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Editorial: Critical Library Perspectives. Ein digitales Denklabor

Published onSep 12, 2022
Editorial: Critical Library Perspectives. Ein digitales Denklabor
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1. Diversität und normative Prozesse in Bibliotheken

1.1. Einleitung

Bibliothekarische Arbeit wird oft als wertneutral angesehen, da sie im Gegensatz etwa zu Wissenschaft und Kunst nicht selbst Inhalte produziert, sondern diese „nur“ erschliesst und zugänglich macht. Dabei spielen jedoch Entscheidungen über Einschluss beziehungsweise Ausschluss ‒ und damit stets auch eine implizite Wertung der Inhalte ‒ eine zentrale Rolle, besonders in Zeiten knapper Erwerbungsbudgets oder bei der selektiven Aufnahme von Open Access-Titeln in den Bibliothekskatalog. Die Erschliessung von Medien wiederum beruht auf normierten Regelwerken, deren Aufbau und Kategorien eine inhärente Wertung transportieren. Zwar sind derartige Wertungen und Normierungen für effiziente Arbeitsabläufe sowie für die Zugänglichmachung und Organisation von Wissen unerlässlich, doch bergen sie immer auch die Gefahr der Exklusion und Diskriminierung von Elementen, die mit den angewandten normativen Schemata nicht konform sind.

Auf diese Problematik machte etwa der amerikanische Bibliothekar Sanford Berman bereits 1969 aufmerksam, als er das Klassifikationsschema der Library of Congress als diskriminierend gegenüber Personengruppen ausserhalb der Norm des weissen, christlichen, heterosexuellen, US-amerikanischen beziehungsweise westeuropäischen Mannes kritisierte (Berman, 1971). In der Folge entstanden zahlreiche Initiativen zur Verbesserung von Klassifikationssystematiken und Schlagwortkatalogen (Marshall, 1972; Foskett, 1977). Es hat sich in den vergangenen fünfzig Jahren zwar einiges verändert (Gough, 1998; Toth, 2017) aber auch die heute verwendeten Regelwerke für die Inhaltserschliessung sind nicht frei von diskriminierenden Kategorien und Begriffen – so werden beispielsweise in der „Basisklassifikation“1 die Begriffe „Schriftstellerin“ und „weibliches Schreiben“ unter dem Lemma „Besondere Literaturkategorien“ (BK 17.87) subsumiert, einer Art Kuriositätenkabinett, das auch „Mundartliteratur“, „Erotische Literatur“ sowie „Arbeiterliteratur“ und „Migrantenliteratur“ umfasst.

Gerade angesichts der Unmöglichkeit eines gänzlichen Verzichts auf normative Prozesse in der bibliothekarischen Arbeit ist es von grösster Bedeutung, dass sowohl Bibliotheksmitarbeitende als auch -nutzende sich der damit verbundenen Implikationen und potentiellen Diskriminierungen bewusst sind. Dies betrifft nicht nur den Bereich der Erwerbung und Erschliessung, sondern darüber hinaus etwa auch die Digitalisierung und Präsentation von historischen Beständen, die Aufbereitung von Bibliotheks- und Archivdaten als Forschungsdaten, die organisatorische und praktische Gestaltung des möglichst barrierearmen Zugangs zu Medien im physischen und virtuellen Raum sowie die thematische Ausrichtung von Veranstaltungsprogrammen und Informationskompetenzangeboten.

Ziel der von der Staatsbibliothek zu Berlin in Kooperation mit der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin organisierten Veranstaltung „Critical Library Perspectives“2 war es daher, durch die Analyse normativer Prozesse in Bibliotheken eine kritische Reflexion über deren Funktionen und Auswirkungen anzustossen. Dies sollte durch die Verknüpfung theoretischer Ansätze zur Dekonstruktion normativer Diskurse einerseits und praktischer Fallbeispiele aus dem bibliothekarischen Umfeld andererseits umgesetzt werden. Darüber hinaus lag unser Fokus auf den Prinzipien offener Wissenschaft,3 insbesondere auf einer grösstmöglichen Transparenz wissenschaftlichen Arbeitens und einer kollaborativen, interdisziplinären Herangehensweise. Dafür wählten wir ein Format, das wir als „digitales Denklabor“ bezeichneten: Es orientierte sich am Zuschnitt von Kultur-Hackathons und sollte eine Plattform für den Dialog und die Zusammenarbeit von Wissenschaftler:innen und Bibliotheksmitarbeitenden bieten. Im Denklabor fanden sich die Teilnehmenden in Teams zusammen, um eines oder mehrere der im Vorfeld gesammelten Fallbeispiele aus dem Bibliothekskontext zu bearbeiten. Der Ablauf und die Ergebnisse der Veranstaltung werden unten (Abschnitt 2) näher beschrieben.

1.2. Theoretischer Kontext und aktueller Stand in der deutschsprachigen Bibliothekslandschaft

Als methodische Ansatzpunkte des Workshops dienten normalisierungskritische Theorien wie Queer Theory und postkoloniale Ansätze, wie sie seit den frühen 1990er Jahren entwickelt wurden, aufbauend auf poststrukturalistischen und dekonstruktivistischen Positionen sowie der Kritischen Theorie. Die Arbeiten etwa von Jacques Derrida und Michel Foucault haben die Wahrnehmung von Sprache beziehungsweise Wissenschaft und Machtstrukturen als objektive Gegebenheiten verworfen und stattdessen deren diskursive Konstruiertheit aufgezeigt. In ihrem Werk Gender Trouble zeigt Judith Butler, eine der wichtigsten Vertreter:innen der Queer Theory, dass auch Geschlechterzugehörigkeiten und -identitäten keine „natürlichen“ Tatsachen sind, sondern durch performative Akte ständig aktualisiert und bestätigt werden müssen. Aus den Gender Studies beziehungsweise Gay and Lesbian Studies und der feministischen Forschung hervorgegangen, befasste sich die Queer Theory im engeren Sinn zunächst mit dem Aufbrechen des binär-heteronormativen Schemas und seiner logischen Verknüpfung von Geschlecht, Gender und Sexualität. In der aktuellen Forschung wird der Begriff „queer“ jedoch oft weiter gefasst und lässt sich über die Gender Studies hinaus auch auf andere Bereiche übertragen. Queer-theoretische Ansätze können letztendlich auf alle normativen Schemata angewandt werden und zielen darauf ab, diese grundsätzlich in Frage zu stellen, indem die Kontingenz und diskursive Gemachtheit aller Wissensorganisationsstrukturen aufgezeigt werden (Drabinski, 2013).

In der anglophonen bibliothekswissenschaftlichen Literatur hat die Verbindung normalisierungskritischer Theorien wie der Queer Theory mit bibliothekarischen Themen bereits eine längere Tradition. Verlage wie Library Juice Press / Litwin Books4 veröffentlichen seit Jahrzehnten zahlreiche Einzeltitel, Schriftenreihen (Series on Gender and Sexuality in Information Studies5, Series on Critical Race Studies and Multiculturalism in LIS6, Series on Critical Information Organization in LIS7) sowie das Journal of Critical Library and Information Studies8 zu Diversitätsaspekten in Bibliotheken. In der deutschsprachigen Bibliothekslandschaft sind diese Themen erst in den letzten Jahren stärker in den Fokus gerückt (Kaiser, 2008; Futterlieb & Probstmeyer, 2016; Rickum, 2016; Hauck & Linneberg, 2021). Dabei stehen oft öffentliche Bibliotheken im Zentrum der Untersuchungen und Überlegungen, während die Diskussion von Diversitätsaspekten in wissenschaftlichen Bibliotheken – jenseits von Spezialbibliotheken, die sich dezidiert einem Diversitätsthema widmen – erst jüngst und insbesondere in Bezug auf das Thema Dekolonisierung eingesetzt hat (LIBREAS Redaktion, 2021).

Neben der Auseinandersetzung mit Diversitätsaspekten in der bibliothekswissenschaftlichen Literatur ist auch deren Sichtbarkeit und Repräsentation in bibliothekarischen Organisationsstrukturen und Netzwerken ein wichtiges Zukunftsthema. Auf internationaler Ebene sind hier etwa die seit 2014 bestehende LGBTQ Users Special Interest Group9 oder die Women, Information and Libraries Special Interest Group10 der IFLA zu nennen. In (grösseren) Bibliotheken wie beispielsweise der British Library gibt es ausserdem Diversitäts-Netzwerke für Mitarbeitende,11 darüber hinaus haben einige Bibliotheken Projekte gestartet, deren Ziel es ist, Bestände diverser zu gestalten und die Dekolonisation der Bibliothek voranzutreiben.12 Auch im deutschsprachigen Raum gibt es vergleichbare Initiativen, etwa die Gründung der Decolonize-the-Library-Group13 für den DACH-Raum im Sommer 2021, die Kommission „Bibliotheken und Diversität“ des deutschen Bibliotheksverbands (dbv)14 oder die von der Kulturstiftung des Bundes geförderten 360°-Projekte in öffentlichen Bibliotheken.15

Auch bei Digital Humanities (DH)-Vorhaben – die aufgrund ihrer datenzentrierten Ausrichtung oft in einem Grenzbereich zwischen Forschung und Infrastruktureinrichtungen wie Bibliotheken angesiedelt sind – wird unter den Stichworten „Decolonizing DH“ oder „Disrupting Digital Monolinguism“ von Initiativen wie dem internationalen Netzwerk „Multilingual DH“16 oder der auf den deutschsprachigen Raum ausgerichteten Arbeitsgruppe „AG Multilingual DH“17 der eurozentrische Fokus der Digital Humanities auf Sprachen in lateinischer Schrift kritisiert. Dieser Fokus, so die Kritik, führe dazu, dass etwa für nicht-lateinische Schriften neue Tools oder Workarounds entwickelt werden müssen, da in der DH-Forschung Englisch und somit englischsprachige Infrastrukturen als Norm beziehungsweise Standard angenommen werden. Die Initiativen kritisieren ausserdem eine doppelte Marginalisierung im Bereich der DH-Aktivitäten: Zum einen werden aufgrund des eurozentrischen Blicks Projekte ausserhalb Europas überhaupt nicht wahrgenommen beziehungsweise findet aufgrund von Sprachbarrieren kein Austausch statt. Zum anderen führt eine bessere finanzielle und personelle Ausstattung des Feldes im englischsprachigen Raum zu einer Hegemonie der digitalen Wissenschaftspraxis durch den „globalen Norden“, so dass Dichotomien zwischen dem „globalen Norden“ und dem „globalen Süden“ verstärkt und neue Abhängigkeiten geschaffen werden.

Dank der genannten und ähnlicher Initiativen wird die Aufmerksamkeit für Diversitätsaspekte in Bibliotheken in den nächsten Jahren (hoffentlich) weiter zunehmen; dennoch besteht – zumindest zum jetzigen Zeitpunkt – das Problem, dass sowohl beim Bibliothekspersonal als auch unter den Bibliotheksnutzenden bestimmte Communities unterrepräsentiert beziehungsweise wenig sichtbar sind. So besteht die Gefahr, dass selbst bei Veranstaltungen und Projekten zu Diversitätsthemen eher über die betreffenden Communities als mit ihnen gesprochen beziehungsweise ihnen selbst eine Stimme gegeben wird. Neben langfristigen Zielen wie einer zunehmend diversitätsorientierten Personalentwicklung und der besseren Adressierung der Wissensbedarfe und/oder Interessensgebiete bestimmter Nutzendengruppen erscheinen hier zwei kurzfristigere Massnahmen besonders vielversprechend: einerseits die gezielte Kooperation mit Spezial- und Communitybibliotheken und -archiven und andererseits die bewusste Benennung, Verortung und Reflexion des eigenen Standpunkts der jeweiligen Sprecher:innen innerhalb von (sprachlichen, wissensorganisatorischen, gesellschaftlichen) Machtstrukturen bezüglich der Diversitätsthemen, über die sie sprechen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Diversitätsthemen und damit verbundene theoretische Ansätze in ihrer thematischen Breite und Komplexität in der deutschsprachigen Bibliothekslandschaft nach wie vor deutlich unterrepräsentiert sind. Die Veranstaltung „Critical Library Perspectives“ möchte die Aktivitäten der letzten Jahre unterstützen und fortschreiben sowie neue Reflexionsprozesse anstossen, indem das kollaborative digitale Denklabor Synergieeffekte zwischen Queer Theory, postkolonialen sowie machtkritischen Ansätzen und Bibliothekswissenschaft erzeugt, die wiederum für die Bibliothekspraxis nutzbar gemacht werden können.

2. Das digitale Denklabor

Die Konzeption der Veranstaltung „Critical Library Perspectives“ sowie ihre Durchführung war für das Organisationsteam ein Experiment. Aus diesem Grund möchten wir hier auf die verschiedenen Phasen des Projektes (Abb. 1) eingehen und zugleich unsere Erfahrungen in Form von Lessons Learned und Empfehlungen für die Durchführung ähnlicher Veranstaltungen teilen.

2.1. Planung

Nach längeren Diskussionen zu Diversitätsaspekten und normalisierungskritischen Ansätzen im Kolleg:innenkreis fand sich im Januar 2022 ein Team von Mitarbeitenden der Staatsbibliothek zu Berlin und der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin zusammen, um ein Konzept für eine Veranstaltung zu entwerfen und deren Organisation zu konkretisieren.

Abb. 1: Überblick der Projektphasen

Als Material- und Diskussionsgrundlage wurden – in Analogie zu den bei Hackathons bereitgestellten Datensets – zunächst Fallbeispiele zum Thema „Diversitätsaspekte in der Bibliothekswelt“ unter Kolleg:innen aus öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken sowie unter Bibliotheksnutzenden gesammelt. Auf diese Weise konnten 28 Beispiele zusammengetragen werden. Die untenstehende Grafik (Abb. 2) gibt einen nach bibliothekarischen Arbeitsbereichen (Erwerbung, Erschliessung, Bestandspräsentation, Benutzung und Bibliotheksorganisation) geclusterten Überblick aller eingereichten Beispiele, die den Teilnehmenden des digitalen Denklabors zur Verfügung gestellt wurden. Die Vielzahl der Beispiele zeigt, dass Diversitätsaspekte in der bibliothekarischen Praxis eine grosse Rolle spielen. In den meisten Beispielen geht es zudem nicht nur um einen Arbeitsbereich beziehungsweise nicht nur um einen Diversitätsaspekt, sondern es werden zahlreiche Überschneidungen sichtbar. So wurde in den Beispielen zur Erwerbung etwa die Rolle von Bibliotheksmitarbeitenden bei individuellen Kaufentscheidungen hervorgehoben, es wurden aber auch strukturelle Aspekte wie die Dominanz von Grossverlagen thematisiert. Der Bereich der Erschliessung war unter den Fallbeispielen zahlenmässig am stärksten vertreten. Dies zeigt, dass viele Bibliotheksmitarbeitende diskriminierende Kategorien in Klassifikationen oder Schlagwort-Regelwerken in Bezug auf Gender, Religion, gruppenbezogene Identität sowie sexuelle Orientierung kritisch betrachten und problematische Bezeichnungen hinterfragen. Insbesondere rassifizierende und/oder diskriminierende Kategorien wurden darüber hinaus auch im Bereich der Bestandspräsentation als Problem benannt, an dem Handlungs- beziehungsweise Änderungsbedarf gesehen wird. Die Beispiele aus dem Bereich der Benutzung beschäftigten sich mit diskriminierenden Strukturen sowie unterschiedlichen Barrieren (Sprache, Webseiten, bauliche Gegebenheiten), die Nutzenden den Zugang zur Bibliothek beziehungsweise zu den Beständen erschweren.

Abb. 2: Fallbeispiele. Die Nummern der Beispiele wurden in der Reihenfolge ihres Eingangs vergeben.

Die Beispiele, deren Verfasser:innen einer Veröffentlichung zugestimmt haben, sind im Beitrag „Fallbeispiele aus der bibliothekarischen Praxis“18 publiziert.

Im April 2022 wurde ein Call for Participation auf der Veranstaltungswebseite veröffentlicht, um Wissenschaftler:innen und Bibliohekar:innen für die gemeinsame Bearbeitung der Beispiele im Rahmen des digitalen Denklabors zu gewinnen. Die Veranstaltung wurde über Social Media sowie fachspezifische Foren und Mailinglisten beworben, und einschlägige wissenschaftliche Einrichtungen und Institute wurden angeschrieben. Die grosse Resonanz (über 40 Anmeldungen) zeigte, dass sowohl in der Forschungs- als auch in der Bibliothekslandschaft ein reges Interesse an dem Thema besteht und eine Veranstaltung zur interdisziplinären Zusammenarbeit in diesem Bereich von beiden Seiten als Desiderat wahrgenommen wird.

2.2. Durchführung

Das digitale Denklabor dauerte knapp zwei Monate, vom 4. Mai bis zum 21. Juni 2022. Eröffnet wurde die Veranstaltung durch den Keynote-Vortrag „The Politics of the Library“ von Emily Drabinski19 und Annie Pho20. Die Einladung der beiden Rednerinnen zielte drauf ab, die angloamerikanische Diskussion über kritische Bibliothekspraxis mit den jüngsten deutschsprachigen Initiativen in diesem Bereich zusammenzuführen. Emily Drabinski diskutierte in ihrem Beitrag die unzureichende oder problematische Abbildung von Gender-Aspekten in Klassifikationssystemen, während Annie Pho den Einfluss der „Critical race theory“ auf das Feld der Informationswissenschaft nachzeichnete und die sozialen Implikationen betonte, die von Wissensorganisationssystemen in Bibliotheken ausgehen.21

Nach dem Vortrag begann der interne Teil der Auftaktveranstaltung mit einer Präsentation der Fallbeispiele und einer anschliessenden Teambildungsphase, in der sich die Teilnehmenden aufgrund thematischer Interessen spontan in Teams zusammenfanden, um dann in einer dreiwöchigen Analysephase selbstorganisiert ausgewählte Beispiele zu bearbeiteten. Insgesamt haben sich 26 Teilnehmende in fünf Teams unterschiedlicher Grösse (zwei bis neun Mitglieder) zusammengefunden. Das Verhältnis zwischen Forschenden und Mitarbeitenden aus Bibliotheken beziehungsweise Kulturerbeeinrichtungen sowie Personen, die in beiden Bereichen aktiv sind, war relativ ausgewogen.

Am Ende der Analysephase stellten die Teams den aktuellen Stand ihrer Arbeit bei einer Ergebnispräsentation vor und erhielten sowohl vom Organisationsteam als auch von den anderen Teilnehmenden Feedback dazu. Danach begann eine vierwöchige Schreibphase (eine Art Book-Sprint), in der die Teams ihre Ergebnisse zu den Artikeln ausarbeiteten, die jetzt in diesem Themenheft versammelt sind. Wir haben uns für die Veröffentlichung der Artikel in 027.7 Zeitschrift für Bibliothekskultur entschieden, da uns ein Open Access-Journal, das sich offen für innovative Praxisberichte aus dem deutschsprachigen Bibliothekskontext zeigt, als geeigneter Ort für die Ergebnisse dieses experimentellen Veranstaltungsformats erschien. Zudem bietet die Zeitschrift mit PubPub22 eine niedrigschwellige Plattform an, die kollaboratives Schreiben und gegenseitiges Kommentieren erlaubt.

Sowohl während der Analyse- als auch während der Schreibphase bot das Organisationsteam wöchentliche Online-Netzwerktreffen für die Teilnehmenden des digitalen Denklabors an, die je nach Bedarf zur Informationsweitergabe, Vernetzung oder Teamarbeit genutzt werden konnten. Dieses Angebot wurde von den Teams sehr unterschiedlich genutzt. Einige Teams nahmen regelmässig an den Treffen teil, andere organisierten sich komplett selbständig ausserhalb der Netzwerktreffen.

Nach der Abgabe der Artikel nahm das Organisationsteam einen Redaktionsdurchlauf vor und gab den Teams Feedback, das diese wiederum in einer Überarbeitungsphase einarbeiten konnten. In dieser Phase des Projekts kam es zu einigen zeitlichen Verzögerungen gegenüber der ursprünglichen Planung (siehe auch unten, Abschnitt 2.3.). Ende August konnten dann alle fünf Beiträge an die Herausgeber der Zeitschrift zur Durchsicht und finalen Redaktion übergeben werden.

Die publizierten Artikel decken ein breites Spektrum von bibliothekarischen Arbeitsbereichen ab, von der Erwerbung von Medien über die inhaltliche Erschliessung von Wissens- und Datenbeständen sowie ihrer Präsentation bis hin zu konkreten Benutzungszenarien im virtuellen und physischen Raum. Im Beitrag „Erwerbung an den Rändern der bibliothekarischen Sammlung“23 gehen Sahra Dornick und Susanne Maier der Frage nach, inwiefern die Erwerbung in Bibliotheken auch Randbereiche berücksichtigen kann und ob diese für eine zeitgemässe Bestandswicklung und für die Inklusivität der Wissenslandschaft relevant sind. In „Un/Doing Classification“24 analysieren Simone Franz, Tomasz Łopatka, Gunther Kunze, Nils Meyn und Néhémie Strupler mit einem intersektionalen und qualitativen Ansatz diskriminierende Begriffe und implizit abwertende Strukturen bibliothekarischer Klassifikationen. Dieser Aspekt spielt auch im Beitrag „Kritik an rassifizierenden und diskriminierenden Titeln und Metadaten“25 eine wichtige Rolle, in dem Gürsoy Doğtaş, Marc-Paul Ibitz, Fatima Jonitz, Veronika Kocher und Astrid Poyer die Herausforderungen im Umgang mit rassifizierenden und diskriminierenden Kategorien in der Bestandspräsentation kritisch diskutieren. Der Verwendung von gendersensibler Sprache in Anmeldeformularen und im Auskunftsgespräch widmen sich Claudia Frick und Christine Honold im Beitrag „Gendersensible Sprache im Kontakt mit Bibliotheksnutzenden“.26 In „Mehr Wissen sichtbar machen“27 gewähren Karin Aleksander, Michael Bucher, Sahra Dornick, Michael Franke-Maier und Moritz Strickert Einblicke in ihre Diskussionen über Wissensorganisationssysteme als Ordnungssysteme und deren Bedeutung für die bibliothekarische Arbeit. Ein konkretes Ergebnis dieser Gespräche ist der „Antrag zur Aufnahme des Sachbegriffs ‚Gender‘ in die Gemeinsame Normdatei“28 von Karin Aleksander.

2.3. Feedback und Lessons learned

Das digitale Denklabor war – in seiner Konzeption und Durchführung für das Organisationsteam sowie als Veranstaltungsformat für die Teilnehmenden – ein Experiment. Daher soll im Folgenden sowohl in einem Rückblick des Organisationsteams als auch mittels einer Auswertung des Feedbacks, das wir von den Teilnehmenden erhalten haben, eine Reflexion über das Format und über Optimierungsmöglichkeiten bei der Konzeption ähnlicher Veranstaltungen stattfinden.

Bei vielen Aspekten konnten wir im Vorfeld nur sehr schwer abschätzen, ob sie funktionieren würden und wie gut sie von den Teilnehmenden angenommen würden; wir mussten also beispielsweise zu Beginn der Planungen einen zeitlichen Ablauf festlegen und konnten später nur noch bedingt nachsteuern. Trotz dieser Unwägbarkeiten war die Veranstaltung als Ganzes aus unserer Sicht ein Erfolg.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass die technische Durchführung gut klappte und die Vernetzungs- und Diskussionsaktivitäten – die gerade für dieses Veranstaltungsformat entscheidend waren – sich auch im digitalen Format sehr gut realisieren liessen. Entscheidend für das Gelingen war dabei auch, dass etwa in der Gruppenbildungsphase bei der Auftaktveranstaltung genügend Personen als Moderator:innen anwesend waren, um auf die Fragen von Teilnehmenden in Breakout-Rooms einzugehen und bei der Teambildung zu unterstützen. Die grosse Resonanz – sowohl beim Aufruf zum Einreichen von Fallbeispielen als auch beim Call for Participation – und die Tatsache, dass alle Teams, die sich zu Beginn der Veranstaltung bildeten, dabeigeblieben sind und Textbeiträge eingereicht haben, waren ebenfalls sehr positive Erfahrungen für uns. Auch die selbständige Arbeitsorganisation der Teams hat aus unserer Sicht sehr gut funktioniert, und es war beeindruckend zu sehen, wie viel die Teilnehmenden in der Kürze der Zeit geleistet haben.

Nicht ganz so gut wie erwartet wurden die während der Analyse- und Schreibphase wöchentlich angebotenen Netzwerktreffen angenommen, was vermutlich zum Teil an der Uhrzeit (später Nachmittag) lag. Zwar versuchten wir während der Veranstaltung noch einen Alternativtermin am Vormittag anzubieten, dies brachte aber leider keine Verbesserung, weil die Massnahme vermutlich zu kurzfristig war und die Teams sich bereits anders organisiert hatten. Das grösste organisatorische Problem stellte jedoch die Zeitplanung dar. Wir hatten uns bei der Konzeption der Veranstaltung an den Semesterzeiten orientiert, da wir davon ausgingen, dass gerade für Wissenschaftler:innen eine Veranstaltung mit vielen Terminen in den Semesterferien ungünstig ist. Den Start legten wir circa zwei Wochen nach Semesterbeginn (Anfang Mai), das Abgabedatum für die Artikel circa einen Monat vor Semesterende (Mitte Juni). Die Analyse- und Schreibphase legten wir mit drei beziehungsweise vier Wochen in Anlehnung an Hackathons und Booksprints als relativ kurze Zeiträume fest, um einen intensiven Austausch zu fördern und eine „Verzettelung“ zu verhindern, da wir gerade bei dem digitalen Format die Befürchtung hatten, dass bei einer längeren Laufzeit das konzentrierte Arbeiten schwieriger werden, das Interesse erlahmen und die Selbstorganisation nicht mehr so gut funktionieren könnten. Es zeigte sich jedoch, dass wir bei diesen Überlegungen die Komplexität der Teambildung, Themenfindung und des interdisziplinären Austauschs aus zeitlicher Perspektive unterschätzt hatten und die Zeiträume folglich zu knapp bemessen waren. Daher ergaben sich teils grössere zeitliche Verzögerungen, sodass sich die Schreibphase für einige Teams – entgegen unserer ursprünglichen Planung – doch in die Semesterferien beziehungsweise die Urlaubszeit hinein erstreckte.

Nach Abschluss der Schreibphase wurden die Teilnehmenden um Feedback zur Veranstaltung gebeten. Dies erfolgte über ein Formular, das anonym ausgefüllt werden konnte und das sowohl ein einfaches als auch ein detaillierteres Frageraster zur Auswahl anbot. Insgesamt gab es einen Rücklauf von circa 40%. Neben den ausgefüllten Feedback-Fragebögen erhielten wir von einigen Teilnehmenden auch Feedback im direkten Email-Kontakt.

Als sehr positive Erfahrungen wurden von zahlreichen Teilnehmenden die Vernetzung und der interdisziplinäre Austausch zwischen Bibliothek und Wissenschaft beziehungsweise zwischen verschiedenen Forschungscommunities genannt. Auch die Adressierung von Diversitätsthemen in einer Veranstaltung wurde als wichtig und interessant bewertet. Das experimentelle Format, in dem die Vernetzung eine zentrale Rolle spielt, wurde ebenfalls sehr positiv aufgenommen. Die Sammlung von Fallbeispielen aus der bibliothekarischen Praxis wurde als hilfreiche Materialgrundlage und guter Ausgangspunkt für eigene Überlegungen eingestuft.

Negativ bewertet wurde dagegen fast durchgängig die Zeitplanung, wobei sowohl die Analyse- als auch die Schreibphase als zu kurz und daher mit zu viel zeitlichem Druck verbunden bezeichnet wurden. Insbesondere der Prozess der Gruppenbildung und der Themenfindung, aber auch der kollaborative Schreibprozess wurden als zeitintensiv geschildert, wodurch die Teams gegenüber der vorgesehenen Zeitplanung in Verzug gerieten. Die interne Ergebnispräsentation nach der Analysephase wurde in einer Rückmeldung als arbeitsaufwändig, aber wenig ertragreich beschrieben, was vermutlich auch damit zusammenhing, dass viele Teams zu diesem Zeitpunkt ihre Analysearbeit noch nicht abgeschlossen hatten, was die Diskussion der Ergebnisse im Plenum erschwerte. Es gab neben der Kritik am Zeitplan aber auch Rückmeldungen, in denen die enge Taktung der Termine und die Möglichkeit, in relativ kurzer Zeit einen Artikel zu schreiben, positiv bewertet und als Motivation für die Teilnahme genannt wurden. Ein weiterer mehrfach genannter Kritikpunkt war, dass zu wenig Austausch der Teams untereinander stattgefunden habe.

Die Rückmeldungen zur Plattform PubPub, der für die Schreibphase verwendeten technischen Umgebung der Zeitschrift, fielen sehr unterschiedlich aus. Während einige Teilnehmende das Arbeiten mit der Plattform nach Überwindung der ersten Einstiegshürden gut und spannend fanden, bewerteten andere die Plattform eher negativ, was einerseits an technischen Problemen (zum Beispiel bei der Speicherung oder bei der Verarbeitung von bibliographischen Angaben), andererseits aber auch daran lag, dass die Plattform (noch) nicht alle Funktionalitäten anderer kollaborativer Schreibumgebungen verfügt. Hier wurden insbesondere die Kennzeichnung der Autor:innenschaft von Textpassagen und die Nachverfolgung von Änderungen im Text als Desiderate genannt.

Die „Lessons learned“ aus dem Feedback der Teilnehmenden und aus unseren eigenen Erfahrungen mit dem digitalen Denklabor möchten wir im Folgenden als Empfehlungen für die Organisation zukünftiger Veranstaltungen mit ähnlichem Zuschnitt weitergeben.

Den grössten Verbesserungsbedarf sehen wir bei der Zeitplanung. Wir würden bei einer zukünftigen Veranstaltung deutlich mehr Zeit für Analyse- und Schreibphase vorsehen, wenn auch vermutlich nicht über den Zeitrahmen eines Semesters hinausgehend, also möglicherweise jeweils sechs bis acht Wochen pro Arbeitsphase. Ob dies ausreichend ist und welche Auswirkungen es auf die Teamarbeit hat, müsste natürlich in der Praxis erprobt werden.

Um den Austausch zwischen den Teams zu fördern, könnte man etwa bei der Gestaltung der Ergebnispräsentation ansetzen. Statt einer „frontalen“ Präsentation im Plenum wäre es denkbar, die Teams jeweils bilateral ins Gespräch miteinander zu bringen und auch als Organisationsteam jeweils Einzelgespräche mit den Teams zu führen. Dadurch könnte gegebenenfalls der Zeit- und Erwartungsdruck gesenkt und die Feedback-Qualität verbessert werden. Auch die Organisation der Netzwerktreffen sollte angepasst werden. Zwar wurde das Angebot grundsätzlich positiv bewertet, aber vermutlich sollten von vornherein verschiedene Zeitfenster angeboten beziehungsweise die Termine überhaupt erst in Abstimmung mit den Teilnehmenden festgelegt werden. Sollten die Netzwerktreffen zahlreicher besucht werden, könnten auch sie ein zusätzlicher Ort für den Austausch zwischen den Teams darstellen.

Perspektivisch wäre es ausserdem wünschenswert, neben der Schreibplattform der Zeitschrift noch weitere technische Unterstützung für die Teamarbeit und für das kollaborative Schreiben anbieten zu können, um gegebenenfalls auch unterschiedlichen Arbeitsweisen der Teams gerecht zu werden.

Ein weiterer Aspekt, der eine Bereicherung für Veranstaltungen dieser Art darstellen könnte, wäre eine breitere Aufstellung des Organisationsteams beziehungsweise das Einbinden von Vertreter:innen unterschiedlicher Bibliothekstypen bereits in die Organisation der Veranstaltung. Bei unserem Denklabor waren zwar öffentliche und Spezialbibliotheken keinesfalls ausgeschlossen, der Fokus lag aber – auch aufgrund unseres eigenen institutionellen Hintergrundes – auf wissenschaftlichen Bibliotheken. Dies spiegelte sich auch in den gesammelten Fallbeispielen sowie bei den Teilnehmenden wider. Hier liesse sich vermutlich durch frühzeitige Kontaktaufnahme und Kooperation mit öffentlichen und/oder Spezialbibliotheken eine weitere Diversifizierung erreichen.

3. Ausblick

Anlässlich der Veröffentlichung des Themenhefts werden die Ergebnisse des digitalen Denklabors in einer digitalen Journal Release-Veranstaltung einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. Gleichzeitig soll damit eine Plattform für Wissenschaftler:innen, Bibliotheksmitarbeitende und -nutzende geboten werden, die sich auch über den Rahmen des Denklabors hinaus mit Diversitätsaspekten in Bibliotheken beschäftigen und sich dazu austauschen möchten.

Die Erfahrung des Denklabors zeigt, dass die Vernetzung und der interdisziplinäre Austausch auf dem Weg zu diversitätsorientierteren Wissensorganisations- und Bibliotheksstrukturen eine zentrale Rolle spielen. So können etwa die in Abschnitt 1 genannten einrichtungs- und länderübergreifenden grossen Initiativen zur Dekolonialisierung in Bibliotheken die Debatte weiter vorantreiben und mittelfristig zu Veränderungen in den einzelnen Einrichtungen führen. Auch der Kontakt mit Gremien, die für die kooperative Inhaltserschliessung und deren Regelwerke zuständig sind, ist ein wichtiger Baustein zur Erreichung des langfristigen Ziels einer möglichst diskriminierungsfreien Katalogisierung und Präsentation von Bibliotheksbeständen. Darüber hinaus wäre ein intensiverer Austausch zwischen Bibliotheken verschiedenen Typs, zum Beispiel zwischen öffentlichen und wissenschaftlichen, aber auch zwischen grossen Universitäts- beziehungsweise Universal- und kleineren Spezialbibliotheken wünschenswert. Auch ein spartenübergreifender Austausch mit anderen Kulturerbeeinrichtungen wie Museen und Archiven könnte zu gegenseitiger Inspiration und Unterstützung führen. Solche breit aufgestellten Vernetzungsaktivitäten sind vielversprechend, bedeuten aber auch einen hohen Organisationsaufwand und erfordern gegebenenfalls ein strategisches Commitment der beteiligten Einrichtungsleitungen.

Eine nachhaltige Veränderung kann jedoch nur dann stattfinden, wenn sie auch auf der individuellen Ebene breit verankert ist – wenn also jede:r einzelne Bibliotheksmitarbeiter:in ein Bewusstsein für Diversitätsthemen entwickelt, auf Diskriminierungen hinweist, Verbesserungen anregt oder auf Barrieren aufmerksam macht, oder, um es mit Toni Samek zu sagen: „Critical librarianship is an international movement of library and information workers that consider the human condition and human rights above other professional concerns“29. Daher ist die Sensibilisierung von Bibliothekspersonal für Diversitätsthemen, zum Beispiel durch Fortbildungen oder (interne) Veranstaltungen, neben grösseren einrichtungsübergreifenden Initiativen eine der vordringlichsten Aufgaben.

Das digitale Denklabor möchte einen kleinen Beitrag zur Verankerung einer kritischen Perspektive in der deutschsprachigen Bibliothekswelt leisten – es markiert damit keinesfalls einen Endpunkt, sondern versteht sich als Auftakt und Anregung für die alltägliche Arbeit.

Danksagung

Wir möchten die Gelegenheit nutzen, uns an dieser Stelle herzlich zu bedanken – zunächst bei den Teilnehmenden des digitalen Denklabors und Autor:innen der Beiträge in diesem Themenheft für ihre Motivation, Offenheit und ihr Durchhaltevermögen; ebenso bei den Beispielgebenden für die Einblicke in praktische Bibliotheksarbeit und eigene Nutzungserfahrungen; bei Barbara Heindl, Annika Hartmann und Simon Schmiederer für die Gespräche und das Mitdenken in der Planungsphase der Veranstaltung; bei Barbara Heindl, Julian Katz, Sina Menzel und Katharina Pick für die Unterstützung bei der Moderation der Auftaktveranstaltung; und schliesslich bei den Herausgebern der Zeitschrift 027.7 für die Bereitschaft, das Experiment des Booksprints mit uns zu wagen.

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