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Systematic Reviews – ein Trend für Wissenschaftliche und Öffentliche Bibliotheken

Published onJun 21, 2022
Systematic Reviews – ein Trend für Wissenschaftliche und Öffentliche Bibliotheken
·

Abstract

Dieser Beitrag widmet sich der wachsenden Bedeutung von Beratungsangeboten zur Unterstützung von Systematic Reviews und verwandten Sekundärstudientypen in Wissenschaftlichen und Öffentlichen Bibliotheken. Ausgehend von der These, dass Bibliothekar:innen eine formale Weiterbildungsmöglichkeit benötigen, um die zunehmend nachgefragte Dienstleistung erbringen zu können, stellt er das neue, interdisziplinäre CAS-Programm „Systematic Review Information Specialist“ vor. Über das Thema Citizen Science und als Forschungsgegenstand der Bibliotheks- und Informationswissenschaft werden Schnittmengen zwischen Wissenschaftlichen und Öffentlichen Bibliotheken sichtbar, die Systematic Reviews für Dienstleistungen und als Methode, um evidenzbasierte Entscheidungen treffen zu können, an beiden Orten höchst relevant machen und Chancen für Kooperationen eröffnen.

This paper is dedicated to the growing importance of advisory services to support Systematic Reviews and related secondary study types in academic and public libraries. Based on the assumption that librarians need a formal training opportunity to be able to provide the increasingly demanded assistance, it presents the new interdisciplinary CAS programme "Systematic Review Information Specialist". Through the topic of Citizen Science and as a research subject of library and information science, intersections between academic and public libraries become visible, making Systematic Reviews highly relevant for services and as a method to make evidence-based decisions in both places and opening opportunities for collaborations.


1. Einleitung

Unter Systematic Reviews versteht man – im Gegensatz zu herkömmlichen Literature oder Narrative Reviews – methodisch durchgeführte, auf Vollständigkeit, Transparenz und Reproduzierbarkeit zielende Sekundärstudien, die aufgrund einer spezifischen Forschungsfrage Ergebnisse aus Primärstudien zusammenfassen und daraus verlässliche Handlungsempfehlungen ableiten. Die Methode des Systematic Review, zusammen mit der Meta-Analyse auch bekannt als Nonplusultra evidenzbasierter Forschung (vgl. Abb. 1 von Karrer, 2020), erfreut sich in den letzten Jahren über die Medizin hinaus in immer mehr empirischen Disziplinen wachsender Beliebtheit (Ledl, 2021). Daneben gibt es mit Rapid Reviews, Scoping Reviews usw. verwandte Studientypen (vgl. Sutton et al., 2019), die ebenfalls auf einer komplexen, systematischen Literaturrecherche beruhen und deshalb ein für bibliothekarische Beratung und Mitwirkung potenziell interessantes Feld darstellen.

Abb. 1: Evidenzpyramide von Karrer, 2020.

Der strukturierte SR-Prozess läuft in klar definierten, aufeinander folgenden Phasen ab, nach denen Forschende vorgehen sollten. Sie lassen sich grob betrachtet in die a) Identifikation, b) Auswahl sowie c) Synthese aller für die Forschungsfrage relevanten Studien unterteilen. Idealerweise steht in einem Forschungsteam für jede Etappe die entsprechende Person bereit: a) ein:e Information Specialist bzw. Bibliothekar:in, b) ein:e Fachexpert:in, c) ein:e Expert:in für empirische Forschungsmethoden. Der Bereich „Identifikation“ erfordert dabei folgende „bibliothekarische“ Kompetenzen:

(…) umfassende Kenntnisse von bibliographischen Datenbanken, Recherchestrategien und Suchsyntax. (…) die Dokumentation der Suche sowie die Verwaltung und Weiterverarbeitung der Suchergebnisse. Ein Methodenbericht muss dem Systematic Review beigefügt sein. Die Beteiligung einer Bibliothek kann formal vorgeschrieben und so umfassend sein, dass der Bibliothekar oder die Bibliothekarin als Ko-Autor*in [des] Systematic Review fungiert (.). (Stille et al., 2021)

Darüber hinaus ist auch eine gewisse IT- bzw. Tool-Affinität nötig, da es verstärkt Bemühungen gibt, einzelne Schritte wie z.B. das Entwerfen der Suchstrategie durch (Semi)-Automatisierung zu erleichtern, zu beschleunigen und/oder zu objektivieren (vgl. Li, Scells & Zuccon, 2020; Scells et al., 2020).

Wissenschaftliche Bibliotheken nehmen den Trend zu Systematic Reviews wahr und „über die hohe Relevanz solcher Services herrscht weitgehend Konsens“ (Stille et al., 2021). Konkrete Beratungsangebote zu oder aktive Beteiligungen an dieser Art der Forschungsunterstützung gibt es aber ausserhalb der Gesundheitswissenschaften noch sehr wenige. Um dies zu ändern, werden laut Positionspapier der Kommission für forschungsnahe Dienste des VDB Fortbildungen gebraucht, mit denen entsprechendes Fachwissen aufgebaut werden kann (Stille et al., 2021).

2. Berufliche Herausforderungen für wissenschaftliche Bibliothekar:innen durch Systematic Reviews

Systematic Reviews sind im beruflichen Alltag von wissenschaftlichen Bibliothekar:innen angekommen. Eine Untersuchung an der Queen’s University in Kingston, Ontario konnte zeigen, dass die Arbeitsbelastung für Bibliothekar:innen durch die Beteiligung an Sekundärstudien zwischen 2016 und 2020 stark gestiegen ist (Ross-White, 2021). Es kommen zunehmend Anfragen nach Unterstützung bei der systematischen Recherche aus Fakultäten und Instituten. Die notwendigen Schritte zur Vorbereitung, Durchführung und Veröffentlichung von Systematic Reviews tangieren in höchstem Masse Dienstleistungen von Wissenschaftlichen Bibliotheken im Bereich Forschungs- und Publikationsunterstützung.

Es darf als erwiesen gelten, dass das Hinzuziehen von wissenschaftlichen Bibliothekar:innen bzw. Expert:innen aus verwandten Berufsgruppen die Qualität systematischer Übersichtsarbeiten signifikant erhöht (Lefebvre et al., 2022). In Standardwerken zur Forschungssynthese finden sich daher explizite Aufforderungen, erfahrene Personen aus dem akademischen I & D-Bereich in Forschungsteams zu integrieren (vgl. Cooper, 2017; Booth et al., 2022). An der Schnittstelle zwischen Forschung und Information ist so das für systematische Übersichtsarbeiten zentrale Profil „Information Specialist“ entstanden. Es lässt sich im Kern definieren als „a highly trained and skilled professional who helps researchers uncover and utilize resources to aid with evidence-based research. Their participation in systematic reviews helps improve the documentation of literature searches and minimizes risk of bias“ (Evidence Partners, 2022).

Information Specialists können bei der Durchführung von Systematic Reviews aufgrund ihrer Expertise praktisch zu jedem methodischen Teilaspekt einen wichtigen Beitrag leisten und dabei mindestens 18 verschiedene Rollen wahrnehmen (Spencer & Eldredge, 2018). Durch die derartige „Verwissenschaftlichung“ von forschungs- und fachnahen, informations-infrastrukturellen Tätigkeiten (z.B. in wissenschaftlichen Bibliotheken) ergibt sich die Chance und Notwendigkeit, „dass mit Forschenden – nicht nur punktuell, sondern projektförmig – eng zusammengearbeitet werden kann und muss“ (RfII, 2019). Allerdings steht dem Desiderat nach einer engen, professionellen Kooperation ein Mangel an zertifizierten Weiterbildungsmöglichkeiten gegenüber. (Bissels, 2019) Und so gilt besonders auch für das Feld der Systematic Reviews:

Viele der benötigten Fähigkeiten werden derzeit nur punktuell, durch Peer-to-Peer Beratung bzw. informellen Erfahrungsaustausch in Praktikernetzwerken vermittelt, zudem werden von verschiedenen Akteuren Workshops oder Sommerschulen organisiert. Formale Qualifizierungswege auch und gerade für Quereinsteiger sieht das System bislang noch kaum vor. Der Erwerb notwendiger Qualifikationen geschieht somit größtenteils im Wege eines ‘Learning by Doing’. Studienangebote oder zertifizierte Kurse, die eine formale Qualifizierung ermöglichen, wären ebenso nötig. (RfII, 2019)

Neben den BA-, MA- und postgradualen Studiengängen in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft im D-A-CH-Raum, wo hier und da sicherlich auch thematische Aspekte des Systematic Review-Prozesses berührt werden, gibt es aktuell z.B. von Cochrane Deutschland bzw. Österreich mehrtägige Workshops mit Teilnahmebestätigung zu Grundlagen1 resp. Vertiefung2 der systematischen Literaturrecherche, allerdings zugeschnitten auf Klientel aus der Evidenzbasierten Medizin. Auch der Online-Selbstlernkurs „Cochrane Interactive Learning“ enthält ein 90-minütiges Modul3 zur Suche nach Studien. Das sozialwissenschaftliche Pendant zu Cochrane, die Campbell Collaboration, ist im deutschsprachigen Gebiet weniger aktiv, bietet auf YouTube aber frei verfügbare Videos4 zur systematischen Literaturrecherche an und verweist auf weitere Ressourcen5.

Bei den meisten ein- oder mehrtägigen Workshops und Trainings zu Systematic Reviews liegt das Hauptaugenmerk auf den benötigten empirischen Forschungsmethoden. Sie verlangen von den Teilnehmenden daher häufig entsprechende Vorkenntnisse:

Participants of the quantitative part are expected to have followed an introduction in descriptive and inferential statistics, participants of the qualitative part should be able to read and understand original, qualitative research papers.6

Aspekte der Vorbereitung oder des Retrievals, der Dokumentation und des Reportings werden – wenn überhaupt – meist nur kurz gestreift. Gerade diese Inhalte artikulieren jedoch bereits aktive oder angehende Information Specialists als Fortbildungsbedarf (Ortolano & Schweizer, 2020). Zudem richten sich die meisten Angebote an Medizinbibliothekar:innen bzw. medizinische Informationsspezialist:innen, für andere evidenzbasierte bzw. empirische Disziplinen existieren noch kaum Kurse, vor allem nicht im deutschsprachigen Raum.

Was für Systematic Reviews fehlt, ist also ein fachübergreifender, umfassender und zertifizierter Weiterbildungsstudiengang zur Qualifizierung von künftigen Information Specialists.

3. Das CAS-Programm „Systematic Review Information Specialist“

Ein Hochschulzertifikat für das neue Berufsbild „Information Specialist“ ist eine notwendige Folge der Anforderungen, die an der Schnittstelle von Forschung und wissenschaftlicher Information entstanden sind und – wie manche meinen – mit der systematischen Literaturrecherche den wichtigsten Teil7 eines Systematic Reviews betreffen. Diese bestehende Lücke möchte das CAS-Programm „Systematic Review Information Specialist“8 schliessen, welches die Campus Muttenz Bibliothek9 der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) zusammen mit der Universitätsbibliothek Basel Medizin10 an der Hochschule für Life Sciences11 der FHNW ab Januar 2023 anbietet. Mit seinem spezifischen Zuschnitt auf Evidenzsynthese und Forschungsunterstützung wendet es sich an Hochschulabsolvent:innen aller empirischen Fachrichtungen. Besonders angesprochen sind Personen aus Wissenschaftlichen Bibliotheken, Hochschulen und Forschungseinrichtungen, die in ihrem Berufsalltag mit der Erstellung von Systematic Reviews konfrontiert sind. Das Innovationspotential des CAS ist enorm, da ein solches Angebot im D-A-CH-Raum – obwohl dringend gewünscht – noch nicht existiert und somit einzigartig ist (Bissels, 2020). Statt verstreuter Kurse zu einzelnen Schritten des Systematic Review-Prozesses bündelt dieser CAS alle notwendigen Kompetenzen zur Forschungsunterstützung und vermittelt sie von der Planung über die Durchführung bis hin zur Publikation einer systematischen Übersichtsarbeit. Darüber hinaus gibt er Einblicke in den konkreten Berufsalltag, bietet Möglichkeiten zur Reflexion der Praxis und vermittelt Strategien zur Verankerung von spezifischen Beratungsdienstleistungen in Hochschulen und angeschlossenen Institutionen bzw. Forschungseinrichtungen. Die Dozierenden arbeiten selbst als Information Specialists und verfügen über langjährige Lehr- und Forschungserfahrung in der Begleitung systematischer Übersichtsarbeiten. So wird auch die wissenschaftliche Fundierung gewährleistet. Die Teilnehmenden bekommen Einblick in reale, evidenzsynthetisierende Forschungsprojekte und führen als Abschlussarbeit eine eigenständige systematische Recherche durch.

Die Verknüpfung mit der FHNW-eigenen Forschung und Entwicklung erfolgt, indem die Campus Muttenz Bibliothek die von den Teilnehmenden zu entwickelnden Kompetenzen und Kenntnisse allen Forschenden und Studierenden bereits in Form der Dienstleistungen „Forschungsunterstützung von systematischen Übersichtsarbeiten“12 bzw. Methodenberatungen13 anbietet. Der ‘hauseigene’ Information Specialist ist an Forschungsprojekten beteiligt und publiziert (über) Systematic Reviews. Durch die Notwendigkeit, im CAS up-to-date zu bleiben, erhalten auch die Angehörigen der FHNW für die Durchführung von Systematic Reviews stets Forschungssupport auf dem neuesten Stand. Schliesslich münden aus dem CAS auch Lehrveranstaltungen und Workshops für FHNW-Angehörige.

Vorausgegangen ist dem CAS-Programm in der Konzeptionsphase eine Potenzialanalyse mittels einer Umfrage, die am 1. Juli 2021 über fachlich einschlägige Mailinglisten Wissenschaftlicher und Öffentlicher Bibliotheken14 mit einer Reichweite von ca. 10’000 Abonnierenden verteilt wurde. Am 19. Juli 2021 lagen 108 Antworten vor. Die Ergebnisse der Umfrage unterstrichen das angenommene Potenzial und die Ausrichtung des CAS. So erachten 86% das Thema des CAS als relativ (24.3%), sehr (24.3%) oder äusserst (37.4%) wichtig. Als Fachbereiche wurden am häufigsten Sozialwissenschaften (34.3%), Lebenswissenschaften (21.3%), Naturwissenschaften (11.1%), Medizin (9.3%), Ingenieurwissenschaften (6.5%) und Geisteswissenschaften (4.6%) genannt. Die Kernmodule „Methodologie“, „Suchstrategien und Suchinstrumente“, „Durchführung der Recherche und Aufbereitung der Referenzen“ und „Dokumentation und Reporting der Recherche“ zur systematischen Suche wurden als besonders interessant empfunden. Als Unterrichtsform wurde Fernunterricht (56.5%) bzw. Blended Learning (33.3%) favorisiert, als Unterrichtssprache Deutsch (56.5%). Die Antwortenden waren an Wissenschaftlichen Bibliotheken (48.1%), Universitäten (14.8%), Fachhochschulen (13.9%) oder anderen Forschungseinrichtungen (6.5%) in der Schweiz (45.4%), Deutschland (36.1%) und Österreich (16.7%) tätig. 81.5% gaben an, in den nächsten zwei Jahren eine berufsbegleitende und hochschulzertifizierte Weiterbildung „Systematic Review Information Specialist“ besuchen resp. ihren Mitarbeitenden ermöglichen zu wollen.

Das daraufhin erstellte CAS-Programm umfasst 10 ECTS, was einem Arbeitsaufwand von ca. 250 Stunden entspricht, besteht aus insgesamt 7 Modulen (vgl. Abb. 2) und findet teils in Präsenz, überwiegend aber online statt. Es ist als berufsbegleitende Weiterbildung konzipiert, d.h. die Lektionen finden an Wochenenden oder abends statt, und die Zahl der Teilnehmenden ist auf 16 beschränkt.

Abb. 2: Module des CAS „Systematic Review Information Specialist”

Die wichtigsten Lernziele bzw. zu erwerbenden Kompetenzen bestehen darin, dass die Absolvent:innen das Berufsbild Information Specialist und dessen verschiedene Rollen, die methodischen Anforderungen an und den methodischen Prozess der Durchführung systematischer Übersichtsarbeiten sowie spezifische Guidelines, Frameworks und digitale Tools zur Durchführung der einzelnen Schritte systematischer Übersichtsarbeiten kennen und diese anwenden können. Sie haben ein grundlegendes Verständnis von qualitativen/quantitativen Methoden zur Evidenzsynthese, können in den relevanten Bereichen eine eigenständige systematische Literaturrecherche durchführen, dokumentieren, als wissenschaftliche Publikation verschriftlichen und Forschende bezüglich Systematic Reviews beraten. Ihnen sind Strategien, um die Dienstleistung in ihrer Institution aufzubauen, bekannt zu machen und Teil von Forschungsteams zu werden, und die wichtigsten Ressourcen, um methodische Weiterentwicklungen bei der Durchführung von Systematic Reviews zu verfolgen und so ihr Wissen selbständig kontinuierlich zu erweitern, vertraut. Des Weiteren ist das Community-Building ein wichtiges Anliegen des CAS, die Teilnehmenden sollen sich bereits während des Programms rege austauschen, aber auch danach über einen webbasierten Instant-Messaging-Dienst in Kontakt bleiben und jederzeit Fragen stellen, Feedback einholen oder Anregungen posten können. Auf der Seite https://www.systematic-reviews.info/ stellen die Absolvent:innen sich und ihren (nicht teilnehmenden) Kolleg:innen als ein Resultat des CAS „Materialien für Information Specialists“ für die freie Nachnutzung zusammen. Sie sollen als „Beratungskoffer“ zur Forschungsunterstützung dienen.

4. Schnittpunkte zwischen Wissenschaftlichen und Öffentlichen Bibliotheken bei der systematischen Literaturrecherche

Die Relevanz von Systematic Reviews und des CAS-Programms für Beratungsangebote und weitere Services von Wissenschaftlichen Bibliotheken ist offensichtlich. Wo aber liegen die Potenziale für Öffentliche Bibliotheken?

4.1 Systematic Reviews, forschungsnahe Dienste und Citizen Science in Öffentlichen Bibliotheken

Auch Öffentliche Bibliotheken bewegt das Thema Forschungsunterstützung. Unter dem Motto „Wir können mehr!“ beschäftigte sich das Bündnis Freie Bildung auf dem virtuellen 109. Deutschen Bibliothekartag mit der Frage, wie Öffentliche Bibliotheken Teilhabe und „das Lernen in Gemeinschaften aktiv fördern können“ und sehen sie auch als Partnerinnen für forschungsnahe Dienstleistungen wie Open Science, Publikationsberatung oder Citizen Science (Fahrenkrog, Theis & Haase, 2020). Diese Aufzählung liesse sich um die Beratung bei der systematischen Literaturrecherche erweitern, vor allem, weil es zwischen Systematic Reviews und Citizen Science (CS) eine Verbindung gibt und sich öffentliche Bibliotheken anschicken, „selbstverständliche Anlaufstelle für kultur- und sozialwissenschaftliche CS-Projekte“ zu werden, inklusive der Möglichkeit, „dass Bürger*innen eigenständig Forschungs- und Dokumentationsprojekte initiieren können“ (Imhof, 2020). Und auch unter dem naturwissenschaftlichen Label „Scientific Literacy» sollen Öffentliche Bibliotheken künftig „ein solides Grundwissen zu wissenschaftlichen Methoden“ vermitteln sowie Bürgerwissenschaftler:innen „durch die Bereitstellung von Räumlichkeiten, Infrastrukturen und Beratung unterstützt“ und „eigene Citizen-Science-Projekte aufgesetzt werden“ (Bunge, 2019). Damit ist ein grosser Teil des Fächerkanons, in dem Systematic Reviews durchgeführt werden, auch über Öffentliche Bibliotheken abgedeckt.

Ein entscheidender Unterschied bei der Erstellung von Systematic Reviews zu Literature oder Narrative Reviews ist der wesentlich höhere zeitliche Aufwand. Daher gibt es bspw. Bestrebungen, den teilweise über viele Monate oder sogar Jahre andauernden Prozess mittels Künstlicher Intelligenz abzukürzen (Thomas et al., 2017). Eine andere Idee, um schneller und effizienter voranzukommen ist, die einzelnen Prozessschritte in sogenannte „Microtasks“ zu zerlegen und via Crowdsourcing15 an speziell geschulte Citizen Scientists zu vergeben. Als eine solche Kleinstaufgabe für Bürgerwissenschaftler:innen haben Strang & Simmons (2018) bei der Identifikation von Primärstudien das Durchführen der systematischen Literaturrecherche in bibliografischen Datenbanken ausgemacht. Viele davon erfordern eine Lizenz, die Öffentliche Bibliotheken in der Regel nicht haben, andere jedoch, wie z.B. PubMed16 (Biowissenschaften) oder ERIC17 (Erziehungswissenschaften) sind frei zugänglich. Eine wahre Fundgrube für Letztere stellt das Datenbank-Infosystem18 (DBIS) der Universitätsbibliothek Regensburg dar. Um der methodischen Anforderung der Vollständigkeit gerecht zu werden, können auch die dort aufgeführten kleineren, ‘unbekannteren’ Datenbanken und Register sehr wertvoll sein, vor allem deshalb, weil neben der im Verlagswesen erscheinenden die Graue Literatur im Zusammenhang mit Systematic Reviews eine wichtige Rolle spielt (vgl. z.B. Paez, 2017). Wissenschaftliche Suchmaschinen wie Google Scholar19, BASE20, Semantic Scholar21, WorldWideScience22 uvm. sowie akademische soziale Netzwerke (z.B. ResearchGate23) als weitere wichtige Ressourcen sind ohnehin für die Allgemeinheit verfügbar.

Wenn Öffentliche Bibliotheken es mit ihrem Engagement in den Bereichen forschungsnahe Dienste und Citizen Science ernst meinen, sollten sie ebenso wie Wissenschaftliche Bibliotheken die Unterstützung von Systematic Reviews in den Blick nehmen, die Werkzeuge dafür stehen jedenfalls grösstenteils zur Verfügung.

4.2 Sekundärstudien als Forschungsmethode in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft

Systematic Reviews sind für Öffentliche Bibliotheken interessant, wenn letztere selbst Forschungsgegenstand der Bibliotheks- und Informationswissenschaft sind (Komba & Lwoga, 2020). So untersuchen bspw. Sørensen (2020, 2021) und Mubofu & Mambo (2021) den Wert von Öffentlichen Bibliotheken für die Gemeinschaft anhand systematischer Übersichtsarbeiten. Kostagiolas & Katsani (2021) widmen sich mit dieser methodischen Herangehensweise der Frage, wie Öffentliche Bibliotheken während der Corona-Pandemie verwaltet wurden. Abidin, Shaifuddin & Saman (2021) erforschen den Beitrag der Bibliotherapie in Öffentlichen Bibliotheken zur psychischen Gesundheit anhand eines Systematic Reviews – um nur fünf der jüngsten Studien zu nennen.

Frühere systematische Übersichtsarbeiten entstanden u.a. zur Rolle Öffentlicher Bibliotheken in Post-Konflikt-Gesellschaften (Qvortrup, 2017), bei der Gesundheitsförderung der Bevölkerung (Philbin et al., 2019), der Entwicklung von Tourismusdienstleistungen (Sheikh & Nazki, 2019) und als Institutionen des öffentlichen Raums (Koizumi & Widdersheim, 2016; Vårheim, Skare & Lenstra, 2019). Weitere behandeln den Einsatz von Marketingkonzepten (Seifi & Kazemi, 2018), Dienstleistungen für ethnische und andere Minderheiten (Zardary et al., 2020) und Immigranten (Wang et al., 2020) und die Vermittlung von Finanzkompetenz (Faulkner, 2015) in Öffentlichen Bibliotheken oder die Benutzerbedürfnisse im ländlichen Raum (Samsuddin, Shaffril & Fauzi, 2020).

Andere wiederum nehmen Öffentliche und Wissenschaftliche Bibliotheken gemeinsam in den Blick, wie z.B. Systematic Reviews über die berufliche Weiterentwicklung durch Social Media (Luo & Hostetler, 2020), nachhaltige Entwicklung (Khalid, Malik & Mahmood, 2021), den Einsatz von Live-Chats (Matteson, Salamon & Brewster, 2011), Marketingstrategien (Thaha & Purnamasari, 2021) oder Unternehmergeist (Kazemi & Seifi, 2019), elektronische Medien (Alipour-Hafezi & Khedmatgozar 2016), Discovery Engines (Bossaller & Moulaison Sandy, 2017) uvm. Und natürlich gibt es auch solche, die sich ganz auf Wissenschaftliche Bibliotheken konzentrieren (vgl. z.B. Frandsen & Sørensen, 2020).

In den letzten zehn Jahren (2011-2021) hat sich die Anzahl der durchgeführten systematischen Übersichtsarbeiten (oder der Abhandlungen über diese) in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft rund versiebenfacht (Faktor 7.44 in „Library Literature & Information Science Full Text (H.W. Wilson)“, Faktor 7.17 in „Library & Information Science Abstracts“ (LISA), Faktor 6.88 in „Library, Information Science & Technology Abstracts“ (LISTA)), während die Gesamtzahl der indexierten Publikationen in diesem Zeitraum sogar abgenommen hat (Faktor 0.64 in LISA, Faktor 0.91 in „Library Literature & Information Science Full Text (H.W. Wilson)“, Faktor 0.98 in LISTA).24

Die durch Systematic Reviews ermittelte, anwendungsorientierte Aufbereitung der diversen vorliegenden empirischen Erkenntnisse zu klar definierten Forschungsfragen versetzt Entscheidungsträger:innen in Öffentlichen – und selbstverständlich auch in Wissenschaftlichen – Bibliotheken in die Lage, empirisch gut begründete Massnahmen zur Weiterentwicklung ihrer Institutionen zu ergreifen.

5. Fazit

Die Durchführung von Sekundärstudien tangiert sowohl Wissenschaftliche wie Öffentliche Bibliotheken. Während Verantwortliche in Ersteren zunehmend willens sind, für Beratungsservices „durch die Bereitstellung entsprechender Personalressourcen und Fortbildungen Expertise aufzubauen“ (Stille et al., 2021), befinden sich Öffentliche Bibliotheken noch weitestgehend am Anfang. Dabei ist die Umsetzung evidenzbasierter Praxis für sie von grösster Bedeutung (Hallam & Ellard, 2015; Wynia Baluk et al., 2022). Mit den Forschungsmethoden des Systematic Review und der Meta-Analyse stehen ihnen Hilfsmittel zur Verfügung, welche die grösstmögliche qualitative bzw. quantitative Evidenz liefern. Gleichzeitig ergibt sich dadurch die Möglichkeit, eng mit Wissenschaftlichen Bibliotheken zu kooperieren und als „Community Hubs“ ambitionierte Citizen Scientists mit Forschenden an Universitäten und Hochschulen in Kontakt zu bringen oder bei der Umsetzung der Microtasks entsprechender Projekte zu assistieren. Je stärker sich auch Öffentliche Bibliotheken den Themen Forschungsunterstützung und Bürgerwissenschaft annehmen, desto sichtbarer werden die Überschneidungen werden. Dass Wissenschaftliche und Öffentliche Bibliotheken erfolgreich zusammenarbeiten und Dinge gemeinsam voranbringen, ist nichts Aussergewöhnliches (vgl. Mathson, Sabo & Salisbury, 2009; Allen-Overbey, Dotson & Meyers LaBadie, 2016). Die Unterstützung von Systematic Reviews durch systematische Literaturrecherche könnte in Zukunft ein innovatives Feld einer solchen Partnerschaft sein.


Anhang

1. Dokumentation der in den Datenbanken am 22. April 2022 angewandten, auf die Jahre 2011 bzw. 2021 eingeschränkte Suchabfragen zu systematischen Übersichtsarbeiten

Datenbank

Suchabfrage

Treffer
2011

Treffer
2021

Wachstums-faktor

Library & Information Science Abstracts (LISA) [ProQuest, Erweiterte Suche]

MAINSUBJECT.EXACT("Systematic review") OR MAINSUBJECT.EXACT("Meta-analysis") OR TI("systematic review" OR "meta analyses" OR "meta analysis" OR "meta analytic" OR "scoping review" OR "rapid review" OR "meta ethnograph*" OR "systematic search" OR "systematized review" OR "mixed studies review" OR "mixed methods review" OR "mapping review" OR "systematic map" OR "evidence synthesis" OR "integrative review")

41

294

7.17

Library, Information Science & Technology Abstracts (LISTA) [EBSCOhost, Advanced Search]

DE("Systematic reviews" OR "Meta-analysis") OR TI("systematic review" OR "meta analyses" OR "meta analysis" OR "meta analytic" OR "scoping review" OR "rapid review" OR "meta ethnograph*" OR "systematic search" OR "systematized review" OR "mixed studies review" OR "mixed methods review" OR "mapping review" OR "systematic map" OR "evidence synthesis" OR "integrative review")

50

344

6.88

Library Literature & Information Science Full Text (H.W. Wilson
[EBSCOhost, Advanced Search]

TI("systematic review" OR "meta analyses" OR "meta analysis" OR "meta analytic" OR "scoping review" OR "rapid review" OR "meta ethnograph*" OR "systematic search" OR "systematized review" OR "mixed studies review" OR "mixed methods review" OR "mapping review" OR "systematic map" OR "evidence synthesis" OR "integrative review")

39

290

7.44

2. Dokumentation des in den Datenbanken indexierten Gesamtoutputs der Jahre 2011 bzw. 2021

Datenbank

Treffer 2011

Treffer 2021

Wachstumsfaktor

Library & Information Science Abstracts (LISA) [ProQuest]

28’291

17’977

0.64

Library, Information Science & Technology Abstracts (LISTA) [EBSCOhost]

77’667

76’343

0.98

Library Literature & Information Science Full Text (H.W. Wilson)[EBSCOhost]

87’697

80’241

0.91


Zum Autor

Dr. Andreas Ledl studierte Erziehungswissenschaft an der Universität Regensburg und promovierte im selben Fach an der Universität Flensburg. Nach seinem Volontariat an der Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha arbeitete er ab 2008 als wissenschaftlicher Bibliothekar, Fachreferent und „Information Specialist“ im Bereich der Human- und Sozialwissenschaften, zunächst an der Universitätsbibliothek Basel, dann auch an der Universitätsbibliothek Bern. Seit September 2020 leitet er die Campus Muttenz Bibliothek der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) und hat dort einen Beratungsservice für systematische Literaturrecherche sowie die im Januar 2023 startende, zertifizierte Weiterbildung (CAS) „Systematic Review Information Specialist“ aufgebaut.

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