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Mehr Wissen sichtbar machen. Inhaltserschließung in Bibliotheken und alternative Zukünfte

Published onSep 12, 2022
Mehr Wissen sichtbar machen. Inhaltserschließung in Bibliotheken und alternative Zukünfte
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Abstract

Dieser Werkstattbericht beschäftigt sich mit Diskriminierung in Wissensorganisationssystemen. Dabei geht es um die Fragen, inwiefern Wissensorganisationssysteme als Ordnungssysteme bestimmte Perspektiven und Informationen (nicht) abdecken; wie bei der Erstellung und Pflege, insbesondere bei der Inhaltsanalyse, vorgegangen wird und welche bibliotheksethischen Fragen im Zuge dessen bedeutsam sind. Gleichzeitig dreht er sich auch um die Frage, inwiefern in diese Prozesse und Systeme interveniert werden kann und welche Erwartungen und Wünsche an derzeitige Systeme und zukünftige Entwicklungen der Wissensorganisation gestellt werden.

This workshop report deals with discrimination in knowledge organization systems. In doing so, it asks to what extent knowledge organization systems as classification systems do or do not cover certain perspectives and information. It is interested in the process of creating and maintaining knowledge organization systems, in particular with respect to content analysis, and the concomitant questions of library ethics. At the same time, it addresses interventions into these processes and systems. It concludes with expectations and hopes for current systems and future developments in knowledge organization.


Der vorliegende Text ist das Produkt eines kollaborativen Verständigungs- und Schreibprozesses. An seiner Entstehung waren Personen beteiligt, die einen beruflichen Hintergrund innerhalb der Wissenschaft, des Bibliothekswesens oder Zwischenbereichen besitzen. Dies umfasst Personen, die konkret an Wissensorganisationssystemen arbeiten und sie pflegen, sowie Personen, die diese nutzen beziehungsweise aus anderen (fachwissenschaftlichen) Positionen darauf blicken.

Unsere Gruppe bestand aus:

  • einer Soziologin und wissenschaftlichen Mitarbeiterin an einer Technischen Universität, die seit mehreren Jahren zu Geschlecht und Diversität forscht,

  • einem wissenschaftlichen Bibliothekar einer Universitätsbibliothek, der sich seit einigen Jahren mit Inhaltserschliessung und Normdaten beschäftigt,

  • einer Philosophin und wissenschaftlichen Bibliothekarin, die seit Ende der 1990er-Jahre für eine geschlechtersensible Beschlagwortung argumentiert,

  • einem Ethnologen und wissenschaftlichen Bibliothekar, der sich mit kontrolliertem Vokabular und Normdaten beschäftigt, und

  • einem Literaturwissenschaftler, der sich seit knapp drei Jahren als Archivmitarbeiter und Bibliothekar mit dem Ordnen von Dingen beschäftigt.

Der Text basiert auf einem Dialog, der versucht, die unterschiedlichen Hintergründe und Perspektiven der Beteiligten auf das vielschichtige Thema Wissensorganisation, und hier vor allem als Inhaltserschliessung, zu vermitteln. Die dafür geführten umfangreichen Gespräche zeichneten sich durch notwendige Übersetzungen von unterschiedlichen Sicht- beziehungsweise Denkweisen aus. In diesem Prozess von Übersetzung und Rückübersetzung zeigten sich auch widerstreitende Positionen, die in einen produktiven Austausch gebracht werden konnten. Die Richtung des vorliegenden Textes passte sich immer wieder den in der Gruppe geführten Diskussionen an. Der Redaktionsprozess war aus diesem Grund ein iterativer, der immer wieder versuchte, neu gewonnene Erkenntnisse und Diskussionsergebnisse aufzunehmen und in eine Textform zu überführen. Diese Form stellt Argumente in einen loseren Zusammenhang als ein stringent argumentierter Artikel. Manche Themen werden eher angerissen als in der Tiefe erörtert.

Der vorliegende Werkstattbericht widmet sich dabei den Fragen, inwiefern Wissensorganisationssysteme (Knowledge Organization Systems, kurz KOS) als Ordnungssysteme bestimmte Perspektiven und Informationen (nicht) abdecken; wie bei der Erstellung und Pflege, insbesondere bei der Inhaltsanalyse, vorgegangen wird und welche bibliotheksethischen Fragen im Zuge dessen bedeutsam sind. Gleichzeitig dreht er sich auch um die Frage, inwiefern in diese Prozesse und Systeme interveniert werden kann und welche Erwartungen und Wünsche an derzeitige Systeme und zukünftige Entwicklungen der Wissensorganisation gestellt werden.

Forschungsfrage

Die ersten Treffen im Denklabor machten deutlich, dass sich Teilnehmende aus sehr unterschiedlichen Kontexten in dieser Gruppe zusammengefunden hatten. Wir diskutierten jedes Mal angeregt über verschiedene Aspekte der Frage, wie gender- und diversitätssensible Zugänge im Erschließungsprozess besser berücksichtigt und problematische und diskriminierende Kategorisierungen in der Inhaltserschließung vermieden werden können. In der Diskussion kreisten wir konzentrisch um die Frage, welche Personen, Instanzen, Bedingungen für den bibliothekarischen Erschliessungsprozess relevant sind, um mögliche Einstiegsfenster und Interventionsmöglichkeiten zu ermitteln.

Im Zuge der Erörterung unserer Forschungsfrage erarbeiteten wir die folgenden Untersuchungsthemen:

  1. Was bedeutet eigentlich Wissen und welche Form nimmt Wissen in Bibliotheken an?

  2. Wie funktionieren die Wissensorganisationssysteme in Bibliotheken?

  3. Wie kann von welchen Punkten aus in diese Wissensorganisationssysteme interveniert werden?

Im Folgenden stellen wir dar, in welcher Weise wir uns den Untersuchungsfragen annäherten und in welche weiteren Diskussionen wir uns damit verstrickten.

Wissen in Bibliotheken

Wissen, ganz allgemein, verstanden als (geprüfte, begründete) Information, die im Bibliothekssammelgut verfügbar ist, wird in Bibliotheken mit Wissensorganisationssystemen, wie Klassifikationen, Normdateien, Thesauri, Ontologien, auf der Grundlage von Regelwerken zur Inhaltserschließung strukturiert, interpretiert, sichtbar und schließlich in Suchsystemen zugänglich gemacht. Dabei handelt es sich stets nur um Ausschnitte von Wissen, weil es in materialisierter Form vorliegen muss. Das kann die historische/populäre Weltsicht als Fachwissen einzelner Disziplinen oder ihren Kanon darstellen, aber auch unpopuläre Ansichten oder Hypothesen. Es entsteht also die Frage, wie in der Gesellschaft weniger bekanntes beziehungsweise weniger beachtetes Wissen außerhalb oder auch gegen den Mainstream in Suchwerkzeugen sichtbar werden kann, um damit die Vielfalt an Perspektiven auf die Welt zu verdeutlichen beziehungsweise zugänglich zu machen.

Auch unter bibliotheksethischen Aspekten sind Erwerbung und Inhaltserschließung verschiedenster Wissen einer Gesellschaft wünschenswert. Auf der Ebene der angewandten Wissensorganisationssysteme entstehen dabei Fragen im Zusammenhang mit solchen „allgemeinen“ bibliotheksethischen Werten, wie zum Beispiel Gleichbehandlung und Neutralität, aber auch der Orientierung am Nutzer*innenbedarf, Informationen, Inhalte, Ressourcen suchen und finden zu können. Letztlich stellt sich die Frage: Müssen Bibliotheken neutral sein? Und gibt es zum Beispiel einen Anspruch auf unkommentierten access to disinformation?

Wissensorganisationssysteme sind Ordnungssysteme. Erschließen, Verschlagworten, Klassieren

Bibliothekarische Wissensorganisationssysteme sind Ordnungssysteme, die Wirklichkeit nicht einfach abbilden, sondern eingebettet sind in hegemoniale Deutungssysteme, auf deren Grundlage Wirklichkeit kontinuierlich reproduziert wird. (Accardi, Drabinski, & Kumbier, 2010; Aleksander, 2014; Bowker & Star, 1999; Olson, 2002) Daraus resultiert für die Inhaltserschließung die grundlegende Frage, was verschlagwortet beziehungsweise klassiert wird: Welt oder Darstellungen von Welt? Da das Wort Inhaltserschließung impliziert, dass Inhalte erschlossen werden, lautet die Antwort: Die Inhalte sind zugleich Welt sowie Darstellung von Welt, und das Ergebnis des Prozesses der Inhaltserschließung ist selbst Welt beziehungsweise Deutung von Darstellung von Welt – letzteres, da Darstellungen von Welt nicht zu verstehen sind, ohne wiederum eigene Annahmen darüber vorzunehmen. Die Inhaltserschließung liefert insofern einen zwei- oder mehrfach gefilterten Zugang zu Ressourcen, wobei ein Wissensorganisationssystem je nach Entstehungszeitraum und -kontext durchaus auch zeitgemäßer sein kann als die damit erschlossene Ressource.

Die der Inhaltserschließung hinterlegten Schablonen sind normierte Vokabulare, Klassifikationen, Thesauri, Ontologien, definierte Wissensstrukturen. Beim Prozess der Inhaltsanalyse werden ganz stringent bestimmte Inhalte und Attribute von Ressourcen betrachtet. Die derzeit im Bibliothekswesen im D-A-CH-Raum weitest verbreitete verbale Inhaltsanalyse nach den Regeln für die Schlagwortkatalogisierung1 orientiert sich dabei an folgenden inhaltsbezogenen Fragen:
Welche formale Art des Inhalts liegt vor? Werden konkrete Personen und gegebenenfalls ihre Werke behandelt? Auf welche geografischen Regionen bezieht sich der Inhalt der Ressource? Sind Körperschaften oder Veranstaltungen darin relevant? Auf welchen Zeitraum beziehungsweise welche historischen Einzelereignisse rekurriert die Ressource? Werden (anonyme) Werke besprochen oder interpretiert? Welche Zielgruppen werden mit der Ressource adressiert? Diese Fragen sind zunächst wenig anfällig für hegemoniale Deutungen, da konkrete Instanzen beziehungsweise Individualbegriffe (zum Beispiel Personen, Körperschaften, aber auch Marken, Softwareprodukte, chemische Verbindungen oder Gensequenzen) erfragt werden. Hegemonialität wird gegebenenfalls dort reproduziert, wo diese etwa in geografischen Weltordnungen oder Staatenbezeichnungen bereits eingeschrieben ist.

Schwierig wird es vor allem bei der Frage nach den thematischen Inhalten einer Ressource, die durch Allgemeinbegriffe ausgedrückt werden oder die eine Kollektivbezeichnung erfordern. Letztlich liegt hier die eigentliche Herausforderung der Inhaltserschließung: Sie muss sowohl die Allgemeinbegriffe als auch die Kollektivbezeichnungen im stetigen Umwandlungsprozess von Wissenschaft und Gesellschaft aktualisieren.

Wissensorganisationssysteme sind also aufgrund ihrer Funktion, konkretes Wissen unter abstrakten Kategorien ordnen zu müssen, gezwungen, mit Allgemeinbegriffen/Standardisierungen zu arbeiten, um auf diese Weise einen hohen Abstraktionsgrad zu erreichen. Nach Bowker und Star (1999) können Standardisierungen dabei helfen, Materialien zu ordnen und zu erschließen; gleichzeitig erzeugen sie aber auch eine bestimmte Anordnung der Materialien, die aufgrund der gesellschaftlichen Situation zur Reproduktion von „Problemen sozialer Gerechtigkeit“ (Leigh Star, 2010, p. 226) führen können.

Denn Wissensorganisationssysteme können aus einer sozialkonstruktivistischen Perspektive als Elemente der Prozesse verstanden werden, mit denen bestimmte und zuvorderst hegemoniale Verständnisse von Geschlecht, race, Klasse … performativ hergestellt werden.

Hegemoniale Verständnisse von Geschlecht, race, Klasse ... sind problematisch, da sie auf unreflektierten, oft unbewussten und naturalisierten Annahmen über Menschen und deren Verhältnisse basieren, die der Lebenswirklichkeit der betroffenen Individuen nicht gerecht werden. Studien zeigen, dass hegemoniale Verständnisse als normative Macht begriffen werden müssen, die sich gewaltvoll auf das Leben bestimmter Menschen auswirken. Hegemoniale Verständnisse von Geschlecht, race, Klasse … wirken diskriminierend, stigmatisierend und ausgrenzend und gefährden auf diese Weise das Leben der betroffenen Menschen. (Butler, 1991; Hill Collins & Bilge, 2018)

Interventionen

Eine Frage, die unsere Diskussionen im Weiteren bestimmte, stellte sich uns in der Tradition kritischer Aufklärung und loser Paraphrasierung der von Michel Foucault in Was ist Kritik aufgeworfenen Frage danach, wie es uns gelingen kann, „nicht dermaßen regiert zu werden“ (Foucault, 1992, p. 28). Foucault schließt hier an seine machtanalytischen Überlegungen an, wonach jede Form der Macht nicht nur repressive, sondern auch produktive Effekte haben kann und es demzufolge der Kritik der Macht nicht darum gehen kann, die Macht zu beseitigen, sondern das Ziel eher sein muss, diese so zu verschieben, dass mehr Freiheitsgrade für die Subjekte erreicht werden können.

Wir reformulierten Foucaults Frage in unserem Kontext als die Frage danach, wie die Bibliothek nicht so dermaßen ausschließend ordnen könnte und tauschten uns dazu in einer Reihe von Treffen aus. Es war sehr interessant zu erleben, wie unterschiedlich unsere Perspektiven auf diese Frage waren und wie detailreich zum Teil die Überlegungen ausfielen, wie eine stärkere Inklusivität in den Wissensorganisationssytemen erreicht werden könnte. Insbesondere muss in diesem Zusammenhang die Produktivität des Austauschs bei abweichenden Einstellungen und vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Kontexte, in denen wir alle agier(t)en, genannt werden, trug diese doch schließlich dazu bei, dass wir unsere umherschweifenden Diskussionen in den folgenden vier Arbeitsfeldern zusammenfassen konnten:

  1. Problematische Benennungen

  2. Antrag zur Aufnahme des Sachbegriffs „Gender“ in die Gemeinsame Normdatei (GND) (Antragstellerin: Karin Aleksander)

  3. Bibliotheksethische Fragen und praktische Konsequenzen

  4. Alternative Zukünfte

Im Weiteren gehen wir auf unsere Diskussionen und Ergebnisse in diesen unterschiedlichen Arbeitsfeldern genauer ein.

Problematische Benennungen

Existierende Probleme und Unzulänglichkeiten innerhalb der Wissensorganisationssysteme sind im Verhältnis zu ihrem funktionalen Mehrwert zu betrachten. Neben der ethischen Verpflichtung, Personen(-gruppen) und Sachverhalte adäquat zu benennen, sollte immer auch gesehen werden, dass es auch ein ethisches Gebot ist/sein kann, dass Interessierte überhaupt wissen, dass es diese Bestände gibt.

Die Auffindbarkeit von Ressourcen ist eine der zentralen Dienstleistungen von Bibliotheken. Dafür ist es üblich, dass Synonyme beziehungsweise abweichende Benennungen im Normdatensatz hinterlegt werden. Da den Suchenden eventuell nur die problematischen Synonyme bekannt sind, sichert die Hinterlegung von zahlreichen, auch problematischen Synonymen somit barrierearme Rechercheergebnisse – insbesondere dann, wenn die Suchenden bei bestimmten Themen noch nicht über viel inhaltliche Expertise verfügen beziehungsweise die verwendeten Suchbegriffe in ihrer Wertung nicht einordnen können. Da die Synonyme in der Rechercheansicht nicht unmittelbar sichtbar sind, sondern nur die bevorzugten Benennungen, ist dies durchaus vertretbar.2

Wir meinen: Die Verwendung von Normdaten in Bibliothekskatalogen hat vor allem die Funktion, gute Suchergebnisse zu liefern. Hier haben dann auch problematische, gegebenenfalls für die Suche verwendete und in der Normdatei mitgeführte Synonyme die Aufgabe, Materialien zugänglich zu machen.

Die Forderung einer bloßen Eliminierung solcher problematischen Begriffe in Normdateien verkennt diese Funktion und wird dem Wissen um systemimmanente Begrenzungen und die Reflektiertheit der damit arbeitenden Personen nicht gerecht.3

Außerdem sind Synonyme für automatisierte Erschliessungsverfahren4 von Texten hilfreich, da sie unterschiedliche Benennungen für gleiche Sachverhalte zusammenführen können. Insbesondere bei historischen Texten bedarf es deshalb eines umfassenden Wortkorpus, das sich durchaus vom heutigen Sprachgebrauch unterscheiden kann. Diskriminierende Begriffe sollten im Normdatensatz allerdings kontextualisiert und kommentiert sein, sodass erkennbar wird, dass der diskriminierende Charakter bekannt ist.5

Vor allem bei den bevorzugten Benennungen – das sind die Benennungen, die in den Rechercheoberflächen auch angezeigt werden – ist die Diskussion über die Angemessenheit dieser angezeigten bevorzugten Benennungen bedeutsam.

Argumente für die Beibehaltung problematischer Benennungen und Synonyme sind durchaus funktional berechtigt – besonders, weil sie Wissenschafts- und Wissensorganisationsgeschichte widerspiegeln. Unbefriedigend ist die Lösung aber insofern, als sie möglicherweise kein spezifisches Retrieval ermöglicht. Sprich, wer zum Beispiel in einem Katalog mit Schlagwörtern aus der GND nach dem N-Wort sucht, der auch die Synonyme der GND-Datensätze indexiert, bekommt als Ergebnis auch alle jene Titel, die im Jahr 2022 unter „Schwarze“ verschlagwortet wurden. Umgekehrt kann nicht gefunden werden, was tatsächlich einmal mit dem N-Wort indexiert wurde. Die derzeitige Lösung über Quasisynonyme „funktioniert“ im Retrieval also nur insofern, als sie alles zusammenfasst; sie verschleiert den historischen Wandel eher, als dass sie ihn sichtbar macht.

Zeitlichkeit beziehungsweise Historisierung könnten nur konsequent umgesetzt werden, wenn die Erfassungsregeln der GND vorsehen würden, dass bei diskriminierenden Benennungen immer ein neuer Datensatz mit der nicht-diskriminierenden Benennung zu erstellen ist und der alte Datensatz darin zum Beispiel als „Verwandter Begriff“ (vbal) oder als unspezifische Relation (rela) in Beziehung gesetzt wird. Jeder Datensatz hat einen Zeitstempel, der aussagt, wann er erstellt und zuletzt geändert wurde. Weiterhin stellt sich die Frage, ob die Wahl der Relationierung „Verwandter Begriff“ passt. Inwiefern liegt eine Verwandtschaft zwischen dem Datensatz mit dem diskriminierenden Begriff als bevorzugte Benennung und einem neuen Datensatz vor? Wie neutral ist eine Verwandtschaftsbeziehung? Wird dadurch schon Hegemonialität reproduziert? Und wäre deswegen gegebenenfalls eine unspezifische Relation angemessener?

Antrag zur Aufnahme des Sachbegriffs „Gender“ in die Gemeinsame Normdatei (GND) (Antragstellerin: Karin Aleksander)

In Anschluss an Judith Butler gehen wir davon aus, dass Interventionen in die performativen Prozesse der Wirklichkeits(re)konstruktion möglich sind, indem Brüche und Verschiebungen auf der Bedeutungsebene erwirkt werden können. (Butler, 1991; 1995) Diskurstheoretisch wird davon ausgegangen, dass Bedeutungen mit den Praxen und Lebenswelten unauflöslich verschränkt sind, sodass Veränderungen in den Feldern der Bedeutung neue Praxen und Routinen hervorbringen können. Allerdings besteht hier kein direkter Zusammenhang, auch kann nicht von einem Automatismus ausgegangen werden. Vielmehr müssen aktivistische Bemühungen, etwa im Feld der Bibliothek, auch immer als politische Interventionen verstanden werden, die abhängig davon sind, ob neue Bedeutungen aufgenommen und in organisationale/gesellschaftliche Praxis umgesetzt werden.

In diesem Sinne sind Möglichkeiten auszuloten, neue Bedeutungen durch eine geschlechter- und diversitätssensible Kritik vorhandener Ordnungssysteme herzustellen und die Ergebnisse direkt in die konkrete Arbeit der Inhaltserschließung zu integrieren.

Wie können neue Bedeutungen, neue Ordnungssysteme in die Wissensorganisationssysteme eingebracht werden, die den unterdrückenden, diskriminierenden, ausschließenden und verletzenden Bedeutungen Geltungsmacht entziehen? Wie können bislang ausgegrenzte und marginalisierte Wissensformationen Einzug in die Bibliothek halten und sinnvoll in Konzepte für Wissensorganisationssysteme und deren bibliothekarischen Einsatz übersetzt werden?

Hier diskutierten wir als Beispiel für eine aktuelle Intervention über die notwendige Aufnahme eines Sachbegriffs ‚Gender‘ in die Liste der Sachschlagwörter der gemeinsamen Normdatei (GND)6 für die Inhaltserschließung. Der bisher dort gebräuchliche Sachbegriff Geschlecht wird den fachlichen Inhalten der zur Beschlagwortung vorliegenden Materialien aus 50 Jahren erfolgreicher Entwicklung der Geschlechterforschung/Gender Studies nicht mehr gerecht. Die bisherige Orientierung auf eine biologisch/anthropologische Definition ist einseitig und kann den intersektionalen Inhalt der Analysekategorie Gender nicht abbilden. Wegen der inter-/transdisziplinären Verortung der Kategorie Gender in vielen Disziplinen, wie Medizin, Kultur-, Sozial-, Geistes-, und Natur-, Ingenieurwissenschaften und Technik et cetera ist die Einführung des Sachbegriffs Gender in die GND notwendig.

Unser Antrag zur Neuansetzung entstand auf der Grundlage eines Fallbeispiels, das Karin Aleksander für das Denklabor eingereicht hatte (siehe den Beitrag „Antrag zur Aufnahme des Sachbegriffs ‚Gender‘ in die Gemeinsame Normdatei“7 sowie die „Fallbeispiele aus der bibliothekarischen Praxis“8). Der Antrag wird in einem ersten Schritt zwischen zwei Berliner GND-Redaktionen besprochen und anschliessend mit der fachlich zuständigen Person an der Deutschen Nationalbibliothek (DNB). Erst nach diesem ersten Abstimmungsprozess wird die Diskussion auf D-A-CH-Ebene, hoffentlich erfolgreich, geführt.

Bibliotheksethische Fragen und praktische Konsequenzen

Die oben bereits genannte Frage nach der Neutralität bibliothekarischer Arbeit wird derzeit vielfach gestellt, implizit wie explizit. Die Zeitschrift LIBREAS beschäftigte sich 2019 mit dem Thema „Neutralität“. Die LIBREAS-Redaktion konstatiert für Bibliotheken als demokratische Institutionen ein Unbehagen („Missbehagen“) beim Festhalten am Begriff der Neutralität angesichts der Erfolge rassistischer und nationalistischer Bewegungen und Parteien sowie angesichts des Einflusses von Anti-Feminismus und Verschwörungstheorien.9 Im Editorial des Sammelbands Qualität in der Inhaltserschließung (Franke-Maier, Kasprzik, Ledl, & Schürmann, 2021) weisen die Herausgeber*innen darauf hin, dass sich das dem „bibliothekarischen Berufsethos implizit[e] Neutralitätsgebot“ für die Inhaltserschließung zum Beispiel in den Regeln für die Schlagwortkatalogisierung (RSWK) zeigt: „Der Standpunkt oder eine Weltanschauung des Verfassers wird im Allgemeinen nicht berücksichtigt“ (Arbeitsstelle für Standardisierung, 2017, § 4,2). Dieses Neutralitätsgebot problematisieren die Herausgeber*innen mit einem Verweis auf die Situiertheit jeglichen Wissens: Auch die Arbeit in der bibliothekarischen Erschließung bleibt „von der Perspektive und der Sozialisation der erschließenden Person, im Speziellen ihrer politischen, fachlichen und bibliothekarischen, abhängig“ (Franke-Maier, Kasprzik, Ledl, & Schürmann, 2021, p. 2). Die anhaltende Kritik an Teilen und Aspekten von Wissensorganisationssystemen als ausschließend und diskriminierend ist als Reaktion auf eben diese immanente Beschränkung von Erschließungsarbeit zu verstehen, die nicht frei davon ist, gesellschaftliche Ausschlüsse zu reproduzieren. Dies gilt selbstredend auch für die Verfasser*innen dieses Textes. Der Kritik, die wir üben, müssen wir uns auch selbst stellen. Damit ist eine weitere Eigenart von Wissensorganisationssystemen benannt: ihre prinzipielle Unabgeschlossenheit. Wissensorganisationssysteme sind also auf kritische Revision angewiesen und bleiben damit überarbeitungsbedürftig. Eine Workshopteilnehmerin hat dies folgendermaßen auf den Punkt gebracht: Die Überarbeitung einer Klassifikation ist so komplex und aufwendig, dass sie, in dem Moment, wo es uns gelingt, die Überarbeitung abzuschließen und zu veröffentlichen, schon wieder veraltet ist.

In der Inhaltserschließung scheinen sich bibliotheksethische Herausforderungen verdichtet zu zeigen, etwa Fragen zu Gleichbehandlung, zum Umgang mit problematischen Begriffen und Klassen oder zur Orientierung am Nutzer*innenbedarf (das heißt am Wunsch, Informationen, Inhalte, Ressourcen suchen und finden zu können). Darauf deutet auch der Umstand hin, dass Kritik an den Systemen, mit denen die Inhaltserschließung arbeitet, schon seit den späten 1960er-Jahren dokumentiert ist. Die Debatte findet zunächst aber vorrangig in den USA statt. 1969 reagiert die dortige Bibliothekslandschaft dergestalt auf die sozialen Veränderungen der Zeit, dass innerhalb der American Library Association (ALA) der Social Responsibility Round Table (SRRT) gegründet wird. In den Folgejahren differenzieren sich verschiedene Round Tables innerhalb der ALA aus und existieren noch heute als Untergruppen dieser Berufsvereinigung, in denen zu diversen Themen kritische Bibliotheksperspektiven formuliert werden. In Deutschland fehlt eine entsprechende kontinuierliche institutionelle Verankerung kritischer Bibliotheksstimmen, obwohl es auch hier informelle Gruppen gab/gibt.10 Die Existenz der Gruppen kritischer Bibliothekar*innen in den USA wird von einer kontinuierlichen publizistischen Praxis begleitet.11 Die Gründung eines einschlägigen Verlags in den 2000er-Jahren, Library Juice Press/Litwin Books, ist außerdem ein Ausdruck davon, wie stark kritische Perspektiven auch in der universitären Ausbildung rezipiert werden.12

Was können mögliche, effektive Ziele dieser breiten Kritik an den Erschließungs- und Wissensorganisationssystemen sein?
Im Rahmen unseres Diskussions- und Schreibprozesses haben wir zunächst eine Änderung der Normdaten in den Fokus genommen, konkret eine Änderung in der GND, und Überlegungen zu diesem Änderungsprozess angestellt. Ob eine konkrete Änderung eines Normdatensatzes auch eine Bereinigung der Kataloge, die mit diesem Normdatensatz arbeiten, erforderlich macht, kann von Fall zu Fall unterschiedlich sein. Eine bloße Umbenennung einer Klasse oder eines Schlagworts zieht keine Überarbeitung im Katalog nach sich, da die neue bevorzugte Benennung normalerweise automatisiert eingebunden wird, zumindest dann, wenn das Katalogsystem dies unterstützt. Die Reorganisation einer Klasse oder eines Schlagworts (zum Beispiel Ausdifferenzierung oder inhaltliche Verschiebung) kann jedoch erheblichen Aufwand in der dadurch erforderlichen Arbeit am Katalog mit sich bringen.13

Emily Drabinski wirft in Queering the Catalog (2013) die Frage auf, wie ein Änderungsprozess/-workflow eines Wissensorganisationssystems aussehen könnte, der nicht den Anschein macht, im stillen Kämmerchen zu „korrigieren“ und diskriminierende Benennungen zu ersetzen. Lassen sich bereits stattgefundene Diskussionen transparent(er) machen und betroffene Personen, Wissenschaftler*innen und Katalognutzer*innen einbeziehen? Dazu müsste das KOS beziehungsweise der einzelne Normdatensatz historisierbar sein (analog zum Beispiel zur Wikipedia mit ihren Versionen). Das passiert zurzeit (noch) nicht. Die alten Datenstände sind wahrscheinlich in Backup-Dateien versteckt. Eine aktuelle Möglichkeit, die Historisierung problematischer Begriffe zu verwirklichen, bestünde darin, die bevorzugte Benennung im Datensatz nicht einfach nur zu ändern, sondern die nun obsolete, diskriminierende Benennung als Datensatz zu erhalten und einen neuen Datensatz für die neue, nicht-diskriminierende bevorzugte Benennung zu erstellen. Inhaltlich kann das dann sinnvoll sein, wenn argumentiert wird, dass eine grundlegende Konzeptänderung erfolgte. Das neue Schlagwort ist dann nicht einfach mehr nur ein Quasisynonym, sondern ein neues Konzept mit inhaltlich anderem Begriffsumfang.14 In den Katalogisaten könnte die Änderungshistorie eines Datensatzes durch das Hinzufügen von Provenienzkennungen bewerkstelligt werden. Durch den aktuellen vermehrten Einsatz von maschinellen Verfahren der inhaltlichen Erschließung wurde das Datenformat um Datenfelder für Provenienzkennzeichen erweitert, damit die Ergebnisse der maschinellen Verfahren von denen der intellektuellen Inhaltserschließung unterscheidbar sind. Diese Datenfelder könnten zusammen mit einem Zeitstempel für die einzelnen Schlagwortfolgen auch für die Dokumentation der Geschichte des Erschließungsprozesses dienen.

Zudem müssen sich die an diesem Prozess Beteiligten eingehender damit beschäftigen, wie angemessene Benennungen verwendet werden können und welche Probleme entstehen, wenn Themenbereiche interdisziplinär abgedeckt werden müssen. Gleichzeitig ist ein gewisses Maß an Toleranz gegenüber den unzulänglichen Möglichkeiten zur Abbildung von Welt in KOS notwendig. Für viele Probleme der adäquaten Benennung und Strukturierung gibt es nach wie vor keine eindeutigen Lösungen, weil vielfach unterschiedliche Positionen und Bedürfnisse auf bereits langjährig etablierte Systeme mit ihren eigenen Regeln und Logiken treffen. Trotzdem ist zu überlegen, wie es auch hier möglich ist, unterschiedliche Perspektiven zu integrieren, Hemmschwellen abzubauen und eine verbesserte Ansprechbarkeit beziehungsweise Verständlichkeit der Systeme herzustellen, wobei allerdings auch der Mangel an Ressourcen für die arbeitsintensiven Aufgaben eine wichtige Perspektive darstellen sollte. In künftig zu schreibenden Einführungen zur Inhaltserschließung wäre ein Kapitel zur kritischen Diskussion über Wissensorganisationssysteme und zur Geschichte dieser Kritik wünschenswert. Die derzeit verwendeten Einführungen (zum Beispiel Bertram, 2005) gehen dieses Thema nicht offensiv an, was die Frage aufwirft, ob sich hier die Vorstellung von der Neutralität der eigenen Arbeit hält.

Als erster pragmatischer Schritt könnte es bereits im Hier und Jetzt hilfreich sein, die bislang in Deutschland/im D-A-CH-Raum eher im Hintergrund des Bibliotheksbetriebes stattfindende, für Nutzer*innen versteckte Inhaltserschließung mit ihren Problemen und Dilemmata transparenter zu machen. Mehr Transparenz über die Werte(-konflikte) und diesbezüglich getroffene Entscheidungen (in Regelwerken und/oder konkreten Abteilungen) könnte dabei helfen, die Wissensorganisationssysteme für Nutzer*innen nachvollziehbarer und verständlicher zu machen.15

Alternative Zukünfte

Als ein zentraler Diskussionsimpuls innerhalb des gruppeninternen kollaborativen Verständigungs- und Schreibprozesses wirkte der Blick in die Zukunft. Als Gruppe stellten wir uns immer wieder die Frage, was Wissensorganisationssysteme leisten sollten und wie sie zukünftig verändert werden können, um unterschiedliche thematische Bereiche und Perspektiven besser abbilden zu können und Nutzenden die von ihnen gewünschten Ressourcen zugänglicher zu machen. Die gemeinsame Arbeit innerhalb des digitalen Denklabors „Critical Library Perspectives“ war zur Erarbeitung alternativer Zukunftsideen aus verschiedenen fachlichen Zugängen heraus produktiv nutzbar. Diese alternativen Zukünfte umfassen nicht nur die im Folgenden dargestellten eher strukturellen Ideen, sondern auch den konkreten Ansatz, via Antrag den Begriff „Gender“ in die GND aufzunehmen (siehe den Antrag16 in dieser Ausgabe).

Eine zentrale und grundlegende Herausforderung im Kontext der Bewertung von Inhaltserschließung sind die Defizite der derzeitigen Rechercheinstrumente. Hier gibt es ein großes Potenzial für Bibliotheken und ihr Management, sich in die Debatten einzubringen und Verbesserungen bei den Systemanbietern einzufordern. Notwendig ist hierzu ein Bewusstsein beim Management, das über die kosmetische Schicht des Look and Feel des User Interfaces der Suchsysteme hinausgeht. Die Datengrundlage ist für eine erfolgreiche Suche entscheidend und Zielsysteme müssen die Daten vollständig auswerten können. Das können sie in den meisten Fällen (bisher) nicht.

Grundsätzlich ist dabei stärker herauszuarbeiten, welche Möglichkeiten die Inhaltserschließung bieten kann und wie diese auch stärker in (kommerziellen) Rechercheinstrumenten verankert werden können. Die Systeme nutzen derzeit nicht das volle Potenzial der Inhaltserschließung und der damit erzeugten möglichen Wissenszugänge.

In einer alternativen Zukunft ist das Suchwerkzeug ein Pool vernetzten Wissens, in dem die Grenzen zwischen unterschiedlichen Publikationen durch die Brücken der Normdaten verschwinden. Es geht dabei nicht nur um die Vernetzung von Publikationen, sondern vielmehr um deren Atomisierung auf Basis von kleineren Wissenselementen, die in Beziehung stehen und deswegen über Normdaten zusammengeführt werden. Sie verbinden Entitäten, im Sinne von Allgemein- oder Individualbegriffen, oder Klassen von Klassifikationssystemen, Wissen in unterschiedlichen Texten miteinander, indem Gleiches mit Gleichem verbunden wird. Das geht natürlich idealerweise dann, wenn alle Publikationen in Volltexten vorliegen und Entitäten normiert und disambiguiert sind. Bei der Normierung der Entitäten, sowohl von Personen, Geografika, Genen, Produkten, Marken, Körperschaften sowie von Allgemeinbegriffen, ist dabei die Normierung zu wählen und damit zu reproduzieren, die die Texte vorgeben. Nur so kann Gleiches mit Gleichem verbunden werden und der Wandel im Herrschaftsdiskurs und der Inklusionsprozess entsprechend diachron abgebildet werden.

Weitere Möglichkeiten, mehr Wissen sichtbar zu machen, ergeben sich aus der (geforderten) verstärkten Verzahnung von Formal- und Inhaltserschließung und der Gestaltung von Suchsystemen: Vor diesem Hintergrund wäre es sinnvoll, alle Autor*innen, Herausgeber*innen beziehungsweise alle Beteiligten eines Werkes entsprechend der Beziehungskennzeichen17 zu erfassen und die beteiligten Personen in Suchsystemen als Verweise beziehungsweise Links zu integrieren, damit der Zugriff auf biografische und berufliche Informationen sowie auf (vollständige) Publikationslisten erleichtert wird. Meist sind all diese Informationen bereits vorhanden, oftmals verstreut bei lokalen Bibliotheken, Verbünden, Firmen oder Netzwerken. Hilfreich ist dabei vor allem die Vernetzung von Wissensorganisationssystemen untereinander, beispielhaft die Vernetzung der GND mit der ORCID iD (Open Researcher and Contributor iD)18.

Auch die Katalogisierung von Einzelartikeln aus Sammelwerken sowie die Bereitstellung von digitalisierten Inhaltsverzeichnissen oder die maschinenlesbare Erfassung von Inhaltsverzeichnissen direkt in den Titelaufnahmen sowie deren Integration in die entsprechenden Suchindices fördert die Zugänglichkeit von Wissen.

Weiterhin können bei der Gestaltung von Suchsystemen weiterführende Funktionalitäten, wie die kontextsensitive Anzeige der Definition eines Schlagwortes, die „Suchausweitung mit Hilfe von Oberbegriffsrelationen oder verwandten Begriffen“ oder eine „Verlinkung in Drittsysteme wie Wikipedia oder andere Referenzwerke“ die Recherche effektiver gestalten, was derzeit in gängigen Produkten der einschlägigen Systemanbieter kaum realisiert ist (ET RAVI, 2021). Neben Treffermengen mit zu großem Recall und wenig Präzision ist das Problem der Null-Treffer-Mengen ebenfalls ungelöst, Suchende werden mit der Frage nach den einschlägigen Suchbegriffen allein gelassen, anstatt zum Beispiel dem Suchbegriff ähnliche Suchbegriffe anzuzeigen oder auf den Bereich in der Klassifikation zu verlinken, der den Suchbegriffen am meisten entspricht.

Alle hier gesammelten Ideen und Visionen basieren auf der festen Überzeugung, dass Bibliotheken auch in Zukunft die Garantinnen für einen freien Zugang zu Wissen sind. Dabei erfordern wachsende Bestände sowie die Integration großer (externer) Datenpools in Suchsystemen eine Stärkung der intellektuellen Inhaltserschließung und der maschinellen Indexierung unter Einsatz von Normdaten, um effektive, also überschaubare Rechercheergebnisse mit wenig Ballast für die Nutzenden zu erreichen. Nur die intellektuelle Inhaltserschließung hat dabei die nötige Sensibilität, gesellschaftliche Diskurse zu problematischen Begriffen in die Gestaltung von Wissensorganisationssystemen einfließen zu lassen. Sie ist damit (derzeit) eine wesentliche Grundlage auch der maschinellen Indexierung, muss personell gestärkt und interdisziplinär ausgerichtet werden. Daneben bedarf es des Verständnisses, dass die „Automatisierung der Inhaltserschließung“ nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie „zur Daueraufgabe“ erklärt wird und für die „kontinuierliche Weiterentwicklung (eine) durchgängige Besetzung der Rollen Leitung, angewandte Forschung, Softwarearchitekturentwicklung und Administration“ gesorgt wird (Kasprzik, Fürneisen, & Bartz, 2022, Folie 15 u. 16).

Unsere temporäre Diskussions- und Schreibgruppe ist uns ein Beweis dafür, dass eine interdisziplinäre Zusammenarbeit möglich, wichtig und ertragreich ist.


Wir bedanken uns ausdrücklich bei den weiteren Teilnehmenden unserer Diskussionsgruppe, die aus zeitlichen Gründen nicht am Schreibprozess teilnehmen konnten, für ihre Ideen. Wir danken: Regine Beckmann, Moritz Gadischke, Roman Kuhn und Bettina Kunz.

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