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Antrag zur Aufnahme des Sachbegriffs „Gender“ in die Gemeinsame Normdatei (GND) der Deutschen Nationalbibliothek (DNB)

Published onSep 12, 2022
Antrag zur Aufnahme des Sachbegriffs „Gender“ in die Gemeinsame Normdatei (GND) der Deutschen Nationalbibliothek (DNB)
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Zu den Qualitätsanforderungen von Normdateien als Wissensorganisationssysteme gehört neben der eindeutigen Bestimmung des Begriffsumfangs einzelner Konzepte, der konsistenten terminologischen Kontrolle und Anreicherung durch Synonyme auch die Aktualität und Wissenschaftsnähe der Terminologie. (ET RAVI, 2021, p. 116)

Bereits in der sich in der BRD seit den 1970er-Jahren entwickelnden Frauenforschung spielte der Begriff „Geschlecht“ eine zentrale Rolle. Der in den 1990er-/2000er-Jahren hier entstehenden Geschlechterforschung gab er ihren Namen.

Seit dieser Zeit ist auch der Fachbegriff „Gender“ aus der angloamerikanischen Forschung in der deutschen Geschlechterforschung/Gender Studies zur zentralen Kategorie geworden. In der GND ist er als eigenständiger Sachbegriff bisher nicht vorhanden.

Da (nicht nur) die Geschlechterforschung/Gender Studies das Schlagwort Gender zur Beschlagwortung ihrer Fachliteratur benötigt, schlagen wir seine Aufnahme in die GND in folgender Fassung vor:

Sachbegriff: 

Gender

Quelle: 

Lex. Soz., WIKIPEDIA, W Soziol., Lex. Metzler Gender (Kroll, 2002, NEU1)

Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung (Kortendiek, Riegraf, & Sabisch, 2019, NEU)

Typ:

Allgemeinbegriff

Definition: 

die in Praxis gestaltbare, historisch variable, gleichermaßen identitätsrelevante wie sozialstrukturelle Dimension von Geschlechtlichkeit (Villa, 2019, p. 23)

analytische und intersektionale Kategorie (der Geschlechterforschung/ Gender Studies), die das historische, sozio-kulturelle und praxeologische Verhältnis zwischen den Geschlechtern als bio-psycho-soziale Wesen in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen untersucht2

GND-Systematik:3 

4.1 Philosophie (Allgemeines)

4.5 Ethik, Philosophische Anthropologie, Sozialphilosophie

6.5 Wissenschaft

9.2a Sozialwissenschaften allgemein, Soziologische Theorien

9.3d Sozialisation, Sozialverhalten

15.3 Film

16.1 [Geschichte (Allgemeines)] (Geschlechtergeschichte)

31.1a Technik (Allgemeines)

(DDC-Notation:

siehe Links entsprechend der Datensätze unter 4.)   

Synonym:  

Soziales Geschlecht4

Geschlecht <Kategorie>

Verwandter Begriff:  

Geschlechterverhältnis

Wir begründen diese Aufnahme, indem wir

  1. zeigen, wie eingeschränkt der Sachbegriff Geschlecht aktuell verwendet wird,

  2. darlegen, warum die vorgeschlagenen Synonyme zum Schlagwort Geschlecht den Erfordernissen einer sachgerechten Beschlagwortung von Geschlechterforschung/Gender Studies nicht gerecht werden und

  3. warum auch im Datensatz Geschlechterrolle (http://d-nb.info/gnd/4071776-8) die Verweisungsform auf „Gender <Soziale Rolle>“ nicht ausreicht und

  4. Möglichkeiten vorschlagen, wie der Sachbegriff Gender mit der GND-Systematik abgebildet werden kann.

Für die Argumentation nutzen wir vorrangig die in unserem Antrag als Quellen angegebene Literatur. 

1. Aktuelle Verwendung des Wortes Geschlecht

Den Sachbegriff „Geschlecht“ (http://d-nb.info/gnd/4020547-2) verortet die GND entsprechend der angegebenen Quellen in den Disziplinen Biologie und Anthropologie. Weitere Datensätze mit dem Wortbestandteil „Geschlecht“ und Zusätzen gibt es in der Mathematik (zum Beispiel Geschlecht <Mathematik>, Geschlecht 2, 3, 4) und in der Grammatik (Genus mit abweichender Benennung Geschlecht <Grammatik>). Neuerdings wird auch das „Dritte Geschlecht“ (im Sinne von divers) erwähnt. Als Synonym zum Sachbegriff „Geschlecht“ wird „Sexus“ angegeben.

In der Kombination „soziales Geschlecht“ ist das Wort „Geschlecht“ als Synonym im Sachbegriff „Geschlechterrolle“ enthalten (siehe https://d-nb.info/gnd/4071776-8).

Die GND gibt für keinen der in den verschiedenen Disziplinen verwendeten Sachbegriffe mit dem Wortbestandteil „Geschlecht“ eine Definition an (wozu es auch keine Pflicht gibt). Insofern sind die angegebenen Quellen der Hinweis für die inhaltliche Verwendungsweise des Sachbegriffs. Die angeführten Quellen für den Sachbegriff „Geschlecht“ (http://d-nb.info/gnd/4020547-2) aus der Liste der fachlichen Nachschlagewerke sind: als Allgemeinnachschlagewerk die Brockhaus-Enzyklopädie in 24 Bänden (1989) und als Fachnachschlagewerk das Lexikon der Biologie (1999).

Die Brockhaus-Enzyklopädie führt insgesamt 6 Bedeutungen des Begriffs an. Entsprechend „B 1986 1“ ist die erstgenannte Definition aus der Biologie ausschlaggebend. Die Biologie verwendet Geschlecht = Sexus als „Bezeichnung für die unterschiedliche Ausprägung der Gameten und auch für die entsprechende phänotypische Ausprägung der die Gameten erzeugenden Lebewesen im Hinblick auf ihre Aufgaben bei der Fortpflanzung.“

In diesem Sinne wird die Benennung „Sexus“ als Synonym für den Sachbegriff „Geschlecht“ angegeben (siehe oben).

Das Fachlexikon Biologie definiert „Geschlecht“ ebenfalls als

Sexus, die entgegengesetzte Ausprägung der Gameten und der sie erzeugenden elterlichen Individuen (Geschlechtsmerkmale, Sexualdimorphismus). (Lexikon der Biologie, 1999, p. 287)

In der GND-Systematik wird der Sachbegriff „Geschlecht“ der Anthropologie und der Biologie zugeordnet. Aus der Anthropologie wird keine Quelle angegeben.

Außerdem taucht er unter 9.3.b Bevölkerung, Sozialstruktur, Soziale Situation, Soziale Bewegungen auf, wo „Schlagwörter aus dem Bereich der Geschlechts- und Generationsbezogenheit des Menschen mit überwiegend soziologischem/naturwissenschaftlichem Bezug“ notiert werden (Deutsche Nationalbibliothek, 2011, p. 64). Diese Sichtweise ist analog zu der aus Biologie und Anthropologie dargestellten.

Diesen Disziplinen entspricht die Zuordnung in der DDC:

300

Sozialwissenschaften, Soziologie & Anthropologie

302-307

Einzelne Themen in der Soziologie und Anthropologie

305 

Personengruppen

305.3  

Personen nach Gender und Geschlecht

  • Für junge Männer und Frauen, Männer und Frauen mittleren Alters siehe Erwachsene

  • Für Männer und Frauen höheren Alters siehe Personen höheren Alters

  • Für Frauen siehe Frauen

  • Für Transgender und Intersexuelle siehe Transgender-Identität und Intersexualität

  • Für einen bestimmten Aspekt von Geschlechtsidentität, Genderrolle, Geschlechterrolle siehe den Aspekt, z.B. Psychologie der Geschlechtsidentität Psychologie von Personen nach Gender und Geschlecht

570

Biologie

571-575

Innere biologische Prozesse und Strukturen

571-572

Allgemeine innere, allen Organismen gemeinsame Prozesse

571.882  

Geschlechterdifferenzierung
Für Gametogenese siehe Gametogenese

576-578

Allgemeine und äußerliche biologische Phänomene

576

Genetik und Evolution

576.8

Evolution

576.85   

Die Evolution beeinflussende Faktoren

576.855

Geschlechtliche Faktoren

578  

Naturgeschichte von Organismen und verwandte Themen

578.4

Anpassung

578.46

Anpassung der Fortpflanzung

580-590

Naturgeschichte von Pflanzen und Tieren

590

Tiere (Zoologie)

592-599

Einzelne taxonomische Gruppen von Tieren

599  

Mammalia (Säugetiere)

599.93  

Genetik, Geschlechts- und Altersmerkmale, Evolution

599.936  

Geschlechtsmerkmale

Einschätzung

Die Zuordnung des Sachbegriffs „Geschlecht“ in der Soziologie bezieht sich jeweils auf Personengruppen sowie Personen als einzelne Lebewesen.
Das Wechselverhältnis der Geschlechter wird damit nicht abgebildet.

Die Zuordnung in der Biologie beschreibt allein biologische Faktoren, die eine Klassifizierung der Menschen unter die Säugetiere zulassen.

Dies meint den im Prinzip sozial unveränderlichen, aber auch sozial nicht kausal determinierenden biologischen Rohstoff des Weiblichen/Männlichen. (Villa, 2019, p. 23)

Obwohl der Begriff Geschlecht in der Biologie seine Bedeutung und Berechtigung hat, reicht diese inhaltliche Bestimmung nicht aus, um das Wesen des Begriffs für die Geschlechterforschung zu erfassen.

Das Metzler Lexikon Geschlechterforschung schreibt zur sich durchsetzenden Erkenntnis,

daß auch das biologische Geschlecht nicht als eine ahistorische Größe wahrgenommen werden kann, daß auch nature und sex Konzepte mit Geschichte sind, da nämlich das, was zu einem bestimmten Zeitpunkt als naturhaft gilt, immer bereits im Kulturraum einer bestimmten Gesellschaft definiert ist. So weist Judith Butler in Gender Trouble (1990) darauf hin, daß nicht einmal eine heuristische Trennung von sex und g[ender] möglich sei, da sich die Biologie des Körpers der authentischen Wahrnehmungsmöglichkeit entziehe und immer nur als sozio-kulturelle Geschlechtszuschreibung erfasst werden könne. Auch die am[erikanische] Historikerin Joan W Scott, … betont in Gender and the Politics of History bereits 1988, dass die auf das sogenannte Biologische Geschlecht (sex) bezogenen Wissensbestände genauso historisch und kulturell variabel sind wie die Vorstellungen über Geschlechterrollen; außerdem werde die Differenz zwischen Männern und Frauen in Begriffen der körperlichen Differenz überhaupt erst generiert. G[ender] bezeichnet demnach nicht Fakten, sondern semantische Bedeutungszuschreibungen, die sexuellen Unterschieden zugeordnet werden. (Kroll, 2002, p. 123)

Angelika Wetterer zeigte am Beispiel der Wissenschaftsgeschichte, dass

(n)icht nur die zweigeschlechtliche Klassifikation, sondern die grundlegenden Denkmodelle der Biologie […] der Sozialwelt und dem jeweils zeitgenössischen Alltagswissen entnommen [sind]. Die Geschlechterdifferenz und mit ihr ggfs. historisch variable Geschlechterstereotype werden aus der Gesellschaft in die Wissenschaft und von der Wissenschaft in die Natur transferiert – nicht umgekehrt. Nicht nur Linnés Hochzeit haltende Pflanzen, auch die „man-the-hunter-woman-the gatherer“-Hypothese der Primatenforschung (vgl. Haraway 1989, Sperling 1991) oder die vom aktiven Sperma und dem passiven Ei handelnde ‚Erzählung‘ der Molekularbiologie (vgl. Martin 1991) zeigen, dass die Produktion wissenschaftlichen Wissens als ein spezifischer, den Regeln wissenschaftlichen Beweisens folgender Modus der Geschlechterkonstruktion zu verstehen ist. (Wetterer, 2010, p. 131f.)

Die GND-Verwendungsweise aus Anthropologie/Soziologie und Biologie erfasst damit nicht das Wesen der Kategorie Gender im Sinne der Geschlechterforschung/Gender Studies, als

die in Praxis gestaltbare, historisch variable, gleichermaßen identitätsrelevante wie sozialstrukturelle Dimension von Geschlechtlichkeit. Die […] englischsprachige Unterscheidung von Sex und Gender wird international, aber auch im deutschsprachigen Raum verwendet, weil der Begriff ‚Geschlecht‘ hier nicht unterscheidet und damit zu unspezifisch ist. (Villa, 2019, p. 23)

2.   Komposita zum Schlagwort Geschlecht

In Verbindung mit dem Sachbegriff Geschlecht werden zahlreiche Komposita angeführt:

Bevorzugte Benennung

Abweichende Benennungen

Geschlechtsidentität

Sexuelle Identität (Quasisynonym), Geschlechtliche Identität

Geschlechtsunterschied

Geschlechterdifferenz, Geschlechtsdimorphismus, Geschlechtsspezifisch ..., Geschlechtsspezifische Differenz, Sexualdimorphismus, Geschlechterunterschied, Geschlecht / Unterschied, Geschlechtsunterschiede, Gender Diversity, Geschlechtsspezifische Diversität

Geschlechterrolle

Gender <Soziale Rolle>, Geschlechtsrolle, Soziales Geschlecht

Geschlechterverhältnis

Geschlechterbeziehung, Geschlechterverhältnisse, Geschlechterbeziehungen, Gender relationship

Das Wort beziehungsweise der Wortbestandteil Gender erscheint bei 26 Sachbegriffen beziehungsweise einigen Synonymen, zum Beispiel Gender-Medizin, Gender Mainstreaming, Gender relationship, Geschlechterforschung/Gender-Theorie).
Diese Sachbegriffe und Synonyme sind ebenfalls nicht ausreichend, um die Spezifik des Sachbegriffs Gender abzubilden.

Allgemein bekannt und akzeptiert ist, dass es in der deutschen Sprache für

den Begriff ‚Gender‘ im Sinne von ‚soziokulturellem Geschlecht‘ – im Gegensatz zum biologischen Geschlecht – … keine Entsprechung [gibt]. Die deutschen Begriffe ‚Geschlechtscharakter‘, ‚Geschlechtsidentität‘ oder ‚Geschlechterrolle‘ decken immer nur Teile der Bedeutung ab. Am nächsten kommt dem Begriff der Terminus ‚Geschlechterverhältnisse‘, der seinerseits jedoch schillernd und daher definitionsbedürftig ist. (von Braun & Stephan, 2000, p. 3)

Warum sind die genannten Begriffe einseitig und welche Teile der Bedeutung von Gender bilden sie ab?

Geschlechtsidentität ist in der GND als Allgemeinbegriff der Psychologie und Soziologie (Sozialisation, Sozialverhalten) zugeordnet. Der Begriff weist damit vorrangig auf die geschlechtliche Identität einer einzelnen Person hin, die sie im Sozialisationsprozess, also in Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Bedingungen in Bezug auf ihr (biologisches) Geschlecht erwirbt.

Geschlechtsunterschied markiert als Allgemeinbegriff (Anthropologie, Soziologie, hier: Sozialisation, Sozialverhalten und Biologie) verschiedene Differenzen der Geschlechter, jeweils auf ein Individuum oder auf eine Geschlechtergruppe bezogen.

Geschlechterrolle
Synonym: Gender <Soziale Rolle>, Geschlechtsrolle, Soziales Geschlecht
Der Verweis auf den Begriff Geschlechterrolle, der den Begriff Geschlecht als soziales Geschlecht erklären soll, ist ebenfalls einseitig. Laut Metzler Lexikon Geschlechterforschung stammt der Begriff

aus der soziologischen Rollentheorie. Er bezeichnet die Summe der von einem Individuum erwarteten Verhaltensweisen als Frau bzw. als Mann (Frau/Mann) und damit ein überindividuelles, relativ stabiles und insofern vorhersagbares geschlechtsspezifisches Verhaltensmuster. In der Rollentheorie zählen G[eschlechterrolle]n zu den fundamentalen Rollen: Sie werden im Prozeß der primären Sozialisation erlernt und so internalisiert bzw. persönlichkeitsstrukturell verankert, daß sie zur Ausbildung einer Geschlechtsidentität führen. (Kroll, 2002, p. 158f.)

Die Gender Studies konstatieren, laut Friederike Kuster, einerseits eine lebensweltliche Beharrungstendenz der omnipräsenten bipolaren Geschlechtsunterscheidung und anderseits eine tendenzielle Nivellierung der angestammten Geschlechtsunterschiede.

Letztere bezieht sich vorrangig auf die Verflüssigung der geschlechtlichen Rollenmuster, wobei gleichwohl signifikante geschlechtskonnotierte Ungleichheiten fortbestehen, die den angestammten Verteilungen von Produktions- und Reproduktionsarbeit, gesellschaftlichen Einfluss- und Einkommensmöglichkeiten und damit dem eingewurzelten Machtgefälle entsprechen (Brodie 2004). Auch können parallel zu einer rechtlichen und moralischen Liberalisierung gegenüber queeren Identitäten und Lebensstilen mediale Formen der Inszenierung heteronormativer Geschlechtsstereotype beobachtet werden (Magin und Stark 2010). Dieser ambivalente Befund einer Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem ist erklärungsbedürftig. Hier mag die der Mann-Frau-Relation innewohnende spezifische Gravitation als eine fundamentale natürliche Invariable beansprucht zu werden, auf eine ordnungspolitische Relevanzsetzung hindeuten, die sich vor allem in Zeiten krisenhafter gesellschaftlicher Veränderungen wiederkehrend einstellt. (Kuster, 2019, p. 10)

Der Sachbegriff Geschlechterverhältnis (http://d-nb.info/gnd/4020548-4) als Allgemeinbegriff (Organisationssoziologie und Entwicklungspsychologie/Vergleichende Psychologie) betont zwar das Verhältnis der Geschlechter, ist aber einseitig als verwandter Begriff mit Geschlechterverhältnis <Demographie> oder auch Heteronormativität (siehe https://d-nb.info/gnd/1227961537) gefasst. Er ist nach Lex. Soz. definiert. Dort steht er nicht als selbstständiger Begriff, sondern nur innerhalb der Definition „Geschlecht“:

Geschlecht, Geschlechtskonstruktion, Gender Geschlechterverhältnis, [1] allgemeine Bezeichnung für die strukturell verankerten Verhältnisse zwischen Männern und Frauen (im Hinblick auf Zuständigkeiten, Rechte und Pflichten, Rollenbesetzungen und Geschlechtsidentitäten usw.) in einer Gesellschaft (Lexikon zur Soziologie, 2020, p. 268)

3.   Abweichende Benennung „Gender <Soziale Rolle>“

 

Link zu diesem Datensatz

https://d-nb.info/gnd/4071776-8

Sachbegriff

Geschlechterrolle

Quelle

Lex. Soz. als Geschlechtsrolle

W Soziol. unter Gender

Synonyme

Gender <Soziale Rolle>

Geschlechtsrolle

Soziales Geschlecht

Oberbegriffe

Soziale Rolle

Thematischer Bezug

Verwandter Begriff: Geschlechtsunterschied

Wenn hier unter Geschlechterrolle auf Gender <Soziale Rolle> als abweichende Benennung verwiesen wird, so bleibt das weiter bei einer einseitigen Sicht. In der populären Gegenüberstellung von biologischem Geschlecht (sex) und sozialem Geschlecht (Gender) sind wichtige Inhalte des Genderbegriffs weiterhin ausgeschlossen, so zum Beispiel die kulturelle Dimension, das historische Gewordensein und vor allem das relationale Verhältnis von Macht und Ungleichheit. Insofern geht der Verweis auf Gender <Soziale Rolle> als Synonym nicht über das bisher Dargestellte hinaus, obwohl die angegebenen Quellen inhaltlich mehr bieten:

Das Lexikon zur Soziologie untermauert zur Geschlechterrolle:

Die Frauenforschung kritisierte seit den 1970er Jahren das Konzept der G[eschlechterrolle], da es die Macht- und Herrschaftsverhältnisse nicht berücksichtige und die G[eschlechterrolle]n mit vermeintlichen transhistorischen und transkulturellen Attributen versehe. Stattdessen betrachtet die Frauen- und Geschlechterforschung Geschlecht als Strukturkategorie, als Platzanweiser in der Gesellschaft. Nicht mehr die Frage nach Geschlechtsdifferenzen ist zentral, sondern die nach Prozessen, die zu Geschlechtsunterscheidungen führen. (2020, p. 269)

Gender beschreibt also nicht Männer, Frauen oder andere Geschlechter, sondern ist vorrangig eine analytische Kategorie; Gender ist das

Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern als auch innerhalb der jeweiligen Geschlechtergruppen. Somit bezeichnet Gender keine Eigenschaft von Individuen, sondern ein Verhältnis: Gender-als-Relation. Gender-als Eigenschaft kann jedoch als Eye-Opener für Vielfalt dienen. […] Das analytische Potential der Sichtweise von Gender-als-Eigenschaft ist jedoch begrenzt, weil sie Gender verdinglicht […] Das heißt, ein gesellschaftliches Verhältnis (Gender) wird als eine Eigenschaft von Individuen aufgefasst. Als analytische Kategorie hingegen kann Gender-als-Relation dazu dienen, die vielfältigen Mechanismen der Produktion von Geschlechterverhältnissen aufzudecken und zu erforschen. (Both, 2017, p. 42)

Inzwischen gilt in den Gender Studies bzw. der Geschlechterforschung statt einer einfachen Gegenüberstellung von ‚Sex‘ (als Natur) und ‚Gender‘ (als Kultur), die Anerkennung der wechselseitigen Verklammerungen und Konstitutionsformen somatischer, biologischer, erfahrungsbezogener, historischer, praxeologischer usw. Dimensionen von Geschlechtlichkeit als plausibel. (Villa, 2019, p. 31)

4.   Der Sachbegriff „Gender“ und seine Einordnung in die GND-Systematik

Da sich ein Sachbegriff „Gender“ durch die Aspekte Interdisziplinarität und Intersektionalität auszeichnet, erscheint seine Einordnung in die GND-Systematik (https://d-nb.info/1018626042/34; Soziologie ab S. 61) [wie in die DDC (https://deweysearchde.pansoft.de/webdeweysearch/mainClasses.html?catalogs=DNB; 305.42)] zunächst problematisch: Beide bisherigen Einordnungen in Soziologie/Anthropologie/Biologie oder unter einzelne Personengruppen, das heisst nur Frauen, Männer, Trans et cetera, werden nicht einmal der alten Frauenforschung gerecht. Sie ging schon damals davon aus, dass zum Beispiel die Lage der Frauen nur im Vergleich mit der der Männer zu analysieren ist, also das Verhältnis der Geschlechter Analysegegenstand ist.

Die Zuordnung von Gender-Komposita als Synonyme zu Geschlechterforschung

Die im Datensatz Geschlechterforschung (https://d-nb.info/gnd/4482930-9) genannten Komposita, wie: Gender Studies (Lex. Soz.) / Gender-Forschung / Geschlechterfrage / Geschlechtertheorie / Gender-Theorie / Gendertheorie / Genderstudies, sind synonym verwendbar. Wichtig ist jedoch zu betonen, dass die Geschlechterforschung/Gender Studies vom Wesen her eine inter-/transdisziplinäre Forschungsrichtung ist. Insofern ist Gender als Analysekategorie zwar in der Geschlechterforschung entwickelt worden, aber nicht auf diese Richtung beschränkt, sondern als Sichtweise und methodisches Prinzip in allen Natur-, Technik-, Kultur-, Geistes- und Sozialwissenschaften wesentlich.
Ausserdem ist Gender eine intersektionale Kategorie. Sie „bezeichnet eine Kategorie sozialer Ungleichheit, welche mit anderen Differenzkategorien (z.B. sexuelle Orientierung, Klasse, race, und Behinderung) verschränkt ist“ (Both, 2017, p. 42).

Daraus ergibt sich, dass der Sachbegriff Gender als Analysekategorie in der GND-Systematik auch den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen beziehungsweise den folgenden Sachbegriffen als Synonym zugeordnet werden muss, die mit dieser Sichtweise (bisher) erforscht werden:

a) Geschlechtergeschichte
Synonym: Gender / Geschichte

b) Geschlechtersoziologie
Synonym: Gender / Soziologie

c) Feministische Philosophie
Synonym: Gender / Philosophie

d) Feministische Filmtheorie
Synonym: Gender / Filmtheorie

e) Feministische Linguistik
Synonym: Gender / Linguistik

f) Feministische Literaturwissenschaft
Synonym: Gender / Literaturwissenschaft#

g) Gender-Medizin
Synonym: Gender / Medizin

h) Feministische Mythologie
Synonym: Gender / Mythologie

i) Feministische Theologie
Synonym: Gender / Theologie

Danksagung

Dieser Antrag entstand auf Anregung unserer Schreibgruppe Wissensorganisationssysteme im digitalen Denklabor „Critical Library Perspectives“ aus meinem dort eingereichten Fallbeispiel (https://lab.sbb.berlin/events/critical-library-perspectives/). Für die Ermutigung, fachliche Diskussion und kritische Prüfung danke ich insbesondere Michael Franke-Maier sowie Michael Bucher, Sarah Dornick und Moritz Strickert.

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