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Erwerbung an den Rändern der bibliothekarischen Sammlung – Graue Literatur und „Gender in MINT“ als Beispiele für die Inklusivität der Wissenslandschaft

Published onSep 12, 2022
Erwerbung an den Rändern der bibliothekarischen Sammlung – Graue Literatur und „Gender in MINT“ als Beispiele für die Inklusivität der Wissenslandschaft
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Abstract

Der Beitrag geht der Frage nach, inwiefern die Erwerbung in Bibliotheken auch Randbereiche berücksichtigen kann und ob diese für eine zeitgemässe Bestandswicklung und für die Inklusivität der Wissenslandschaft relevant sind. Als Einstieg in das Thema werden aktuelle Debatten zur Erwerbungspolitik in der Bibliotheks-Community aufgezeigt. Flankierend fächert eine Situationsmap die von den Autorinnen erarbeitete Skizzierung der verschiedenen Facetten der Erwerbung visuell auf. Auf Basis von strukturierten Interviews und gesammelten Erfahrungsberichten mit Expert:innen der Erwerbung dienen Best-Practice-Analysen als verdichtende Beispiele für mögliche Diversität im Bestandsaufbau. Unter Einbeziehung der Methodik des Denklabors rücken zwei Fallbeispiele in den Fokus, zum einen die Kanonbildung in der Erwerbung – hier geht es um drei sehr spezifische Erwerbungsbereiche der Staatsbibliothek zu Berlin: Amtliche Publikationen, E-Books jenseits des Mainstreams und der Publikationsmarkt Japans – und zum anderen die Erwerbung von Literatur zu Gender und Diversity in MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) in der Genderbibliothek/Informations- und Dokumentationsstelle des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin. Allen Beispielen ist gemeinsam, dass ein spezifischer Sammlungsaufbau sehr spezifische Markt- und Fachkenntnis und intensive Vernetzung sowohl auf bibliothekarischer wie auch auf fachlicher Ebene voraussetzt. Ein weiterer Befund ist, dass nur mit verteilen Schwerpunkten und untereinander abgestimmten Profilen dafür gesorgt werden kann, dass bestimmte schwierig zu erwerbende Publikationsbereiche abgedeckt sind. Ein zusätzlicher Ertrag dieses Textes ist, dass das Denklabor und der intensive Austauschprozess zwischen den Autorinnen zu einem neuen Verständnis der jeweiligen Community führt und immer wieder auf die Situiertheit und Partialität der Perspektiven hinweist.

This paper explores the question if acquisition in libraries could also take marginalised areas into account and whether these are relevant for contemporary collection development and for the inclusivity of the knowledge landscape. As an introduction to the topic, we are highlighting some current debates on acquisition policy in the library community. A situation map visually spreads out the authors' outline of the various facets of acquisition. On the basis of structured interviews and collected experience reports with acquisition experts, best practice analyses serve as condensed examples of diversity in collection development. Using the methodology of “living labs”, the focus is on two case studies: firstly, canonical acquisition – here, the focus is on three very specific acquisition areas of the Berlin State Library: official publications, e-books beyond the mainstream and the publication market of Japan – and secondly, the acquisition of literature on gender and diversity in STEM in the Gender Library/Information and Documentation Centre of the Centre for Transdisciplinary Gender Studies at the Humboldt-Universität zu Berlin. All the examples share that specific collection building requires very specific market and subject knowledge and intensive networking at both library and subject level. Another finding is that only distributed focal points and coordinated profiles can ensure that certain publication areas are covered. Further outcome: The living lab and the intensive process of exchange between the authors leads to a new understanding of the respective community and repeatedly points to the situatedness and partiality of the perspectives.


Einleitung und Einordnung – Erwerbung in Bibliotheken im Hinblick auf ein inklusives Verständnis von Sammlungsaufbau

Kann die Erwerbungspolitik als eine Dimension der Diversität in Bibliotheken betrachtet werden? Inwiefern ist der Aspekt des inklusiven Sammlungsaufbaus relevant für die Akteure1 in Bibliothek und Wissenschaft? Um dieser Frage nachzugehen, erläutern wir zunächst die relevanten Bausteine der Bestandsentwicklung in Bibliotheken und führen in den aktuellen Sachstand zum bibliothekarischen Diskurs über Erwerbungsprofile ein. Einen vertiefenden Eindruck zur Kontextualisierung der Erwerbung geben wir mit einer Situationsmap, die auf dem methodischen Ansatz der Grounded Theory beruht.

Weiterhin betrachten wir anhand von zwei Beispielbereichen, inwiefern die Bestandsentwicklung von Marktmechanismen dominiert ist und welche Spielräume es gibt, damit auch neue Themen und alternative Inhalte Beachtung finden können. Die Best-Practice-Beispiele sollen Lösungsmöglichkeiten und Handlungsempfehlungen für den Umgang mit den betreffenden normativen Prozessen in der täglichen bibliothekarischen Arbeit skizzieren.

Aktueller Diskurs zum Erwerbungsprozess in der Bibliotheks-Community

Die Kernaufgabe von Bibliotheken besteht darin, freien Zugang zu Informationen – ein breites Spektrum an Wissen, Ideen, medialen Inhalten und Meinungen – anzubieten […]. (BID, 2016)

Diese Aussage trifft die Kommission „Erwerbung und Bestandsentwicklung“ des Deutschen Bibliotheksverbandes in Bezug auf den Um­gang mit um­strit­te­nen Wer­ken. Dies ist derzeit das einzige Thema auf Ebene der Kommission, das die Frage der inhaltlichen Auswahl und des Sammlungsaufbaus einordnet und in Form eines Positionspapiers und eines Musterbriefes dazu Stellung bezieht. Aktuell dominieren im erwerbungsspezifischen Diskurs Themen zu Steuerfragen und Methoden des Zugriffs auf digitale Infomationsressourcen.2

Welche Themen zur Bestandswicklung finden derzeit Resonanz in der Bibliothekswelt? In der Fachliteratur werden zum Beispiel folgende Fragen verhandelt: Förderung und Unterstützung von Open Access Publikationen (Mutschler, 2020; Rösch, 2019), Kooperative Fachreferate (Calvo Tello, Czolkoß-Hettwer, & Mimkes, 2022), Nutzergesteuerte Erwerbungsmodelle (Otzen & Korneli-Dreier, 2019), sowie Citizen Science (Munke, 2019). Eine gemeinsam geführte öffentliche Reflexion zur Erwerbungspolitik taucht allenfalls in Bezug auf umstrittene Literatur auf, – damit ist der Umgang mit Publikationen von rechten Verlagen (Roschmann-Steltenkamp, 2019; Rösch, 2018) und von Scheinverlagen (Deinzer & Herb, 2020) gemeint. Eine kontroverse und breit dokumentierte Diskussion fand und findet in Bezug auf die Neuorientierung der DFG-geförderten überregionalen Literaturversorgung durch Fachinformationsdienste statt (Petras, 2019; Kreische, 2019). Auch beim 8. Bibliothekskongress 2022 in Leipzig verstecken sich die Themen Erwerbung und Bestandsentwicklung nahezu ausschliesslich in den öffentlichen Arbeitssitzungen der einzelnen Fachinformationsdienste.3 Darüber hinaus scheint eher intern verhandelt zu werden, wie Bestandsprofile zeitgemäss angepasst und vielfältige Inhalte nachhaltig verfolgt und zur Verfügung gestellt werden können.

Wie anhand der aktuellen Debatten gezeigt, tritt in der Reflektion zur Portfolioentwicklung grosser wissenschaftlicher Bibliotheken das Ziel eines möglichst diversen Erwerbs der Verlagslandschaft, von grauer Literatur, von kleinen Verlagen und nicht-europäischen Publikationsmärkten zunehmend in den Hintergrund. Der Fokus der Bemühungen verlagert sich auf den verlagsbasierten Paketerwerb von E-Books und Datenbanken und auf nutzergesteuerte Erwerbung in Zusammenarbeit mit dem Buchhandel – im Fachreferat sind Forschungsdaten das „New Grey“. Dies kann bewirken, dass die angebotenen Inhalte verschiedener Bibliotheken austauschbarer werden und das Mainstream-Angebot ein verengtes Bild der aktuellen Wissensproduktion liefert. Einerseits findet man hierzu Statements, die die Relevanz von Sammlungen in Frage stellen (Eigenbrodt, 2016), andererseits wird die Sorge formuliert „Wie verhindern wir das ‚schwarze Loch‘?“ (Jacobs, 2021), wenn die physische Sammlungen von digitalem Content abgelöst wird und die Vielfalt der Sammlung nicht länger das verfügbare Wissen repräsentiert (Laube, 2020; Weber, 2020).

In diesem Beitrag widmen wir uns anhand von Beispielen der Praxis der Literaturauswahl für Randbereiche und ordnen dies in die Landschaft des bibliothekarischen Erwerbungsprozess ein.

Vorbemerkung zur Methodik des Denklabors

Grundlage der vorliegenden Studie sind verschiedene Datenarten, die im Rahmen des Denklabors Verwendung des Forschungsansatzes der Grounded Theory erhoben und ausgewertet wurden. Bei der Grounded Theory werden verschiedene Arten von meist qualitativen Daten mit dem Ziel der Theoriegenerierung gesammelt und ausgewertet. Vor allem ihre Orientierung an der pragmatischen Handlungstheorie macht die Grounded Theory für die Untersuchung und Erschliessung unterschiedlichster Bereiche und Datenarten anwendbar, wobei sie sich unter anderem auch für den Bereich der Technik- und Wissenschaftsforschung als ergiebig erwiesen hat (Clarke, Sarnes, & Keller, 2012).

Das Denklabor zum Thema Erwerbung beschäftigte sich mit zwei Fallbeispielen aus der Beispielsammlung der Veranstaltung „Critical Library Perspectives“: der Erwerbung grauer Literatur und der Erwerbung von Literatur zum Thema Gender und Diversity in MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik).

Das erste Fallbeispiel zur Kanonbildung in der Erwerbung war folgendermassen formuliert:

Oft dienen etablierte Verlage als Orientierungshilfe bei der Erwerbung. Doch damit verengt sich der Blick auf ein bestimmtes Segment des Publikationsmarktes, das zumeist anglophon/europäisch/nordamerikanisch geprägt ist, während alternative Publikationsformate (z.B. kleine Independent-Verlage, Nischenverlage) oder Publikationen in anderen Sprachen und aus anderen Regionen weitgehend unbeachtet bleiben. Zwar ist durch die Open-Access-Transformation der Zugang zu Literatur ortsunabhängiger und leichter geworden, doch Bibliotheken können hier weiterhin einen Einfluss auf die Sichtbarkeit von Open-Access-Titeln ausüben, indem sie sie z.B. in ihren Katalogen nachweisen.
Fragen/Handlungsbedarfe: Inwiefern wird diese Praxis reflektiert? Gibt es eine aktive Erwerbung von Nischen- und Indie-Verlagen? Gibt es eine aktive Erwerbung von Verlagen und/oder Titeln, deren Fokus nicht eurozentrisch ist? Inwiefern lassen sich solche Erwerbungsformen mit den Anforderungen der Trägerinstitutionen vereinbaren (z.B. bei Unibibliotheken), bzw. welchen Spielraum haben und nutzen Bibliotheken?4

Das zweite Fallbeispiel behandelte das Thema der Erwerbung von Literatur zu Gender und Diversity in MINT:

Während in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften grundsätzlich damit gerechnet werden kann, dass Diversitätsaspekte sowohl in der wissenschaftlichen Arbeit als auch bei der bibliothekarischen Betreuung dieser Fächer reflektiert werden – insbesondere in spezifischen Disziplinen wie Gender Studies, Postkolonialen Studien etc. – gibt es andere Fächer und Fächerkulturen, in denen diese Aspekte weniger präsent sind, beispielsweise Natur- und Technikwissenschaften, aber auch Medizin, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften, sofern es sich nicht um spezialisierte Zweige innerhalb dieser Disziplinen handelt.
Fragen/Handlungsbedarfe: Welche Rolle können (Universitäts-)Bibliotheken bei einer Stärkung des Bewusstseins für Diversitätsaspekte in diesen Fächern spielen? Welche Maßnahmen müssten ergriffen werden, um die erwerbenden und erschließenden Referent:innen zu sensibilisieren, und wie könnten die aufgebauten/erschlossenen Bestände für Nutzende sichtbar gemacht werden? Wie könnte hier eine Zusammenarbeit mit den Fachvertreterinnen an den Fakultäten aussehen?5

In der spezifischen Situation des Denklabors wurde es möglich, dass wir – eine Fachvertreterin aus der Bibliothek, die mit der Erwerbung von grauer Literatur betraut ist sowie eine Fachvertreterin aus der Wissenschaft, die im Bereich Gender und Diversity in MINT und Planung/Feminist Science and Technology Studies lehrt und forscht – uns zu den beiden Themen austauschen sowie weitere Untersuchungsschritte besprechen und anregen konnten.

Der im Denklabor vollzogene Austausch gliederte sich in drei Phasen:

  1. Phase: Co-Konzeption

    • Austausch zu Schwierigkeiten der Erwerbung in den Bereichen graue Literatur und Gender und Diversity in MINT, Abstimmung des gemeinsamen Vorgehens in Videokonferenzen

  2. Phase: Co-Research und Einzelresearch

    • Ideensammlung

    • Literatursammlung

    • Strukturiertes Expert:inneninterview zur Erstellung einer Stoffsammlung zum Thema Erwerbung

    • Sammeln von Erfahrungsberichten

    • Recherchieren/Erheben von Best Practice Fällen in den eigenen Schwerpunktbereichen

  3. Phase: Co-Evaluation

    • kommunikative Validierung der Situationsmap

    • kommunikative Validierung der Ergebnisse

    • kollegialer Schreibprozess

Im Verlauf der Phasen 1 und 2 wurden ethnografische Daten mit der Methode der fokussierten Ethnografie (Knoblauch, 2001) sowie Interviewdaten mit der Methode des problemzentrierten Interviews (Witzel & Reiter, 2012) erhoben. Die Auswertung erfolgte mittels der qualitativen Inhaltsanalyse, welche es erlaubt kommunikative Inhalte systematisch zu analysieren (Mayring, 2015) sowie zeit- und aufwandsbedingt in reduziertem Masse mittels der Situationsanalyse (Clarke, Sarnes, & Keller, 2012).

Die Situationsanalyse zählt zu den qualitativen Methoden der Sozialforschung und wurde Anfang der 2000er Jahre von Adele E. Clarke an den Grounded-Theory-Ansatz anknüpfend entwickelt (Clarke, Sarnes, & Keller, 2012). Clarke erweitert mit der Situationsanalyse die methodologische Fundierung der Grounded Theory um Forschungsergebnisse aus der Diskurs- sowie der Akteur-Netzwerk Theorie und erhöht mit diesem Schritt die methodische Reflexivität. Sie entwickelt Mapping-Methoden, die es ermöglichen, Diskurs, Handlungen, Strukturen methodisch miteinander zu verknüpfen und in diese „dichten Analysen“ neben menschlichen auch nicht-menschliche, diskursive und weitere Elemente einzubeziehen.

Vergleichbar mit dem diskurstheoretischen Arbeiten an der „Oberfläche des Diskurses“ steht für die Situationsanalyse die Oberfläche der Situation im Mittelpunkt der Untersuchung. Unter Verwendung von Interviews, ethnographischem wie auch historischem, visuellem und weiterem diskursiven Material werden relationale Maps unter der Frage „Was ist in der Situation?“ angefertigt. Clarke entwickelt drei verschiedene Mapping Methoden, die eine unterschiedliche Ausrichtung der Analyse erlauben: 1) die Situationsmap, 2) Maps von Sozialen Welten/Arenen und 3) die Positionsmap. Die Situationsanalyse nimmt eine Reihe von Impulsen der feministischen Wissenschaftskritik auf, in dem sie a) auf die Situiertheit des (Forscher:innen-)Subjekts und b) die Partialität jeder Forschungsperspektive hinweist und c) mit dem Ziel antritt, „übertriebene Vereinfachungen“ (Clarke, Sarnes, & Keller, 2012) zu vermeiden und stattdessen Komplexität zu steigern (Harding, 1995; Haraway, 1988; Knapp, 2018). Mit der Situationsmap wollen wir einen ersten Schritt zu einer relationalen Analyse legen, in dem wir möglichst viele an der Situation beteiligte Akteure verzeichnen und dabei hoffentlich auch bisher unbemerkte Akteure sichtbar machen.

Die bibliothekarische Erwerbung – Versuch einer Kartierung

Im folgenden Abschnitt unternehmen wir den Versuch einer Kartierung des Erwerbungsprozesses, in dem wir zunächst einen Überblick über Bibliothekstypen und Erwerbungsprofile geben und anschliessend unsere Arbeit mit der Situationsanalyse und mit einem problemzentrierten Interview vorstellen.

Über die eher individualistische Perspektive der Handlungsspielräume hinaus, die Bibliothekar:innen nutzen können, um Bestände anzulegen und zu vervollständigen, wollten wir auch einen Fokus auf die Handlungsspielräume lenken, die sich in der bibliothekarischen Akquise aus Sicht der Aktor-Netzwerk-Theorie (ANT) als einer heterogenen Assoziation Bibliothek und Gesellschaft ergeben (van Loon, 2014). Weil die bibliothekarische Erwerbung der Ort ist, an dem die Bibliothek entscheidet, was von ihr gesammelt wird oder auch was dauerhaft zu ihr gehören soll, erschien es uns von grundlegender Bedeutung, Transparenz für diese bibliothekarische Praxis herzustellen, und so dabei zu unterstützen, eine gesellschaftliche Beteiligung zu stärken (Turner, 2022).

Bibliothekstypen und Erwerbungsprofile – Ein vorbereitender Überblick

Der Erwerbungsprozess in Bibliotheken ist zunächst strukturiert nach den verschiedenen Bibliothekstypen, die insgesamt eine vielschichtige Landschaft an Informationsbeständen zur Verfügung stellen: Nationalbibliotheken sowie Landes- und Regionalbibliotheken sammeln die Literatur einer Gebietseinheit möglichst vollständig, basierend auf dem Pflichtexemplarrecht. Universitäts- und Hochschulbibliotheken bauen mit möglichst universalem Blick Sammlungen für ihr akademisches Publikum auf. Spezial- und Fachbibliotheken sowie Forschungsbibliotheken widmen sich je nach Profil bestimmten Wissensgebieten. Weiterhin sind öffentliche Bibliotheken ein Wissenslieferant für alle sozialen Schichten und Altersstufen (Rösch, Seefeldt, & Umlauf, 2019).

Seefeldt fasst den allgemeinen Auftrag von öffentlichen Bibliotheken wie folgt zusammen:

Unverändert ist ihr genereller Auftrag geblieben, für alle Bürger:innen einen wichtigen Beitrag zur Einlösung des verfassungsrechtlich verbrieften Grundrechts zu leisten, ‚sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten‘ (Grundgesetz Artikel 5, Absatz 1) – und das politisch neutral, frei von Kommerz und Gewinnmaximierung und so sozial und nah am Menschen wie möglich. (Seefeldt, 2018)

Passend zu ihrem jeweiligen Typ und Träger gehört zu jeder Bibliothek ein Bestandskonzept beziehungsweise ein Erwerbungsprofil. Je knapper die Haushalte, aus denen die Bibliotheken finanziert werden, desto relevanter die verteilte Verantwortlichkeit und die klare Profilierung beim Erwerb der Literatur und den damit zusammenhängenden Dienstleistungen. Aus diesem Grund haben sich an Universitätsbibliotheken Modelle herausgebildet zur Verteilung des Etats auf die verschiedenen Fachbereiche. Schriftlich formulierte Portfolios, die auf Verteilungsmodellen oder Nutzungszahlen basieren und mit Kennzahlen untermauert sind, dienen als Basis für Verhandlungen des Budgets zur Bestands- und Dienstleistungsentwicklung der Bibliothek gegenüber ihren Trägern oder Drittmittelgebern (Müller-Wiegand & Pohlmann, 2019; Winter, Herwig, & Braschoß, 2020). Für das Fachreferat hat sich die Erwerbungsaufgabe von der Auswahl Titel für Titel auf die Arbeit an Profilen und an der intensiven Kommunikation mit den Library Suppliern verlagert. Die Veränderung und das Hinterfragen von Erwerbungskonzepten durch Träger oder Geldgebende wird als Erschütterung der Informationsversorgung wahrgenommen, vergleiche zum Beispiel die Neuordnung der DFG-geförderten überregionalen Literaturversorgung (Knoche, 2015).

Insgesamt bildet die bibliothekarische Sammlung eine vielschichtige Landschaft: Man findet kleine hochspezialisierte Initiativen und Projekte wie das Digitale Deutsche Frauenarchiv6 oder Papiertiger – Archiv & Bibliothek der Sozialen Bewegungen7. Dann gibt es das leistungsstarke Netz des DFG-geförderten Systems der Fachinformationsdienste (FID) zur überregionalen Literaturversorgung an den grossen wissenschaftlichen Bibliotheken. Auch der Bestandsaufbau auf Basis des Pflichtexemplars gehört zu dieser Landschaft. An Universitätsbibliotheken findet sowohl die fachspezifische Erwerbung durch den engen Kontakt zur Wissenschaft als auch der grossangelegte Kauf von E-Book-Paketen und übergreifende Verhandlungen mit Zeitschriften-Verlagen statt (Mutschler, 2020). Auf der anderen Seite setzen öffentliche Bibliotheken wie die Zentral- und Landesbibliothek Berlin stark auf das Outsourcing der Titelauswahl (Finke & Seitenbecher, 2018).

Situationsmap Erwerbung – Methodische Herangehensweise

Um den Gefahren von Wissensbereichen, die zwischen verschiedenen sozialen Welten verortet sind, zu entgehen und dem Charakter der Grenzlandoperation der bibliothekarischen Erwerbung Rechnung zu tragen, haben wir uns entschieden, eine ökologische Analyse durchzuführen (Star & Griesemer, 1989). Unsere Form der Auseinandersetzung ist hierbei jedoch eher als Anregung denn als abgeschlossene Analyse zu betrachten.

Bei der ökologischen Analyse wird versucht, möglichst viele Perspektiven der an einem spezifischen Geschehen beteiligten Akteure zu berücksichtigen, die sogenannte „Kartierung im Modus vieler zu vielen (many to many mapping)“ (Star & Griesemer, 1989). Auf dieser Grundlage erstellten wir eine Situationsmap, angelehnt an die Methode von Clarke (Clarke, Sarnes, & Keller, 2012). Die Untersuchung wurde von der Frage angeleitet, welche Akteure über die Bibliothekar:innen in der Erwerbung hinaus an der Situation Erwerbung beteiligt sind. Auf Grund von eingeschränkten Zeitkapazitäten konnte die Erhebung der Daten dazu nur in einem begrenzten Rahmen erfolgen. Grundlage der Situationsmap Erwerbung bildet ein problemzentriertes Expert:inneninterview mit einer Expert:in aus dem Bereich der bibliothekarischen Erwerbung. Der Leitfaden für das Interview orientierte sich an der Methode der Situationsanalyse (Clarke, Sarnes, & Keller, 2012) und griff darüber hinaus Aspekte auch ad hoc auf. Eine geeignete Interviewperson konnte aus dem Kreis des Projekts „Critical Library Lab“ gewonnen werden. Die Situationsmap wurde nach Fertigstellung kommunikativ (mit weiteren Personen aus dem Bereich der bibliothekarischen Erwerbung) validiert.

Diese methodologischen Prinzipien stellen eine wichtige Grundlage für die genauere Untersuchung der bibliothekarischen Erwerbung dar. Denn sie helfen bei der Beantwortung der Frage danach, wie marginalisierte Materialien mehr Relevanz im Erwerbungsprozess erlangen können. Weiterhin ermöglicht diese Analysemethodik, der Frage nachzugehen, welche (menschlichen, aber auch institutionellen und diskursiven) Akteure für den Erwerbungsprozess möglicherweise zentral sind.

Die Stoffsammlung für die Situationsmap basierte in Anlehnung an Clarke, Sarnes, & Keller (2012) auf Fragen zu:

  • Zentralen Akteuren in der Erwerbung

  • Menschlichen Akteuren

  • Impliziten, stummen Akteuren

  • Politischen Elementen

  • Wirtschaftlichen Elementen

  • Räumlichen Elementen

  • Nicht-menschlichen Elementen (Technologien, materiellen Infrastrukturen, Spezialwissen und/oder -informationen)

  • Sozio-kulturellen Elementen (Religion, Race, Sexualität, Gender)

  • Zeitlichen Elementen

  • Hauptthemen in der Erwerbung

  • Debatten in der Erwerbung

    sowie der Frage,

  • Wie Erwerbung als Prozess funktioniert

Das Interview zielte neben der Schilderung eines prototypischen Prozesses der Erwerbung vor allem auf handelnde Akteure und fragte nach den dem Prozess zugrundeliegenden Rahmenbedingungen. Das Interview wurde online über ein Videokonferenztool geführt und hatte einen partizipativen Charakter. Das heisst, es wurde anhand von Stichpunkten in einem Online-Pad dokumentiert, das der Interviewperson bereits während des Interviews zugänglich war. Anschliessend wurden die Aufzeichnungen computergestützt codiert und in Relation zueinander gebracht. Die Darstellung „Situationsmap Erwerbung via Creative Coding“ (Abb. 1) wurde mit dem Auswertungstool MAXQDA erstellt und gibt einen ersten Blick auf die Relationalität des Erwerbungsprozesses in Bibliotheken frei. Obwohl sie quasi „nur“ den Einstiegspunkt in diesen Organisationsbereich bildet, zeigt sich schon hier, wie komplex die Gemengelage der Bestandsentwicklung gestaltet ist.

Situationsmap Erwerbung via Creative Coding

Abb. 1: Situationsmap Erwerbung via Creative Coding

Situationsmap Erwerbung – Ergebnisse

Im Folgenden stellen wir die Ergebnisse der Auswertung des Interviews mit einer Fachperson aus dem Bereich der bibliothekarischen Erwerbung vor und nehmen dabei an mehreren Stellen auch auf spezifische Textstellen im Interview Bezug.

Die Analyse des Interviews machte vier Hauptthemen der Erwerbung deutlich, die in unterschiedlicher Gewichtung den Prozess beeinflussen:

1) Nutzer:innenorientierung (Patron Driven Acquisition versus Erwerb über Buchhandel und Verlage, Digitalisierung, Schnelllebigkeit der Nachfrage)

2) Bestandsbezogene Erwerbung mit dem Ziel der Kulturgutbewahrung (Aufrechterhaltung der bereits bestehenden Sammlung wird durch die Organisation privilegiert)

3) Veränderung des Publikationsmarktes (Struktur und Service-Portfolio der Anbieter, Print versus Online, Outsourcing)

4) Budget

Eine wesentliche Erkenntnis stellt die Beobachtung dar, dass die Bibliothek stark nutzer:innenorientiert arbeitet. Die befragte Expert:in sagt über die Nutzer:innen aus:

Die Nutzer:innen, das sind diejenigen, für die der Bestand erworben wird, deren Interessen befriedigt und deren Anfragen unterstützt werden.8

Im Gespräch wurde deutlich, dass das Prestige der Nutzer:innen ein wichtiger Akteur in der Sammlungspolitik ist. So macht die Interviewperson darauf aufmerksam, dass die Wünsche der Professor:innen und Assistenzen im universitären Umfeld eine grosse Rolle für die Erwerbung spielen. Im Zuge der Digitalisierung gewinnen aber auch weitgehend implizite Akteure, wie etwa die Studierenden, immer mehr an Handlungsmacht, etwa wenn sie E-Books abrufen und auf diese Weise den Prozess der Erwerbung von E-Books veranlassen. Diese Ausrichtung wird durch die Patron Driven Acquisition unterstützt, die weit über den klassischen Anschaffungsvorschlag hinausgeht. Bei diesem Erwerbungsmodell wird im Katalog eine Vielzahl von Veröffentlichungen angeboten, die jedoch erst bei tatsächlicher Nutzung von der Bibliothek gekauft werden. Insgesamt hat sich der gesamte Erwerbungsbereich, ausgelöst durch das zunehmende digitale Vorhandensein der Bestände und verstärkt noch einmal durch die Corona-Pandemie, stark verändert: Es wird nun seitens der Nutzenden noch mehr als je zuvor erwartet, dass Bestände zeitnah nach ihrem Erscheinen und ohne räumliche Hürden zur Verfügung stehen.

Traditionell basiert die fachliche Titelsektion auf den Entscheidungen der Fachreferate in den Bibliotheken, die ebenfalls von vielen unterschiedlichen Akteuren gestaltet wird. Bibliotheksintern wird durch die Haushalts-Beauftragten entschieden, wieviel Geld für welche Themen zur Verfügung gestellt wird. Das Budget kann zum Beispiel titelorientiert zugeteilt werden, das bedeutet, den jeweiligen Bereichen wird eine bestimmte Anzahl an Titeln zugewiesen, die erworben werden können. Das Fachreferat verhandelt sowohl mit der Etatverwaltung als auch mit den Verlagen und Buchhandlungen. Bücher werden in der Regel über Bibliotheksdienstleistende (Library Supplier) angeschafft, E-Books hingegen über die Verlage direkt lizenziert. Neben den Verlagen kann für die Verhandlung von E-Book-Lizenzen ausserdem auf Aggregatoren zurückgegriffen werden, die auch für E-Books angefragt werden, die nicht über die Verlagspakete erhalten werden können. Unter Aggregatoren versteht man im bibliothekarischen Zusammenhang eine Dienst, der Metadaten sammelt, vereinheitlicht, verwaltet, vorhält und an Kultur- und Wissensplattformen beispielsweise über ein eigenes Portal weitergibt. Weiterhin setzen Bibliotheken zunehmend auf Outsourcing: Anhand von Approval Plans nehmen Library Supplier selbst die Titelauswahl vor und beliefern die Bibliotheken regelmässig nach einem gemeinsam erarbeiteten Profil und Budget,  – eine Methode, die für das Massengeschäft und den Mainstream sehr gut funktioniert.

Ein weiterer wichtiger Akteur im Prozess der Erwerbung stellt das soziokulturelle Element des Selbstverständnisses der wissenschaftlichen Bibliotheken dar, denn sie folgen dem Kulturgutverständnis. Ihr zentrales Bestreben besteht im Aufbau und der Archivierung von Beständen. Ein wichtiges Ziel stellt somit die Vollständigkeit und Kohärenz der Sammlung zu einem bestimmten Thema dar. In Bezug auf die behandelte Frage nach der Möglichkeit, marginalisierte Literatur in die Bibliotheken aufzunehmen, wird hier ein Interessenskonflikt deutlich. Neuere Themen, wie etwa zu Gender und Diversity in MINT-Fächern oder Feminist Science and Technology Studies können je nach Haushaltslage zugunsten einer vollständigen Sammlung bereits tradierter Themen weniger stark verfolgt werden.

Ein wichtiges Spannungsfeld ist der Konflikt zwischen dem Ziel, Bestände für die „Ewigkeit“9 zu bewahren und der Schnelllebigkeit der Themen und Materialien in der digitalen Wissensgesellschaft. Neuerscheinungen sind laut der Interviewperson etwa nicht sofort verfügbar, weil sie erst für die langfristige Nutzung aufbereitet werden müssen. Das Ziel der Bewahrung für die „Ewigkeit“10 steht in gewisser Weise quer zur Aufnahme von Literatur und Materialien aus neueren Rand- oder Nischenfächern. Materialien, die nicht bereits dem Mainstream angehören, sind aufgrund der auf Bewahrung des bereits Vorhandenen ausgerichteten Strukturen der Bibliothek aufwändiger im Auswahlprozess. Wenn die Selektion aber aufgrund der organisatorischen Strukturen, die die vorhandenen Bestände privilegieren, länger dauert, besteht zugleich das Problem, dass Titel eventuell nicht mehr über den Buchhandel oder über die herausgebende Institution bezogen werden können und antiquarisch erworben werden müssen. Gerade für graue Literatur, aber auch für wissenschaftliche Randbereiche, besteht häufig die Schwierigkeit, dass es nur kleine Auflagen gibt und keine antiquarische Beschaffung möglich ist. Graue Literatur wird etwa gar nicht über den Buchhandel vertrieben, weshalb ihr Erwerb länger dauert und schwerfälliger ist. Auch im Zeitschriftenbereich trägt das Ziel der Bewahrung für die „Ewigkeit“11 dazu bei, dass es Rand- und Nischenbereiche schwer haben, sich zu etablieren. Beispielsweise gibt es einen gebundenen Etat für Zeitschriften, die traditionellerweise abonniert werden. Dies verringert den Spielraum für die Aufnahme neuerer Zeitschriften in die Bestände, denn würde man, wie die interviewte Person rhetorisch fragt, „eine Zeitschrift, die man seit 1890 abonniert, für eine neue Zeitschrift aufgeben, die gerade neu beispielsweise zu Gender erscheint?“12

Des Weiteren sind Bibliotheken in der Ausrichtung ihrer Bestände nicht nur an ihre Nutzer:innen, sondern meist auch an ihren Träger gebunden. Hierbei spielt auch der geografische Aspekt eine bedeutsame Rolle. So sammeln die Berliner Bibliotheken verstärkt Materialien aus der Region und darüber hinaus bevorzugt aus dem westeuropäischen Raum. Auch dieser Aspekt steht einer Öffnung für marginalisierte Literatur und Materialien potentiell entgegen, die weniger stark im betreffenden geografischen Raum oder insgesamt vertreten sind.

Diskussion der Fallbeispiele

Im Anschluss an die Auffächerung und Akzentuierung der bibliothekarischen Erwerbungslandschaft vertiefen wir anhand von zwei recht unterschiedlichen Beispielen die konkrete Praxis der Kuratierung von marginalisierten Publikationen und Themen. Im ersten Beispielbereich gehen wir auf zentrale Punkte in der Bestandsentwicklung der Staatsbibliothek Berlin ein und gewähren Einblicke in die Kanonbildung im Bereich der Erwerbung; im zweiten Abschnitt stellen wir die Genderbibliothek/Informations- und Dokumentationsstelle des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien (ZtG) an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) als ein Best Practice Fallbeispiel für die Erwerbung von Literatur zu Gender und Diversity in MINT-Fächern vor.

Fallbeispiel A: «Kanonbildung in der Erwerbung»

Das Erwerbungsprofil der Staatsbibliothek zu Berlin

In der Staatsbibliothek zu Berlin spielt die Universalität der Sammlung als Ziel der Bestandsentwicklung eine grosse Rolle, weshalb eine Vielzahl der weiter oben genannten Erwerbungsinstrumente zum Einsatz kommen. Das auf der Website veröffentlichte Erwerbungsprofil13 definiert ausführlich die regionale Universalität, die fachliche Universalität, die zeitliche Universalität und die Universalität der Medien. Gleichzeitig findet man in den Grundsätzen der Bestandsentwicklung auch Selektionskriterien, zum Beispiel den Quellenwert, die wissenschaftliche Qualität der Publikation, die innere Kohärenz des Bestands und die Singularität des Erwerbs. Hinzu kommen verschiedene Niveaus für die jeweiligen Wissenschaftsdisziplinen und Sondersammlungen (Informationsstufe, Studienstufe, Forschungsstufe und umfassende Sammlung).14 Die Staatsbibliothek zu Berlin kann sich langfristig und nach aussen zuverlässig auf die Ausgestaltung dieses abgestimmten Profils konzentrieren, da sie – anders als Universitätsbibliotheken – keine primäre Nutzendengruppe mit kurzfristig wechselnden Forschungsschwerpunkten bedienen muss, sondern in Abstimmung mit anderen Bibliotheken auf nationaler und internationaler Ebene ihre Inhalte aufbaut und pflegt. Der Aufwand einer extensiven manuellen Titelauswahl ist dort leistbar, wo ausdrücklich spezielles und besonderes Material zur Verfügung gestellt werden soll, zum Beispiel in den DFG-geförderten Fachinformationsdiensten, die sich breit über die wissenschaftlichen Bibliotheken Deutschlands verteilen, und von denen mehrere an der Staatsbibliothek zu Berlin angesiedelt sind, zum Beispiel der FID für internationale und interdisziplinäre Rechtsforschung, darunter der FID Asien, den wir näher beleuchten werden.

Im Folgenden greifen wir auf die Erfahrung aus drei Erwerbungsbereichen aus der Staatsbibliothek zur Berlin zurück, um das Spannungsfeld zwischen Effektivität und Diversität im Bestandsaufbau zu skizzieren. Welche Anstrengungen werden hier praktiziert, um die für sie als relevant proklamierten Nischen abzudecken?

Ausleuchten von Spielräumen, Beispiel: Amtliche Publikationen

Die Sammlung von Amtsdruckschriften aus der ganzen Welt ist ein Spezialgebiet der Staatsbibliothek zu Berlin. Für die Auswahl dieser Literatur – also Publikationen, die von einer öffentlichen Körperschaft herausgegeben und publiziert werden – stehen Buchhandlungen oder Library Supplier nicht als Partner zur Verfügung. Stattdessen beruht die Erwerbung auf Abgaberegelungen, Tauschbeziehungen und Depotvereinbarungen.15

Für amtliche Publikationen Deutschlands gibt es das spezielle Auswahlinstrument der „Reihe B“ der Deutschen Nationalbibliographie. Dieser Ausschnitt aus dem Katalog der Deutschen Nationalbibliothek verzeichnet Publikationen, die ausserhalb des Verlagsbuchhandels erscheinen. In der Staatsbibliothek zu Berlin wird diese Bibliographie mittlerweile nur noch punktuell genutzt, da eine wöchentliche Sichtung sich als nicht effizient für den Bestandsaufbau herausgestellt hat. Der Fokus beim Aufbau der Sammlung besteht derzeit darin, zu den relevanten publizierenden Stellen Kontakt zu halten und sicher zu stellen, dass die Bibliothek auf dem Postverteiler der Einreichungen steht und regelmässig und vollständig beliefert wird. Die herausgeberbezogene Recherche nach Neuerscheinungen ist auch in anderen Spezialbibliotheken gängige Praxis für die Bestandsentwicklung im Bereich grauer Literatur. Der Bestandsaufbau besteht in diesem Feld aus Kommunikation und individueller Ansprache (Maier, 2015), sowie aus der stets auf dem Laufenden zu haltenden Kenntnis über potentiell abgebende und relevante Institutionen.

Auf internationaler Ebene trägt die Tauschkooperation unter Nationalbibliotheken dazu bei, dass Regierungsdokumente wechselseitig zur Verfügung gestellt werden können. Dank regelmässig erstellter Tausch- und Angebotslisten kann der Markt der grauen Literatur auch über nationale Grenzen hinweg erschlossen werden. Basis des Internationalen Amtlichen Schriftentausches ist ein UNESCO-Übereinkommen aus dem Jahr 1958 über den zwischenstaatlichen Austausch amtlicher Veröffentlichungen und Regierungsdokumente. Die Staatsbibliothek zu Berlin verlässt sich in ihrer Rolle als nehmende Bibliothek dabei grossenteils darauf, dass die gebende Bibliothek eine relevante Auswahl an Publikationen anbietet. Überwiegend werden Zeitschriften getauscht, Monographien werden als Ergänzung angeboten und ausgewählt. Auf der gebenden Seite fungiert die Staatsbibliothek zu Berlin hier als Tauschzentrale für deutsche Regierungsdokumente und erstellt regelmässig Tauschlisten mit den amtlichen Publikationen Deutschlands für ihre internationalen Tauschpartner.

Eine weitere Säule der Sammlung amtlicher Publikationen sind die Veröffentlichungen internationaler Organisationen. Hier hat die Digitalisierung den Markt nahezu vollständig erfasst, so dass der Bestandsaufbau darin besteht, die Inhalte der zur Verfügung stehenden Datenbanken zu verbreiten, zum Beispiel über die Integration in den Bibliothekskatalog. Die Aufbereitung der Daten sowie die regelmässige Evaluierung der Validität des Angebots ist hier Basis für eine gelungene Bestandsentwicklung. Besonders sei in diesem Zusammenhang auch auf das Informationsnetzwerk der Europäischen Dokumentationszentren verwiesen, koordiniert von der Europäischen Kommission (European Commission, 2013), das eine enge Vernetzung der mit grauer Literatur betrauter Bibliothekar:innen aus allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union vorantreibt.

Verlässliche und fachlich versierte Netzwerke sind ein wichtiger Baustein bei der Marktbeobachtung und Bestandsentwicklung des grauen Publikationsmarktes. Es gibt auf internationaler Ebene das „Grey Net“16, eine Community, die das Feld der grauen Literatur mit regelmässigen Publikationen und Kongressen und einer gemeinsamen Plattform in den Fokus rückt. Hier werden Strategien ausgetauscht und Synergien geschaffen. Auch innerhalb der International Federation of Library Associations and Institutions IFLA gibt es eine Sektion „Government Information and Official Publications“17, die sich neben dem fachlichen Austausch auch um Öffentlichkeitsarbeit zu Regierungsinformationen kümmert (Cassell et al., 2021). Themen der Zusammenarbeit sind neben der Informationsgewinnung die kritische Hinterfragung des Quellenwerts und Impacts von grauer Literatur (Bickley, Kousha, & Thelwall, 2020).

Es soll hier nicht verschwiegen werden, dass das Sammeln grauer Literatur angesichts der Verfügbarkeit von digitaler Information massiv an Bedeutung verloren hat. Für die Staatsbibliothek zu Berlin hat sich hier die Arbeit im Bestandsaufbau vom Aufstöbern und Nachweisen einzelner Titel hin zur Bemühung um die Integration der Metadaten der jeweils relevanten Portale verlagert, so dass die im Netz verfügbaren Inhalte auch innerhalb des Bibliothekskatalogs sichtbar sind. Auch das Einholen und das Hosting von amtlichen Publikationen gehört zum Aufgabenspektrum (Pfau & Wiesenmüller, 2020; Balz & Schoger, 2019). Hier greift die bibliothekarische Tätigkeit bereits viel früher in den Publikationsprozess ein, anstatt erst nach Abschluss der Veröffentlichung in Verhandlung zu treten. Leider ist die Qualität des digitalen Angebots von Nicht-Publikationsprofis für den Nachweis in Bibliotheken oft nicht geeignet (Geschäftsmodelle und Lizenzen sind nicht auf Bibliotheken zugeschnitten, Ablageorte nicht persistent, zugehörige Metadaten nicht vorhanden oder irreführend), so dass ein beträchtlicher Anteil an frei verfügbaren digitalen Informationen sehr flüchtig bleibt (Green, 2021).

Diese Ausführungen geben einen kurzen Einblick in die Bestandsentwicklung im Bereich amtlicher Publikationen. Die Strategien sind zur Erwerbung von Literatur jenseits des Verlagsbuchhandels je nach Fach und Institution sehr divers: Zum Beispiel können in der Sozialwissenschaft oder in der Genderforschung die Sichtung aktueller Presse, Veröffentlichungen von Think Tanks, Abonnieren von Tweets et cetera relevant sein, um die tagesaktuelle Wissensproduktion einzusammeln (Lehnert & Zierold, 2020), während für die Kunst- und Kulturwissenschaft zum Beispiel der Markt der Zines von Interesse sein kann, wobei etablierte Bibliotheken solche Sammlungen tendenziell eher zum Beispiel als Nachlässe übernehmen als sie selbst zu initiieren.18

Ausleuchten von Spielräumen, Beispiel: E-Books jenseits des Mainstreams

Wie sichert eine Bibliothek wie die Staatsbibliothek zu Berlin, die sowohl auf die Universalität als auch auf besondere Tiefe des Angebots grossen Wert legt, diesen Anspruch beim Bestandsaufbau elektronischer Ressourcen?

Während analoge Medien meistens Titel für Titel ausgewählt werden, stehen bei der Lizensierung von digitalen Inhalten von Verlagen oder von Aggregatoren umfangreiche Pakete im Vordergrund (Vosberg & Lütjen, 2021). Die Erwerbung im E-Ressourcen-Markt ist stark von grossen Verlagen dominiert, kleinere Verlage fallen leicht durch das Raster beziehungsweise haben oft kein professionelles E-Book-Angebot, keine den Bedürfnissen von Bibliotheken angepassten E-Book-Plattformen und keine entsprechenden Geschäftsmodelle. Für die Staatsbibliothek zu Berlin dienen etablierte Verlage und die Kenntnis des Verlagsmarktes und der jeweiligen Kontaktpersonen als Orientierungshilfe bei der Auswahl und sind Kooperationspartner für die Entwicklung von Erwerbungsmodellen. Zum Beispiel war der Verlag Brill ein früher Partner für die Lizenzierung von E-Books in Kooperation mit Bibliotheken im geisteswissenschaftlichen Bereich, und das Portfolio von Brill wurde über die Jahre um weitere Verlagsportfolios als Imprints angereichert.

Eine weitere Säule des Bestandsaufbaus von E-Books und E-Journals auch eines marginaleren Publikationsmarktes ist die Beteiligung an Open-Access-Freikauf-Projekten. Die Staatsbibliothek zu Berlin trägt finanziell zu Projekten von Knowledge Unlatched oder Open Book Publishers bei und sorgt damit für die freie Verfügbarkeit von geisteswissenschaftlichen Inhalten weit über die einschlägigen Verlage hinaus. Um auch eine Einzeltitellizenzierung von E-Books zu ermöglichen, kooperiert die Staatsbibliothek mit Aggregatoren, die sich explizit kleineren Verlagen widmen, zum Beispiel für den angelsächsischen Buchmarkt mit Proquest. Für den italienischen Buchmarkt übernimmt Casalini Libri diese Rolle, für Frankreich gibt es zum Beispiel das Projekt CAIRN.

Organisatorisch spielen Konsortien eine wichtige Rolle bei der Auswahl und Verhandlung von Lizenzen. Da Konsortien auf die Einkaufsgemeinschaft als Geschäftsmodell setzen, zielen sie auf maximale Verbreitung – kleinere Produkte gelangen hier kaum ins Blickfeld. Dennoch geben die Geschäftsstellen der Konsortien Hinweise und Neuigkeiten aus dem E-Book- und Datenbank-Markt an die Community weiter und fungieren als Informations-Hub für digitale Angebote, auch weit über die tatsächlich verhandelten Produkte hinaus. Für die Staatsbibliothek zu Berlin ist die Mitgliedschaft in mehreren Konsortien Basis für eine exzellente Kenntnis des Markts und der Akteure.

Die fachspezifische Marktsichtung für digitale Produkte liegt zudem in den Fachreferaten und – angetrieben durch die Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft – bei den jeweiligen Fachinformationsdiensten FID. Der Informationsaustausch erfolgt über eine Arbeitsgemeinschaft sowie über das „Kompetenzzentrum für die Lizenzierung“, ein DFG-gefördertes Kooperationsprojekt der Staatsbibliothek zu Berlin, der Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen und der Bayerischen Staatsbibliothek München (Hillenkötter, Huber, Stanek, & Steilen, 2016; Hillenkötter, Behrens, Glaab-Kühn, & Schäffler, 2017). Die Praxis zeigt, dass erst ein aktives Netzwerk eine nachhaltige und kooperative Informationsversorgung aufbauen kann, die sowohl die gängige Breite als auch die notwendige Tiefe für die wissenschaftliche Arbeit mit digitalen Informationsressourcen bereitstellt.

Ausleuchten von Spielräumen, Beispiel: Japanischer Publikationsmarkt

Innerhalb des FID Asien (crossasia.org) kann die Staatsbibliothek zu Berlin für die Asienwissenschaften hochspezialisierte Dienste und Inhalte anbieten. Im Folgenden werden Besonderheiten beim Bestandaufbau im Hinblick auf den japanischen Publikationsmarkt skizziert, basierend auf einem Gespräch mit der zuständigen Fachreferentin.

Der Hauptteil der Titelauswahl für die Japanologie erfolgt über Angebotslisten eines spezialisierten Library Suppliers in Tokyo, Isseido Booksellers19, so dass einschlägige Verlage zuverlässig über Neuerscheinungslisten in den Bestand kommen können. Ein zentraler Service im Rahmen des FIDs ist darüber hinaus die nutzergesteuerte Erwerbung. Diese kann direkt aus Trefferlisten der CrossAsia-Suche heraus über den angebotenen „PDA-Button“20 angestossen werden oder auch über Bestellungen im Rahmen des so genannten „Blauen Leihverkehrs“ erfolgen, ein Direktleihverkehr für Titel in asiatischen Sprachen zwischen asienwissenschaftlichen Instituten und der Ostasienabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin. Ein intensiv genutzter Service ist ausserdem, dass dank Fernleihbeziehungen zur National Diet Library in Tokyo auch zeitnah Aufsatzbestellungen aus einer Bandbreite an Zeitschriften erfüllt werden können, die so in Deutschland nicht vorgehalten werden können. Die Erwerbung erfolgt hier ebenfalls auf Wunsch via PDA-Button oder aufgrund von Bestellungen im Blauen Leihverkehr. Dieses Serviceangebot ist in der Fachcommunity bekannt und wird rege genutzt, so dass einzelne Themen punktuell und unabhängig vom Sammlungsprofil sehr gut abgedeckt sind. Die Nutzenden formen auf diese Art über Anfragen, Wünsche und Hinweise die Sammlung mit.

Im Fachreferat für die Region Japan gehört es ausserdem zur Routine, aktuelle Themen zu recherchieren und Titel gezielt für die Sammlung zu beschaffen, wie beispielsweise anlässlich des Thronwechsels in Japan 2019, oder regelmässige Erwerbungen zum Themenkomplex der Dreifachkatastrophe von Erdbeben, Flutwelle, Kernkraftunfall im März 2011. Als besonders wertvolle Fundgrube wird die Exchange List der National Diet Library bewertet, die die Staatsbibliothek zu Berlin im Rahmen des Internationalen Amtlichen Schriftentausches erhält. Diese Liste bietet Publikationen und graue Literatur von Institutionen aller Ebenen sowie Kleinschrifttum des gesamten Landes an. Der reichhaltige Pool an aktuellen Inhalten in ganzer Breite und Tiefe erlaubt eine kontinuierliche und systematische Literaturauswahl für die Staatsbibliothek zu Berlin. Weiterhin helfen langjährige Beziehungen der Bibliothek zu wissenschaftlichen Instituten in Japan bei der Selektion von Publikationen. Diese Institutionen schicken ihre Werke in der Regel nicht direkt nach Berlin, sondern nutzen dafür ebenfalls Isseido Booksellers, die die Titel für den Versand bündeln. Dieser leistungsstarke Partner ist in der Lage, sehr spezifische Literatur, wie Privatdrucke oder Festschriften, zu beschaffen und wickelt ausserdem das Auslandsgeschäft für kleinere Antiquariate oder Buchhandlungen ab. Zur Erwerbungstätigkeit für das Fachreferat Japan gehören zudem Informations- und Beschaffungsreisen, denn die Kontaktpflege wird in Asien hoch geschätzt und schafft Vertrauen.

In Japan wird das Open-Access-Publizieren staatlich gefördert, so dass es zahlreiche institutionelle Repositorien gibt, die über das National Institut for Informatics und über die Oberfläche „CiNii Research“21 recherchierbar sind. Es liegt also neben dem OPAC der National Diet Library ein weiteres exzellentes zentrales Portal für die einschlägigen Kataloge aus Japan vor. Aufgrund des japanischen Urheberrechts sind Volltexte allerdings nicht flächendeckend frei verfügbar, so dass die Erwerbung von Printpublikationen in diesem Publikationsmarkt weiterhin eine grosse Rolle spielt.

Insgesamt wird der japanische Buchmarkt, der aus Sicht deutscher Bibliotheken aufgrund der Sprach- und Schriftbarrieren und der aufwändigen Lieferwege eher als Nischenbereich wahrgenommen wird, an der Staatsbibliothek zu Berlin also sehr grossflächig abgedeckt. Das Zusammenspiel aus den Kooperationen mit Bibliotheksdienstleistern, der FID-Community, Buchhändler:innen vor Ort, der National Diet Library und institutioneller Repositorien ermöglicht es dabei, nicht nur den Mainstream, sondern auch die Randbereiche mit abzudecken.

Fallbeispiel B: «Erwerbung von Literatur zu Gender und Diversity in MINT in der Genderbibliothek/Informations- und Dokumentationsstelle des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin»

Die Genderbibliothek/Informations- und Dokumentationsstelle des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien (ZtG) an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) stellt Literatur und Beratung zur Recherche im Bereich der Geschlechterforschung/Gender Studies bereit. Sie war Bestandteil des Konzepts des am 8.12.1989 gegründeten Zentrums für interdisziplinäre Frauenforschung an der HU und wurde ab April 1990 von Karin Aleksander aufgebaut und bis Mai 2019 geleitet.

Der reiche Bestand and Literatur und Materialien zu Gender und Diversity im Bereich der MINT-Fächer verdankt sich der einzigartigen Situation, dass die Bibliothekar:innenstelle mit Karin Aleksander, einer promovierten Philosophin, die bereits zu MINT-Themen gearbeitet hatte, besetzt wurde. Unter ihrer Leitung entwickelte sich die Genderbibliothek zu einem zentralen Sammelort für Materialien zur Geschlechterforschung aus vielen Wissenschaftsdisziplinen und Bereichen. Im Gespräch mit Karin Aleksander zur Erwerbung von Literatur zu Gender und Diversity in MINT in Bibliotheken zeigte sich, dass die strukturellen Bedingungen, wie die Gründung einer speziell auf Gender- und Diversity-Themen ausgerichteten Bibliothek, die Möglichkeit zur autonomen Ausgestaltung der Leitungsposition in einer One-Person-Library, verbunden mit dem persönlichen Interesse der leitenden Bibliothekarin an dem Thema, eine optimale Ausgangssituation für die Entwicklung des Bestandes in diese Richtung boten.

Da Studien zu Gender und Diversity in MINT in den 1990er-Jahren noch nicht institutionalisiert und kaum diszipliniert betrieben wurden, unternahm Karin Aleksander aufwändige Recherchen, um Materialien zusammenzutragen und damit zugleich die zarten Anfänge der Akademisierung dieser Forschungsrichtung zu dokumentieren. Sie berichtet, dass sie anfangs insbesondere graue Literatur sammelte, wie zum Beispiel alle Dokumentationsbände des Kongresses „Frauen in Naturwissenschaft und Technik“ (FiNuT). Es gelang ihr zudem, alle Ausgaben der von 1986 bis 2009 herausgegebenen Zeitschrift Koryphäe: Medium für feministische Naturwissenschaft und Technik zu sichern. Daneben konzentrierte sie sich auf die Erwerbung von Hochschul-Festschriften, die im Rahmen von Jubiläen grosser Universitäten erschienen. Hier lag ein besonderer Fokus auf den Hochschulen im Osten Deutschlands, weil in den Jubiläumsschriften Themen und Personen der Mathematik, Natur-, Ingenieur- und Technikwissenschaften der DDR dokumentiert wurden. Es war wiederum ein Spezialgebiet des umfassenderen Sammlungsprofils der Genderbibliothek, Materialien zum Thema Frauen und Geschlechterverhältnisse in der DDR und in den neuen Bundesländern zu bewahren. Später, als auch in der BRD immer mehr internationale Veröffentlichungen diskutiert wurden, achtete Karin Aleksander darauf, neben den deutschen Übersetzungen auch die Originalausgaben zentraler theoretischer Werke zu erwerben, um Aussagen am Original überprüfen zu können. Ebenso wichtig war ihr, Publikationen zu sammeln, die Leistungen von Wissenschaftlerinnen aus der Geschichte der Naturwissenschaften und Technik aufspüren, bewahren und für heutige Diskurse fruchtbar machen. Zu Beginn der 2000er-Jahre erweiterte sie den Fokus ihrer Sammlung über den Bereich Gender und Diversity in MINT auf den sich entwickelnden Themenbereich Feminist STS/Feminist Science and Technology Studies und erwarb beispielsweise Schriften zur feministischen Kritik von Robotik und Künstlicher Intelligenz. Der Austausch von Wissenschaftler:innen, der vor Ort in der Bibliothek stattfand, trug zudem massgeblich dazu bei, die Bestände zu erweitern, indem beispielsweise informell Empfehlungen ausgesprochen wurden. 

Darüber hinaus arbeitete Karin Aleksander im Rahmen des von Dezember 2017 bis Oktober 2019 durch die DFG geförderten GenderOpen-Projekts daran, den einzigartigen Bestand zur Geschlechterforschung zu digitalisieren. Das GenderOpen-Repositorium

ist ein Verbundprojekt des Margherita-von-Brentano-Zentrum, der Freien Universität Berlin, des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien an der Humboldt-Universität und des Zentrums für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung an der Technischen Universität. Weitere Kooperationspartner:innen sind die Fachgesellschaft Geschlechterstudien/Gender Studies Association (Gender e.V.), das META-Datenbankprojekt des i.d.a.-Dachverbands der deutschsprachigen Frauen-/Lesbenarchive, -bibliotheken und -dokumentationsstellen e.V., das Online Gender Glossar Leipzig sowie die Landesarbeitsgemeinschaft der Einrichtungen für Frauen- und Geschlechterforschung in Niedersachsen.22

Ziel dieser Plattform ist es,

Veröffentlichungen aus der Geschlechterforschung als Open Access-Publikationen an einem zentralen Ort zu sammeln und dauerhaft frei zugänglich zu machen. Hier sollen die Ergebnisse der Geschlechterforschung möglichst umfassend abgebildet werden. Forscher:innen und Interessierte sollen die Möglichkeit haben, schnell und unkompliziert auf Texte aus allen Bereichen der Geschlechterforschung zuzugreifen.23

Inzwischen umfasst GenderOpen mehr als 2.000 Publikationen, darunter Artikel aus zentralen Fachzeitschriften wie GENDERDie Philosophin, FEMINA POLITICA, L’Homme, Metis und feministische studien. Daneben sind zahlreiche Monographien und Artikel aus Sammelbänden auf der Online-Plattform zu finden.

Das Fallbeispiel macht deutlich, dass sowohl strukturelle Bedingungen als auch persönliches Engagement dazu beitragen können, einen Bestand zu Wissensbereichen anzulegen, die weniger stark im gesellschaftlichen und fachlichen Diskurs verankert sind. Gerade weniger institutionalisierte und disziplinierte Forschungsgebiete profitieren von Zeit, Raum und Kompetenz für eine sorgfältige Recherche, die sich auf die Eigenarten des zu sammelnden Materials einzustellen vermag. Die Eingebundenheit der Sammelnden in Wissensnetzwerke spielt eine zentrale Rolle dafür, Literatur und Materialien aufzuspüren.

Resümee und Reflexionen

Die Best-Practice-Beispiele zur Bestandsentwicklung jenseits des einschlägigen Publikationskanons zeigen, dass die Erwerbung von Nicht-Mainstream eine sehr spezifische Markt- und Fachkenntnis voraussetzt und teilweise Wege geht, die in der Landkarte des bibliothekarischen Erwerbungsprozesses auf den ersten Blick nicht sichtbar sind. Während der Selektionsprozess klassischerweise stark an den Buchhandel gebunden ist, kommt es bei der grauen Literatur auf eine stabile Vernetzung sowohl mit den publizierenden Stellen als auch mit der Fachcommunity an. Aus Perspektive einer mit grauer Literatur betrauten Bibliothekarin ist nur dann für ein vielfältiges gedrucktes und digitales Angebot gesorgt, wenn unter den Bibliotheken eine verlässliche kooperativ agierende Gesamtstruktur mit verteilten Schwerpunkten vorliegt. Voraussetzung für den Aufbau eines inklusiven Angebots in allen drei genannten Randbereichen ist ein Erwerbungsprozess, der – über das finanzielle Budget hinaus – durch Networking, Kooperation, Abstimmung, Verhandlung und Kommunikation gekennzeichnet ist.

Das Interview zur Erwerbung von Literatur zu Gender und Diversity-Aspekten in den MINT-Fächern beschreibt die Relevanz der inhaltlichen Kompetenz und des individuellen Engagements der erwerbenden Person für die Informations- und Dokumentationsstelle/Genderbibliothek an der HU Berlin. Die Bibliothekarin verfügt im Idealfall über einen akademischen Hintergrund, der an der Schnittstelle der Bereiche Gender und Diversity, MINT-Fächer und Bibliothekswissenschaften angesiedelt ist. Auf diese Weise können nicht nur inhaltliche und fachkulturelle Besonderheiten bei der Bestandsentwicklung mit einbezogen werden, sondern auch bibliothekarische Spielräume ausgenutzt werden.

Aus der Perspektive der Wissenschaft, die die Bibliotheksbestände nutzt, weckt ein Publikationsbestand, der im Rahmen des Bibliotheksprofils spezifische Schwerpunkte der Forschung abdeckt und auch ungewöhnliche und seltene Publikationsbereiche berücksichtigt, die Möglichkeit zur Anknüpfung für den Dialog zwischen Bibliothek und Wissenschaft. Im Hinblick auf das hier diskutierte Fallbeispiel Gender und Diversity in MINT-Fächern lässt sich, die Fragen des Organisationsteams der Veranstaltung „Critical Library Perspectives“ aufgreifend, sagen, dass (Universitäts-)Bibliotheken durchaus bei einer Stärkung des Bewusstseins für Diversitätsaspekte in MINT, Medizin, Wirtschaft und Recht in den Bereichen Erwerbung, Erschliessung und Nutzung eine Rolle spielen können. Bei der Erwerbung können beispielsweise Mitarbeitende in den Fachreferaten für MINT-Fächer verstärkt darauf achten, dass Texte erworben werden, welche Gender- und Diversitätsaspekte in diesen Fächern thematisieren. Bibliotheken könnten darüber hinaus auch die Erwerbung von Texten, die Gender- und Diversitätsaspekte in MINT, Medizin, Wirtschaft und Recht thematisieren, in den Fächern anregen. In Gesprächen mit Bibliothekar:innen im Denklabor wurde deutlich, dass ein Austausch mit Fachvertreter:innen aus marginalisierten Forschungs- und Wissensbereichen gewünscht wird. Dieser Wunsch signalisiert eine grosse Offenheit für Impulse aus der Wissenschaft. Einschränkend kann aus Sicht einer Fachvertreterin aus dem Bereich Gender und Diversity in MINT-Fächern gesagt werden, dass die Personen aus den speziellen Fachdisziplinen zumeist selbst wenig für Gender- und Diversitätsaspekte in Lehre und Forschung sensibilisiert sind. Dies ist zu einem grossen Teil der unterentwickelten Institutionalisierung des Forschungsbereiches geschuldet. Beispielsweise gibt es bislang keine verstetigten Professuren an deutschen Hochschulen, die sich mit diesem Thema dezidiert beschäftigen, so wie es etwa im anglophonen oder skandinavischen Bereich der Fall ist. Insbesondere auf der epistemischen Ebene, also auf der Ebene der Verflechtung von Geschlecht und Diversität mit den Inhalten der Fächer selbst, zeigt sich weitestgehend kaum Reflexion (wobei es selbstverständlich Ausnahmen gibt). Auch muss bemerkt werden, dass nicht alle Fachvertreter:innen dem Thema offen gegenüberstehen. So ist der Themenbereich Gender und Diversity in der öffentlichen Wahrnehmung umstritten und sieht sich einer Vielzahl von Angriffen aus dem konservativen Lager ausgesetzt (Hark & Villa, 2015). Hilfreiche Fachvertreter:innen könnten deshalb vorrangig einschlägig zum Thema Gender und Diversity in MINT-Fächern forschende Wissenschaftler:innen sein, die allerdings nicht an den Fakultäten, sondern eher in einem spezifischen Wissenschafts- und Forschungsfeld aufgesucht werden müssen. Unterstützend zur Erwerbung könnte im Bereich der Präsentation des Buchbestandes in Bibliotheken auf soziale Medien zurückgegriffen werden, um einerseits mehr Aufmerksamkeit auf das Thema und den dazu verfügbaren Bestand zu lenken und andererseits auch neue Interessent:innen aus dem Wissenschaftsbereich zu gewinnen. Selbstverständlich sind auch die traditionellen Möglichkeiten der Bestandspräsentation interessant, wie etwa die Integration in bestimmte Themenmonate – eventuell in Verknüpfung mit dem in den sozialen Medien unter dem Hashtag #4GenderStudies zelebrierten 18. Dezember jeden Jahres, an dem Wissenschaftler:innen einen Tag lang auf Twitter zu ihren Forschungsarbeiten informieren. Aber auch die Präsentation mit Hilfe von Flyern, Schaukästen oder bestimmten Präsentationsflächen kann sicherlich dazu beitragen, mehr Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken.

Schliesslich sei darauf hingewiesen, dass das Denklabor und der intensive Austauschprozess zwischen den Autorinnen auf beiden Seiten ein neues Verständnis der jeweiligen Community eröffnet hat, indem im Laufe der Kooperation eine dichte Beschreibung entstehen konnte und immer wieder Erkenntnismomente auftauchten, die zeigten, wie situiert und partial die Perspektiven des Forschungssubjekts sind. Aus diesem Grund möchten wir uns ausdrücklich dafür aussprechen, diesen Austausch weiterzuführen.

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