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10 Jahre Jugendarbeit in einer Öffentlichen Bibliothek: Geschichte eines erfolgreichen Projekts

Published onMar 14, 2022
10 Jahre Jugendarbeit in einer Öffentlichen Bibliothek: Geschichte eines erfolgreichen Projekts
·

Abstract

In einigen Filialen der GGG Stadtbibliothek Basel kam es immer wieder zu Konflikten mit Jugendlichen. Statt diese wegzuweisen, sollten sie explizit willkommen geheissen werden. Dazu wurde 2012 in Kooperation mit der Organisation Jugendarbeit Basel (JuAr) ein Pilotprojekt gestartet. Dieser erste Versuch, disziplinarische Probleme zu lösen, hat sich unterdessen zu einem umfassenden und in der Schweiz einzigartigen Konzept der „Jugendarbeit in der Bibliothek“ entwickelt.

In many libraries, conflicts with youngsters occur time and time again. Instead of reacting by closing the door on them, Basel Public Library (GGG Stadtbibliothek Basel) decided to invite them in. In 2012, it launched a pilot project in collaboration with the Basel Youth Work Organisation (JuAr Basel). This first attempt at a solution has meanwhile undergone a remarkable development, and has established a very successful concept of “youth work in the library” which is unique in Switzerland.


1. Der Auslöser

Der Punkt an dem auch die geduldigste Bibliothekarin einer öffentlichen Bibliothek die Nerven verliert, ist im Frühling 2012 erreicht: Einige Jugendliche urinieren in den Papierkorb einer Filiale der GGG Stadtbibliothek Basel. Das ist definitiv kein Publikum, wie es sich eine öffentliche Bibliothek wünscht.

Die GGG – Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige – ist die Trägerschaft der Stadtbibliothek Basel und ihrer Filialen. In ihren Bibliotheken sind die Jugendlichen seit jeher Teil der Kundschaft, vor allem in Quartieren mit Migrationshintergrund. Die Jugendlichen treffen sich in der Bibliothek, machen Hausaufgaben, schreiben Vorträge für die Schule und Bewerbungen. Aber auch gamen und chillen sind angesagt. Die Einführung des kostenlosen WLANs steigert die Attraktivität von Bibliotheken für Jugendliche zusätzlich.

Im Winter 2012 spitzen sich die Probleme mit Jugendlichen in drei Filialen zu, wie eines von drei Hausverboten zeigt. Den Eltern wird mitgeteilt:

 Wir haben mit Ihrem Sohn […] grosse Schwierigkeiten. Er und seine Freunde fallen unserem Personal […] durch groben Unfug und Vandalenakte immer wieder zur Last. Diese Vandalenakte beinhalten u.a. Folgendes:
Abfälle in den Regalen verteilen
Beschädigung von Stofftieren
Urinieren in Abfallbehälter
Beschädigung von Büchern mit schmierigen Flüssigkeiten.
(Egli, 2012a)

Wie können wir dem Vandalismus und den Pöbeleien begegnen? Die Bibliothekarinnen bilden Arbeitsgruppen und setzen sich mit dem neuesten Buch von Allan Guggenbühl auseinander: „Was ist mit unseren Jungs los? Hintergründe und Auswege bei Jugendgewalt“. (Egli, 2012b)

Klare Regeln sollen helfen und ein Plakat wird entworfen. (Egli, 2012c) Der Grafiker erntet keine guten Noten von den Leiterinnen der Bibliotheken, die ihre Klientel und ihre Bedürfnisse kennen:

[…] Bild 4: Dieses brave Mädchen mit der Fönfrisur könnte vielleicht durch eine trendigere, frechere, mühsamere Figur (gerne auch ein Bub) ersetzt werden. Grundsätzlich: Das Darstellen anderer Medien als das Buch, also z.B. Arbeiten am PC, CDs hören per Walkman, Gamen, etc. könnte vielleicht einen moderneren Eindruck einer Bibliothek vermitteln? Wir wollen ja nicht auf diese Weise pädagogisch für das Lesen werben. (Allmann, 2012)

Die Leitung der Stadtbibliothek wird aktiv und nimmt das Gespräch mit der Polizei auf: Soll die Polizei bei Anruf erscheinen, soll ein pensionierter Polizist täglich Touren durch die Bibliotheken machen? Der Geschäftsführer der GGG, von Beruf ursprünglich Jugendarbeiter, schlägt einen anderen Weg  vor: Einer Firma, die sich der Jugendarbeit widmet, wird der Auftrag erteilt, Problemfelder zu analysieren und Lösungen zu erarbeiten.

Diese stellt fest: Jugendliche werden vom Bibliothekpersonal eher als anstrengend, als Störung empfunden und nicht als Zielpublikum akzeptiert, während Kinder, obwohl auch oft laut und auffällig, nicht im gleichen Masse als Belastung angesehen werden:

Schreiende Kleinkinder scheinen Niemanden zu stören. Warum stören Jugendliche? Was ist Lärm in der Bibliothek? (shochzwei, 2012a)

Die Fachexperten für Jugendarbeit empfehlen 2 Strategien:

  1. Eine Jugendbibliothek: „Mit Hilfe einer konsequenten Beteiligung der Jugendlichen an der Planung, Realisation und am Betrieb der Jugendbibliothek sollen die Jugendlichen ein Gefühl von Identifikation mit und Verantwortung für diesen Ort aufbauen.“ (Salvatore & Steuri, 2012)

  2. Eine Integration der Jugendlichen in die bestehende Bibliothek. Teil dieses Projektes wäre „eine Entlastung des Personals in der Betreuung von ‘hängenden’ Jugendlichen während den Wintermonaten mit einem gezielten Einsatz von mobilen Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeitern“. (shochzwei, 2012b)

Die erste Empfehlung kommt aus Ressourcengründen nicht in Frage, die zweite wird als pragmatisch eingestuft und von der Leitung und Trägerschaft unterstützt. Die Empfehlung der professionellen Jugendarbeitenden soll weiterverfolgt werden: Statt Abweisen, soll eine Beziehung aufgebaut und damit das jugendliche Zielpublikum willkommen sein, ob brave Leser:innen oder wilde Kerle.

2. Das Pilotprojekt

Bis August klären GGG und Stadtbibliothek die Finanzierung. Ein Pilotprojekt soll über Fundraising finanziert werden. Das Jobprofil für einen  Jugendarbeitenden wird erarbeitet. Das Inserat ist bereit, es müsste nur noch veröffentlicht werden. Das Inserat spricht von der „Entwicklung und Durchführung eines Entlastungsprogramms für das Bibliothekspersonal von ‘hängenden’ Jugendlichen während der kalten Jahreszeit“, von „niederschwelligen Angeboten zur Förderung der Medienkompetenz“, der „Entwicklung von Partizipationsmöglichkeiten für die Jugendlichen beim Jugendangebot und -Mobiliar der betreffenden Quartierbibliothek“, von der „Beratung und Begleitung von Jugendlichen in teils schwierigen Lebenssituationen“, aber auch davon, den „Jugendlichen das Einhalten der Hausregeln zu lehren“. (Egli, 2012d)

Allerdings kommt dieses Inserat nie zur Veröffentlichung, da sich die Leitung der Stadtbibliothek zusammen mit  der GGG entschliesst, die Jugendarbeit in Kooperation mit Fachexperten in Basel aufzugleisen. Sie sorgt für eine Kooperation mit der Jugendarbeit Basel (JuAr), was sich in den nächsten Jahren als sehr gute Entscheidung erweisen wird. Die Bibliothek hat fortan eine Partnerin, welche sie in allen Belangen der Jugendarbeit kompetent berät und den von ihr angestellten Jugendarbeitenden die nötigen Instrumente zur Verfügung stellt. Die GGG Stadtbibliothek finanziert das Projekt über Fundraising.

2013 lobt Florian Schneider, Jugendarbeiter in diesem auf sechs Monate angelegten Pilotprojekt, in einem Fachartikel die Entscheidung der Stadtbibliothek:

Anstatt auf Repression, setzte die Stadtbibliothek auf Kommunikation und einen innovativen Lösungsansatz. (Schneider, 2013)

Die Aufgabe, die den Jugendarbeitenden erwartet, ist aber selbst ihm noch nicht ganz klar und muss erst definiert werden:

Was mich da genau erwartete konnte ich mir schlichtweg nicht vorstellen. Aus der Kooperationsvereinbarung war ersichtlich, dass es zum einen um Einfordern von Regeln geht, aber zum andern auch um die Betreuung und Begleitung der Jugendlichen. (Schneider, 2013)

Allerdings fällt ihm die Aufnahme von Beziehungen leicht:

Die Unterstützung der Jugendlichen bei ihren Tätigkeiten eignet sich ideal als Beziehungsaufbau. Aber auch die hängenden Jugendlichen lassen sich gerne auf Gespräche ein und kommen mit der Zeit ihrerseits mit Fragen in vielerlei Bereichen. So haben wir uns mit Napoleon und Hitler auseinandergesetzt oder mit muslimischen Jugendlichen über die Rolle und Rechte der Frau in unserer Gesellschaft gesprochen. Dabei ist die Bibliothek ein idealer Ort, um in den Büchern oder Online gemeinsam mit den Jugendlichen Antworten auf ihre Fragen zu finden. (Schneider, 2013)

Die Evaluation fällt sehr positiv aus, problematische Vorfälle mit Jugendlichen sind rückläufig und das Projekt wird von allen Seiten her als gelungen betrachtet:

Dieses Projekt ist ein wunderbares Beispiel für gelungene soziale Innovation. Auf der Suche nach einer Lösung für ein neu aufgetretenes Problem wurde ein Weg gefunden, welcher auf Kooperation baut. Zusammenarbeit statt Abgrenzung ermöglicht mehr Raum für alle: Die Angestellten der Bibliotheken können in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen und die Jugendlichen profitieren von der fachlichen, integrativen Begleitung. (Meier, 2013)

Im Herbst 2014 nimmt wieder ein Jugendarbeiter die Arbeit auf. Auch hier ist nach 8 Monaten das Fazit positiv; die Jugendlichen kommen weiter in die Bibliothek, das Angebot des Jugendarbeitenden wird gut angenommen:

Die Jugendlichen aus allen drei Bibliotheken nahmen das Angebot der Hausaufgabenhilfe sehr stark in Anspruch (siehe Datenerhebung). Ein Grossteil der jugendlichen Besucher_innen suchte die Bibliotheken als Arbeitsort auf, um Hausaufgaben zu lösen oder Vorträge zu schreiben. Dieses Angebot half dem Jugendarbeiter, den Kontakt mit den Jugendlichen zu suchen.
Daneben nutzten viele Jugendliche die Bibliotheken als Treffpunkt oder als Ausgangspunkt für weitere Freizeitaktivitäten. Sie schätzten die Bibliothek als Ort, Freunde zu treffen, zu „chillen“, zu spielen oder einfach nur ihre Zeit zu vertreiben.
Eine weitere Aufgabe, welche die Kontaktaufnahme mit den Jugendlichen vor Ort erleichterte, bestand darin, die Hausregeln der jeweiligen Bibliotheken zu kommunizieren und bei Nichteinhalten das Gespräch zu suchen. Für den Jugendarbeiter war dies jedoch keine einfache Aufgabe, da die Hausregeln unter den Bibliotheken nicht einheitlich (Getränke) und im Allgemeinen nur vage formuliert sind. (Andere respektieren, Lärm vermeiden etc.) (Meier Mühlemann & Wüthrich, 2014)

In seinem Bericht geht der Jugendarbeiter auch auf die spezielle Situation seines professionellen Hintergrunds in einer Bibliothek ein. Dieser Abschnitt zeigt, wie wichtig die Kooperation mit der Jugendarbeit Basel (JuAr) ist, da der bibliothekarischen Leitung das Wissen zu diesen Problematiken fehlt:

Der Jugendarbeiter hatte innerhalb der Organisation der GGG Stadtbibliothek Basel eine spezielle Position, da er als Einziger im Feld der Sozialen Arbeit beheimatet ist und zugleich nicht mit bibliothekarischen Aufgaben vertraut war. Die Fach- und Mitarbeiter_innesitzungen der JuAr Basel und das Coaching mit Elsbeth Meier Mühlemann [Geschäftsführerin JuAr] hatten daher einen grossen Stellenwert, um die Professionalität der Jugendarbeit in den Bibliotheken zu gewährleisten und das Projekt weiter zu entwickeln.[…] Die Coachings hatten zum Ziel, professionelles Handeln zu reflektieren und der „Einsamkeit“ des Jugendarbeiters entgegenzuwirken. (Meier Mühlemann & Wüthrich, 2014)

3. Die Bibliothekarische Jugendarbeit wird vom Projekt zum Angebot

Neben den drei Filialen in Quartieren mit Migrationshintergrund, soll nun auch die neu umgebaute und vergrösserte zentrale Bibliothek der GGG, der Schmiedenhof in der Innenstadt, jugendgerechter werden. Bereits das Provisorium während des Umbaus enthält einen grossen Loungebereich für Jugendliche. (GGG Stadtbibliothek, 2014)

2015 kann eine neue Kooperationsvereinbarung mit der JuAr abgeschlossen werden; mit zwei ganzjährig angestellten Jugendarbeitenden. Die Unterbrechung der Jugendarbeit im Sommerhalbjahr in den vorangegangenen drei Jahren war weder für die Jugendarbeitenden noch für die Jugendlichen eine gute Lösung: Die Jugendarbeitenden mussten sich im Sommer eine andere Beschäftigung suchen oder sich nach einer neuen Stelle umsehen. Und die Jugendarbeit in den Bibliotheken musste jeden Herbst mit der Beziehungsarbeit wieder bei null anfangen. Beide Jugendarbeitende arbeiten zunächst zu 50%. Da damit die Ressourcen für alle vier Bibliotheken äusserst knapp sind, wird ein Jahr später eine der Stellen auf 70% angehoben.

Zielgruppe sind weiterhin die 12-18 jährigen Jugendlichen. In den Quartierbibliotheken ist eher die jüngere Quartierjugend vertreten, während in der zentralen Bibiothek, die nicht in einem Wohnquartier angesiedelt ist, eher ältere Jugendliche an Randzeiten der Schule anzutreffen sind.

Zu den Aufgaben der JuAr gehört die „Betreuung und Begleitung der Jugendlichen bezüglich der Jugendangebote in den Bibliotheken“, insbesondere

  • „Hausaufgaben, Bewerbungen etc.

  • Anleitung und Begleitung im Bereich Neue Medien und Social Media

  • Organisation von medienpädagogischen Projekten in Zusammenarbeit mit den Teams in den Bibliotheken.“ (Kooperationsvereinbarung, 2015)

4. Die Finanzierung als Kraftakt – der Kanton springt ein

Die Finanzierung dieser Vorhaben bedeutete jedes Mal einen Kraftakt für die Bibliothek und die Trägerschaft. Unzählige Stiftungen werden in all den Jahren angeschrieben, um bis zu 150’000 Franken und mehr für Löhne, Projekte, Mobiliar und Umbauten pro Jahr zu sammeln. Stiftungen wie Binding, Fossil, Jugendfreund, Sulger, oder Thomi Hopf sind zwar bereit, namhafte Beträge zu sprechen, da sie vom Konzept der Jugendarbeit in Bibliotheken überzeugt sind. Dies bedeutet aber auch jedes Jahr umfangreiche Arbeit an Anträgen, Zwischenberichten und Schlussberichten. Da unterdessen die Jugendarbeit vom Projekt zum ständigen Angebot mutiert ist, wird Fundraising für die Finanzierung von Betriebskosten immer schwieriger. Es ist deshalb eine grosse Erleichterung, dass ab 2018 der Kanton Basel-Stadt bereit ist, die Jugendarbeit zu finanzieren und das Angebot nachhaltig zu sichern. Im Parlament wird die Notwendigkeit der Finanzierung von „Jugendarbeit in der Bibliothek“ zwar von der Schweizerischen Volkspartei (SVP) bestritten, von einer grossen Mehrheit aber als Erfolgsprojekt verteidigt:

Es ist ein Erfolg, wenn Jugendliche ihre Freizeit in der Bibliothek verbringen. Wenn es Probleme gibt, geht es nicht an, dass man die Probleme durch Ausschlüsse verlagert. In diesem Sinne ist die Jugendarbeit in den Bibliotheken ein Erfolgsprojekt. (Grosser Rat des Kantons Basel-Stadt, 2018)

Eine überwiegende Mehrheit des Parlaments (73 gegen 12 Stimmen) stützt die Finanzierung der Jugendarbeit, die sich in der Praxis bewährt hat.

5. Weiterentwicklung: Konzept und Wirkungsmodell

Im Kooperationsvertrag von 2015 ist auch die „Weiterentwicklung“ der Jugendarbeit in den vier Bibliotheken als Auftrag formuliert.

Immer noch ist aber die Aufgabe des Jugendarbeitenden nicht genau definiert und wird vom jeweiligen Stelleninhaber je nach Neigung und Kompetenzen ausgefüllt. Oft reiben sich die Jugendarbeitenden auf zwischen der Aufgabe, die Jugendlichen so unter Kontrolle zu halten, dass die anderen Kundinnen und Kunden sich nicht gestört fühlen, und den Prinzipien einer offenen Jugendarbeit. Zwar werden Zielpapiere verfasst (Abstreiter & Awender, 2015), aber wirklich ins Rollen kommt die Zieldefinition erst im Herbst 2016 mit einem grossen Projekt der JuAr, welche für alle ihre Einrichtungen – vornehmlich Jugendzentren und Beratungsangebot – ein Qualifikations-Tool mit Wirkungsmodell/Konzept erstellt.

Das Quali-Tool mit Konzept/Wirkungsmodell ist die Grundlage für eine fachlich gute Arbeit. Es bietet Orientierung über Zweck und Ausrichtung und klärt das Profil des Angebots. Es stimmt das Verhalten der Akteure aufeinander ab, steuert es und stellt die Legitimation gegenüber der Öffentlichkeit und Zielgruppe her. Zudem ermöglicht es die Identifikation mit Werten, Auftrag und konkreten Zielsetzungen (in Verwaltung, Politik und Bevölkerung) und dient der Qualitätssicherung. (Vgl. Bauer & Sander, 2006, S. 132ff.; (von Spiegel, 2001, S.23 u. 181f.)

In einem Workshop welche die JuAr Basel für ihre Mitarbeitenden durchführt, schulen Alexandra La Mantia und Ruth Feller von der Luzerner Firma Interface, Politikstudien Forschung Beratung sowohl die Koordinatorin der Jugendarbeit in der Bibliothek, als auch die beiden Jugendarbeitenden. Sie zeigen, wie ein Wirkungsmodell erarbeitet wird, wie das Konzept daraus abgeleitet wird, um schliesslich auch professionell evaluieren zu können. JuAr und GGG Stadtbibliothek erarbeiten gemeinsam Konzept und Wirkungsmodell, welche im Januar 2018 von der Geschäftsleitung der Stadtbibliothek verabschiedet werden.

Das Konzept fasst nochmals die Aufgaben der bibliothekarischen Jugendarbeit zusammen:

  • KONTAKT- UND BEZIEHUNGSARBEIT

    • Jugendliche im Umgang mit Konflikten im Rahmen der Bibliotheken fördern und unterstützen und zu einem Nebeneinander anleiten

    • Arbeitsansatz: partizipativ sowie bedürfnis- und situationsorientiert

    • Ansprechpartner:in sein, Begleitung und Unterstützung anbieten

  • TREFFPUNKTE FÜR JUGENDLICHE

    • Jugendgerechte Aufenthaltsorte und begleitende Präsenz von Jugendarbeitenden zu definierten Zeiten (1–2 Nachmittage pro Bibliothek)

    • Kinder und Jugendliche haben die Gelegenheit, sich ohne Konsumzwang zu treffen, zu verweilen und sich aktiv zu betätigen

  • PROJEKTARBEIT UND KULTURELLE VERANSTALTUNGEN

    • partizipatives Angebot für Jugendliche in der Bibliothek mit Projekten zu Leseförderung, Medienkompetenz, etc.

    • Motivieren von Kindern und Jugendlichen zur aktiven Mithilfe und Mitgestaltung

  • VERNETZUNG UND ÖFFENTLICHKEITSARBEIT

    • Information und Sensibilisierung der Öffentlichkeit über die Anliegen der Jugendlichen in den Bibliotheken

    • Zusammenarbeit mit Behörden, Fachstellen und weiteren Institutionen, die sich mit Kindern und Jugendlichen beschäftigen

  • GENERATIONENÜBERGREIFENDE ANGEBOTE immer ausgehend von der Kernzielgruppe

Die GGG Stadtbibliothek unterstützt die Leseförderung und die partizipative Beteiligung mit einer steigender Anzahl von Projekten:

Im Verlauf der beiden letzten Jahre hat sich auch die Weiterentwicklung und Schärfung des Profils abgezeichnet. Jugendliche in der Bibliothek werden einbezogen und vermehrt zur Beteiligung an kulturellen Inhalten eingeladen. Die Jugendarbeitenden entwickeln und organisieren Projekte, wobei sie die Jugendlichen zu Mithilfe und Mitgestaltung motivieren. Sie leisten damit einen Beitrag zur ausserschulischen Bildung, insbesondere im kulturellen und ästhetischen Bereich. In Zusammenarbeit mit der Bibliothek ist die Jugendarbeit ein wichtiges Element der spielerischen Leseförderung. (GGG Stadtbibliothek, 2018)

Das Wirkungsmodell wird recht umfangreich, versuchen doch die JuAr und die GGG Stadtbibiothek alle Facetten dieses neuen Angebotes zu reflektieren, auf seine Wirksamkeit zu prüfen und darzustellen. Im Zentrum stehen dabei Fragen wie

  • welches sind die Grundlagen unseres Angebots?

  • wie gleisen wir die Umsetzung auf?

  • wie stellen wir die Leistungen beziehungsweise „Outputs“ dar?

  • welches sind die Wirkungen auf die Zielgruppen (Outcomes) beziehungsweise auf das erweiterte Umfeld (Impacts)?

Jugendarbeit und Bibliothek stellen fest, dass die lange und intensive Diskussion als Resultat zu einem professionelles Werkzeug mit Zielen und Inhalten geführt hat:

Auschnitt Wirkungsmodell Jugendarbeit in der GGG Stadtbibiothek

Momentan evaluiert die Jugendarbeit Basel zusammen mit der Bibliothek das Quali-Tool mit Wirkungsmodell/Konzept, prüft es auf seine Aktualität und überarbeitet es. Mittels einer Umfrage sollen diesmal auch die Jugendlichen in die Diskussion einbezogen werden. Eine datenbasierte Analyse der Ausgangssituation ist ein entscheidendes Qualitätsmoment von Planungsprozessen (vgl. Merchel, 2010, S. 399). Dadurch bezieht sich die Planung auf die konkreten, lokalen und aktuellen Bedürfnisse.

Insbesondere zu beachten ist, dass die Daten nicht selbsterklärend sind, sie werden erst durch weiterführende Reflexion gewinnbringend (vgl. Merchel,2010; Bürger, 2010 ).

6. Zusätzliche Betreuung in den Wintermonaten

Eigentlich hätte man mit diesem fest verankerten Angebot erwarten können, dass alles nun ohne Probleme abläuft. Im Winter 2016/17 muss aber ein Gesuch an eine Stiftung eingegeben werden für eine zusätzliche „Winterbetreuung“, da die Situation in der Bibliothek Gundeldingen trotz Jugendarbeiterin zu überborden droht:

Die Jugendarbeit ist denn auch höchst erfolgreich, aber an den Tagen, an denen die Jugendarbeiterin nicht da ist, überbordet die Situation im Jugendraum zuweilen, wenn sich bis zu 60 Jugendliche dort aufhalten. […] Die Folge: andere Kundinnen und Kunden beschweren sich oder bleiben fern; immer wieder kommt es zu Konfrontationen zwischen Jugendlichen und Personal. Es kam zu Cliquenbildungen und vereinzelt zu Mobbing. (Hilty, 2016)

Auch die Jugendarbeiterin selbst kann den Ansturm kaum bewältigen und kommt an ihre Grenzen wie im Gesuch beschrieben:

Die Jugendarbeiterin beschreibt ihre Arbeit mit den Jugendlichen als sehr anstrengend – Pausen sind kaum möglich –, aber auch als sehr motivierend und wichtig für die Jugendlichen, die nach der Schule keine Betreuung durch die Eltern erfahren. (Hilty, 2016)

Die Stiftung Thomi Hopf springt ein und die Situation kann beruhigt werden. Unterdessen ist es immer wieder in verschiedenen Bibliotheken zu Problemen in den Wintermonaten gekommen. Die Schwierigkeiten ergeben sich meist spontan und sind kaum vorauszusehen, da Jugendliche ihre Aufenthaltsorte je nach Situation oder Gruppendynamik verändern. Da die Thomi Hopf-Stiftung auch in den nächsten Jahren immer wieder bereit ist, für die Wintermonate eine 30%-40%-Stelle zu finanzieren, können wir diese Probleme sehr flexibel handhaben: Die „Winterbetreuung“ arbeitet in denjenigen Bibliotheken, die am meisten Bedarf haben. Eine nachhaltige Finanzierung  für dieses Angebot fehlt allerdings weiterhin.

7. Schulung des Bibliothekspersonals

Immer wieder haben die Bibliothekarinnen darauf hingewiesen, dass sie, trotz dauernder Aufstockung des Pensums der Jugendarbeitenden, immer noch mehr Zeit als diese mit den Jugendlichen verbringen. Sie beklagen immer wieder, dass sie durch die „Starrolle“ der Jugendarbeitenden, welche exklusiv für die Jugendlichen da sein könnten, von den Jugendlichen auf die undankbare Rolle von „Aufpasserinnen“ reduziert würden. Es wäre wichtig, dass das Fachwissen der Jugendarbeitenden an sie weitergegeben würde. Auch sie wollen eine Beziehung zu Jugendlichen aufbauen, das „Wie“ ist aber vielen unklar.

Im Frühling 2017 führen deshalb die Jugendarbeitenden und die Geschäftsführerin der JuAr einen Workshop durch. Sie thematisieren darin den Unterschied zwischen einem Jugendzentrum und einer Bibliothek, unterhalten sich über die Bereicherungen und Herausforderungen, welche jugendliche Kundschaft für das Team bedeutet und testen mögliche Interventionen im Rollenspiel aus. Den Teilnehmerinnen wird die Lebenswelt der Jugendlichen nähergebracht, und sie erhalten „Tipps und Tricks“, zum Beispiel einen Massnahmenkatalog in Kurzform. Im Zentrum steht dabei immer  der Aufbau einer Beziehung zu den Jugendlichen, wobei das Grenzen setzen auch als Beziehungsmassnahme postuliert wird:

Jugendliche suchen nach Grenzen – und darum provozieren sie – das ist ihre Art von Kontaktaufnahme:
Jugendlichen Grenzen setzen heisst, die Jugendlichen ernst zu nehmen.
Jugendlichen Grenzen setzen heisst, mit Ihnen in Kontakt zu gehen
Jugendlichen Grenzen setzen ist Beziehungsarbeit
Jugendlichen Grenzen setzen ist wichtig. (Abstreiter, 2017)

Die Voten der Teilnehmenden zeigen, dass sie die Jugendlichen auch als Bereicherung für die Bibliothek empfinden: Sie bringen „Farbe in die Bibliothek“, sind „lebendig“ und „entstauben“ oder bewegen „uns raus aus der Routine“! (Abstreiter, 2017) 2022 soll wieder ein Workshop zum Thema stattfinden.

8. Lesefördernde, medienpädagogische und vor allem lustvolle Projekte

In den letzten Jahren führt die Jugendarbeit der GGG Stadtbibliothek vermehrt partizipative Projekte durch, die Jugendliche fordern und fördern. Es würde den Rahmen sprengen, diese im Detail vorzustellen. Zwei Beispiele sollen genügen.

Eines der grossen Projekte von Kerstin Abstreiter und ihrem erfolgreichen „Kreativclub“ war „Text trifft Kunst“:

Es bietet sich in einer Bibliothek ja an, Kunst und Literatur miteinander zu vermischen, entlang dieser Themen kreative Experimente zu machen. Ein Beispiel dafür war unser Projekt ‘Text trifft Kunst’. Dabei haben Künstlerinnen und Künstler auf die Texte von Autorinnen und Autoren reagiert, am Ende gab es eine Vernissage, die Arbeiten wurden natürlich alle von unseren Jugendlichen geschrieben und gestaltet. Teilweise mit Anregungen von Künstlerinnen, die wir eingeladen haben. Man braucht nur Ideen und eine Menge Material für das Schreiben, Malen, Basteln, schon werden die Kids erstaunlich kreativ. Vor allem, weil ich ihnen einen Gedanken immer wieder vermittle – Ihr seid hier nicht in der Schule, ihr werdet nicht bewertet, wir machen hier etwas miteinander, Ihr dürft Eure Kreativität voll ausleben. Und dann gibt es kein Halten mehr. (Platz, 2019)

Vom Vorgänger Frank Awender eingeführt, wird der Schreibclub von der Jugendarbeit weitergeführt, und er ist immer noch ein voller Erfolg. Schreibbegeisterte treffen sich zum gemeinsamen Austausch, während der Pandemie auf Zoom. Eine Gruppe von Jugendlichen, die „Bookhunters“, wählen Bücher für die Bibliothek aus, kaufen ein und lernen die Bibliothek hinter den Kulissen kennen. Jedes Jahr findet ein grosser Online-Lesewettbewerb statt (www.readytoread.ch), der von Yasmine El-Aghar, Simone Zimmermann und Jennifer Sprunger mit zahlreichen Veranstaltungen vor Ort begleitet wird. Neben unzähligen Veranstaltungen in denen gegamet, gerapt, geschrieben, gebastelt, gemalt, komponiert und Software ausprobiert wird, ist im letzten Jahr vor allem ein Event hängen geblieben: Die Harry Potter-Night. Zwölf Jugendliche stellten unter der Leitung des Jugendarbeiters Simon Zimmermann einen Event mit Postenlauf und Bar auf die Beine, der sehr gut besucht war und grossen Anklang fand. Die Jugendlichen hatten sich dafür aber auch ins Zeug gelegt:

Zuerst mussten sie sich darüber klar werden, in welcher Form die Sache ablaufen sollte. Bald stellte sich heraus, dass man einen Postenlauf gestalten wollte, garniert mit Aufgaben, die das Thema reflektieren sollten, dazu solle es eine Bar mit Getränken (ebenfalls Zaubertränken natürlich) und Verpflegung geben. An diesem Punkt wurden Ressorts geschaffen, die sich um die einzelnen Bereiche der Veranstaltung kümmerten. Auch hier arbeiteten alle fleissig und mit grosser Zuverlässigkeit. Zehn Stationen mit verschiedenen Sujets entstanden so, da wurden Rätsel gelöst, Kostüme anprobiert und prämiert, Zauberstäbe gebastelt und vieles mehr. Zudem wurden zwei Harry Potter-Filme gezeigt, von Fans gedreht – die auf YouTube beinahe so gut laufen, wie die offiziellen Potter-Beiträge. (Platz, 2020)

9. Fazit

In den Basler Bibliotheken bestand vor zehn Jahren eine gewisse Ratlosigkeit darüber, wie das Personal mit Jugendlichen, welche den Bibliotheksbetrieb stören, umgehen soll. 2012 wurde ein Pilotversuch gestartet, der einen langjährigen Lernprozess zwischen den beiden Partnerinnen GGG Stadtbibliothek Basel und der Jugendarbeit Basel auslöste und zum inzwischen gut verankerten Angebot „Jugendarbeit in der Bibliothek“ führte. Die Bibliothek begegnet den Jugendlichen auf Vertrauensbasis und begeistert sie so fürs Lesen, Schreiben und Entdecken mit analogen und digitalen Mitteln. Sie sollen ein nützliches und attraktives Angebot vorfinden und die Bibliothek als wichtigen Ort in ihrem Lebensumfeld wahrnehmen. Die Kooperation der GGG Stadtbibliothek mit der Jugendarbeit Basel stellt sicher, dass mit Fachwissen und Kompetenz für pädagogische und sozialintegrative Aspekte an die Jugendlichen herangetreten wird. Sie werden willkommen geheissen und gefördert, statt weggewiesen. Der zentrale Auftrag einer öffentlichen Bibliothek, die Förderung von Lese-, Medien- und Informationskompetenz, Unterstützung der Kreativität sowie kulturelle Bildung, kann damit auch für Jugendliche umgesetzt werden.

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