basierend auf den Erkenntnissen und Ergebnissen des Workshops hat die AG DH konkrete Felder für den Kompetenzaufbau an der UB herausgearbeitet:

  • Geomapping

  • Transkriptions-Tools, Textanalyse, Textmining

  • Textauszeichnung und Edition

  • Netzwerkanalyse

  • Digital Art Collections

  • Datenbereinigung und Corpus-Erstellung

  • Plattformen für die Datenaufbereitung und -publikation

Diese Kompetenzen können je nach Tätigkeitsbereich und Interesse auf verschiedene Personen verteilt aufgebaut werden.

Neben dem Aneignen von Kompetenzen rund um spezifische Tools geht es in erster Linie auch darum, die Forschenden und Studierenden der Universität für die Möglichkeiten und Anwendungen der DH zu sensibilisieren. Dafür muss an der UB Basel allerdings kein eigenes DH-Zentrum aufgebaut werden. Es bieten sich viele Möglichkeiten, eine solide DH-Unterstützung auch mit wenig Mitteln und Ressourcen aufzugleisen. Zu Beginn soll sich die UB Türöffner suchen und mit dem vorhandenen Wissen an bestehende Strukturen anknüpfen, indem Kurse in bestehenden Seminaren und Workshops mit DH-Inhalten als Ergänzung zum bereits etablierten IDM-Angebot geschaffen werden. Mittel- bis langfristig kommt man dadurch vielleicht zu eigenständigen Semesterkursen, die ins Curriculum aufgenommen werden.

An der UB Basel wurden seit der Durchführung der Tagung konkrete Schritte zum Kompetenzaufbau unternommen. Angebote für Studierende und Forschende sind bereits in Planung.

Die AG DH dankt den Referent:innen und Teilnehmenden an der Tagung noch einmal recht herzlich für alle Beiträge und die anregenden Diskussionen.

Literatur (Auswahl)

Hartsell-Gundy, A., Braunstein, L., & Golomb, L. (2015). Digital humanities in the library : challenges and opportunities for subject specialists. Chicago: The Association of College & Research Libraries.

Rapp, A. (2013). Aus Sicht der Geisteswissenschaften: Die wissenschaftliche Bibliothek als Schnittstelle zwischen digitaler Infrastruktur und geisteswissenschaftlicher Forschung. Evolution der Informationsinfrastruktur: Kooperation zwischen Bibliothek und Wissenschaft, 345-354.

Schreier, G (2019). Digital Humanities-Unterstützung durch Bibliotheken. Theoretische und praktische Perspektiven. Abschlussarbeit MAS BIW: Universität Zürich.

Wilson, E. A. (2020). Digital Humanities for Librarians. Lanham: Rowman & Littlefield.




Comments
0
comment

No comments here