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Provenienzforschung – Ein Einblick in die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung

Published onAug 23, 2021
Provenienzforschung – Ein Einblick in die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung
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1. Provenienzforschung in Bibliotheken

Wenn sogar der deutsche Entertainer und Moderator Jan Böhmermann in seiner Late-Night-Show eine Sequenz zu diesem Themenbereich sendet und die Erwerbungsgeschichte des Humboldt Forums Berlin anprangert, dann ist eines klar: Provenienzforschung „boomt“. In den vergangenen zwanzig Jahren gewann die Raubgutforschung in Politik, Wissenschaft und der Allgemeinen Öffentlichkeit stetig an Interesse. Seit 2008 gibt es die Arbeitsstelle für Provenienzforschung – seit 2015 das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste – zur Förderung von Forschungsprojekten im Bereich der Provenienzforschung. Es gibt Lehrstühle, Module in Studiengängen und sogar ganze Studiengänge, welche sich mit der Erforschung der Herkunftsgeschichte von Kulturgegenständen auseinandersetzen. Das Feld erweitert sich zudem stetig; ging es zunächst vor allem um die Ermittlung von NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern, so gibt es beim Zentrum mittlerweile einen eigenen Bereich für Enteignungen in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR sowie für Kultur und Sammlungsgüter aus kolonialen Kontexten. Nichtsdestoweniger fehlen – wie in vielen Kunst- und Kultureinrichtungen – finanzielle Möglichkeiten, Provenienzforschung als dauerhafte Aufgabe einzurichten.

Die Provenienzforschung wird in der Öffentlichkeit vor allem in Verbindung mit Kunst- und Museumswissenschaften wahrgenommen. Daneben überprüfen jedoch auch zahlreiche Bibliotheken, Archive, Universitäten und Privatpersonen ihre Bestände und Sammlungen auf ihre Provenienzen. In Bibliotheken werden demnach die Herkunft und die Erwerbungskontexte ihrer Buchbestände überprüft. Provenienzen aufzuklären und auszuschließen, dass es sich um Raub- oder Beutegut handelt, ist nicht nur wissenschaftlich und moralisch von großer Bedeutung. Es ist ein Teil der Erinnerungskultur, welcher in Bibliotheksmagazinen und -sammlungen stattfindet.

2. Das gedruckte Gedächtnis der Arbeiterbewegung im Archiv der sozialen Demokratie und der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung

Abb. 1: Willy Brandt bei der Grundsteinlegung des AdsD; Rechte: J.H. Darchinger/Friedrich-Ebert-Stiftung

1969 eröffnete Willy Brandt das Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Bonn. Den Grundstein des AdsD und der Bibliothek legten die Archiv- und Bibliotheksbestände des SPD-Parteivorstandes. Der SPD-Vorstand übergab der FES damit unter anderem seinen seit Kriegsende neu aufgebauten Bibliotheksbestand. Das Sammlungsgebiet des AdsD umfasst seit jeher vor allem deutsche und internationale Arbeiterbewegung, Sozialgeschichte, Sozialdemokratie sowie Gewerkschaftsgeschichte.

3. Geschichte der SPD-Parteibibliothek im AdsD1

Als Ursprung der SPD-Parteibibliothek gilt ein 1878 in der sozialdemokratischen Zeitung Vorwärts veröffentlichter Artikel. Unter der Überschrift „Die Nothwendigkeit der Gründung einer allgemeinen Partei-Bibliothek“ rief August Bebel dazu auf, sozialistische und sozialdemokratische Literatur zu sammeln und diese vor allem der Partei-Gemeinschaft zugänglich zu machen. (Bebel, 1878, 1) Das Verbot der Sozialdemokratie unter Bismarcks sogenanntem Sozialistengesetz zwischen 1879 und 1890 verlagerte die Einrichtung einer Bibliothek nach Bebels Vorstellungen ins Ausland. In den folgenden Jahren wurde in Zürich ab 1882 ein Exil-Parteiarchiv aufgebaut. Die Partei unterschied zu dieser Zeit nicht zwischen den Bezeichnungen „Archiv“ und „Bibliothek“. 1888 wurde das Parteiarchiv zunächst nach London und 1891, nach dem Ende der Sozialistengesetze, nach Berlin verlegt. (Mayer, 1967, 17f.; Zimmermann, 2008, 11f. u. 15)

Abb. 2: Gruppenaufnahme Parteiarchiv und Parteibibliothek; Rechte: nicht ermittelbar

Mit dem Nachlass von Karl Marx und Friedrich Engels erhielt das Parteiarchiv 1895 eine seiner wertvollsten Ergänzungen. 3.200 Bände des Marx-Engels-Nachlasses wurden in die Sammlung der SPD-Parteibibliothek aufgenommen. (Harstick, Sperl, & Strauß, 1999, 23 u. 54) Nach und nach konnten die Archiv- und Bibliotheksbestände erweitert und als sozialdemokratische Forschungsstätte etabliert werden. Zwei systematische Bibliothekskataloge der SPD-Bibliothek sind bis heute erhalten und bieten einen Überblick der Entwicklung der Bibliothek bis zum Ende der 1920er Jahre. Während in dem Bibliothekskatalog von 1901 ein Bestand von 8.000 Bänden auf 400 Folioseiten verzeichnet ist, weist der Katalog aus dem Jahr 1927 auf über 1.000 Seiten mehr als 20.000 Bücher nach. Schätzungen zufolge umfasste die SPD-Parteibibliothek bis 1933 einen Bestand von ca. 30.000 Büchern. (Zimmermann, 2008, 23 u. 30f.)

Die „Machtübergabe“ an den Nationalsozialismus zog das Verbot der SPD und die Beschlagnahmung des Parteieigentumes nach sich. Die Bibliothek wurde durch das NS-Regime 1933 zerschlagen und auf wissenschaftliche und/oder nationalsozialistische Einrichtungen verteilt. (Briel, 2008, 63f.) Einige Teilbestände, wie beispielsweise der Marx-Engels-Nachlass, konnten vor dem Zugriff und der Zerstörung durch den Nationalsozialismus in Kopenhagen in Sicherheit gebracht werden. Der Exil-Parteivorstand rettete zunächst weitere Bestände nach Prag, verkaufte sie jedoch 1938 von Paris aus, an das Internationale Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam. Der Verkauf ermöglichte das Fortbestehen und den Widerstand der deutschen Sozialdemokratie im Exil. Demnach existierte zwischen 1933 und 1945 keine SPD-Parteibibliothek. (Mayer, 1967, 84ff.; Bungert, 2002, 48)

Der Unmut über den Verlust und die Zerschlagung der Archiv- und Bibliotheksbestände durch das NS-Regime sorgte unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges für erste Pläne, die Bibliothek der Partei neu aufzubauen. Das historische Bewusstsein wiederherzustellen und der Wunsch, das erlebte Unrecht auszugleichen, motivierte den Parteivorstand, die Überlegungen zum Wiederaufbau der Bibliothek in die Tat umzusetzen. Mit Unterstützung zahlreicher solidarischer Bücherspenden aus aller Welt konnte bereits Ende der 1940er eine beachtliche Sammlung sozialdemokratischer Literatur zusammengetragen werden. (Zimmermann, 2008, 38ff.) Ergänzt wurden diese durch erste gezielte antiquarische Ankäufe. Durch Zufall und unwissentlich wurden so bereits Bücher der historischen SPD-Parteibibliothek wieder in den ‚Gründungsbestand‘ aufgenommen.

4. Der sogenannte Gründungsbestand in der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung

Schon vor Beginn des Provenienzforschungs-Projektes nahm die Bibliothek im AdsD stellvertretend für die SPD Restitutionen an. So wurden im Jahr 2019 90 Bücher mit Provenienz der historischen SPD-Parteibibliothek von der deutschen Bundestags-Bibliothek an die FES übergeben.2 Daneben werden der Bibliothek in unregelmäßigen Abständen einzelne Bücher mit dem Siegel der SPD-Parteibibliothek angeboten. Mit diesen zum Teil restituierten, zurückerworbenen oder bereits unmittelbar nach Kriegsende unbewusst in die neuaufgebaute Parteibibliothek übernommenen Büchern können mittlerweile 2163 Bücher der SPD in der Bibliothek der FES nachgewiesen werden.

Abb. 3: Blick in den ‚Gründungsbestand‘; Rechte: Hannah Schneider

In der Bibliothek der FES werden seit Juli 2020 insgesamt knapp 18.000 Bücher eines Teilbestandes auf ihre Provenienzen überprüft. Ausgangspunkt für das vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderte Projekt ist der ‚Gründungsbestand‘ der im Bonner FES-Standort untergebrachten Bibliothek. Dieser Bestand setzt sich aus zwei Teilen zusammen: antiquarischen Ankäufen der Bibliothek der FES zwischen 1969 und 1977 und der Übernahme der nach Kriegsende neu aufgebauten SPD-Parteibibliothek. Um ihren Bestand zu erweitern und Lücken in ihrem Sammlungsgebiet zu schließen, konzentrierte sich die Bibliothek bei ihren Erwerbungen in den folgenden Jahrzehnten auf Antiquariate. Dass die Bibliothek bei diesen Bestandsübernahmen und -erweiterungen unbewusst auch bisher nicht erkanntes NS-Raubgut in die Sammlung übernommen hat, kann nicht ausgeschlossen werden. Ferner sind die Provenienzen der Bücher des ‚Gründungsbestandes‘ nicht verzeichnet und bis heute zu großen Teilen unbekannt.

Die systematische Überprüfung des ‚Gründungsbestand‘ der FES-Bibliothek, bei welcher jedes projektrelevante Buch einzeln auf seine Besitzmerkmale inspiziert wird, hat bisher zahlreiche Provenienzen zu Tage gefördert. Im Rahmen des Forschungsprojektes werden die Hinweise in einer Metadatenliste dokumentiert und mit Unterstützung von Archivmaterialien und Datenbank-Recherchen analysiert. Oft finden sich in den Büchern gleich mehrere verschiedene Hinweise, deren Chronologie geklärt werden muss. Neben einigen Abgaben bekannter Sozialdemokrat_innen, welche dem Aufruf des Parteivorstandes zum Neuaufbau und zur Bücherspende nach dem Krieg folgten, finden sich auch zahlreiche bis dato unbekannte Namen in den Büchern. Nicht nur Hinweise auf Einzelpersonen geben Anlass zu weiterführenden Recherchen: Während einige Provenienzen auf Arbeitervereine und wissenschaftliche Institutionen verweisen, konnten ebenso bereits unterschiedliche Hinweise auf nationalsozialistische Einrichtungen und Verbände festgestellt werden. Eine besonders auffällige Provenienz wurde im Rahmen der systematischen Bestandsüberprüfung ermittelt: Bis März 2021 wurden im ‚Gründungsbestand‘ zwei Bücher mit einem Stempel des Institutes für Staatsforschung (IfS) aufgefunden. Beide Bücher können aufgrund weiterer Hinweise der historischen SPD-Bibliothek zugeordnet werden. Zu diesen weiteren Hinweisen gehört eine in das jeweilige Buch gestempelte beziehungsweise gedruckte Nummer. Die Bücher finden sich in mindestens einem der beiden systematischen Bibliothekskataloge der historischen SPD-Bibliothek wieder. Bei einem der beiden Bücher handelt es sich um eine Ausgabe von Gustav Hochs Ist das Zentrum arbeiterfeindlich? aus dem Jahr 1903, oben rechts auf dem Titelblatt befindet sich die Nummer 2385. Unter dieser Nummer ist das angegebene Exemplar im systematischen Bibliothekskatalog der SPD-Parteibibliothek aus dem Jahr 1927 auf Seite 631 verzeichnet.

Abb. 4: Titelblatt Gustav Hochs „Ist das Zentrum arbeiterfeindlich?“ mit Provenienzhinweisen; Rechte: Hannah Schneider

5. Bücher der historischen SPD-Bibliothek im Institut für Staatsforschung

Das Institut für Staatsforschung wurde 1932 als Teil der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Kiel gegründet. 1935 zog das Institut – mittlerweile an die Berliner Universität verlegt – in die Königsstr. 71 nach Berlin-Wannsee um. Das IfS wurde in der Villencolonie Alsen untergebracht; hier wurden in den folgenden Jahren zahlreiche jüdische Besitzer_innen vom NS-Regime vertrieben und verließen ihre Villen, wodurch die Gebäude enteignet, zwangsverkauft und als NS-Eigentum für nationalsozialistische Zwecke verwendet wurden. Das IfS unterstand ab 1939 Heinrich Himmler, geleitet wurde das Institut von SS-Sturmbannführer Reinhard Höhn. Im Aufgabenbereich des als kriegswichtig geltenden IfS lagen vor allem Auftragsarbeiten für zentrale Institutionen der NSDAP und des NS-Staates, so zum Beispiel für das Reichserziehungsministerium, die Wehrmacht und das Auswärtige Amt. Im Fokus standen hierbei verwaltungsrechtliche und -organisatorische Fragen zur Kontrolle der besetzten Gebiete. Von Beginn an wurde das Institut zum Nutznießer beschlagnahmter Bibliotheken aus dem ganzen Reich; auch ein Teil der SPD-Bibliothek landete in der Villa am Wannsee. (Briel, 2013, 196; Haupt, 2012) Dass bereits vor Projektbeginn einige Bücher der SPD mit Provenienzhinweisen auf das IfS bekannt waren, ist im Fall der Provenienzforschung der FES Glück im Unglück. So erweckten – wie zuvor erwähnt – bislang zwei der Bücher durch den Stempel des IfS besondere Aufmerksamkeit und konnten bei näherer Betrachtung durch den Abgleich mit den Bibliothekskatalogen 1901 und 1927 der SPD-Bibliothek zugeordnet werden. Diese Exemplare waren 1933 der SPD enteignet und an die NS-Institution am Wannsee weitergegeben worden. Genau genommen handelt es sich also um NS-Raubgut, welches sich jedoch nach Auflösung des IfS – vermutlich seit 1947 – in der neu aufgebauten SPD-Parteibibliothek befindet. Mit Übernahme der SPD-Bibliothek in das AdsD stehen die Bücher an ihrem rechtmäßigen Standort und müssen demnach nicht restituiert werden. Nichtsdestoweniger muss die Geschichte der Bücher für Nutzer_innen, Forscher_innen und interessierte Öffentlichkeit transparent gemacht werden.

Die beiden Funde zeigen, dass vor allem Bücher, welche sich nicht mehr in ihrem Originalzustand befinden, einer genaueren Untersuchung unterzogen werden sollten. Oft sind Stempel stark verblasst, unkenntlich gemacht oder durch buchbinderische Arbeiten verändert worden. Eindeutige Hinweise und Provenienzen können entfernt worden sein – ein zweiter Blick lohnt sich also allemal.

6. Mehr als ein kleiner Nebeneffekt

Ein weiteres wichtiges Ergebnis der systematischen Bestandsprüfung zur Identifizierung von NS-Raubgut ist die sich daran anschließende Rekonstruktion der SPD-Parteibibliothek vor ihrer Zerstörung durch die NS-Regierung 1933. Die Rekonstruktion baut auf den Ergebnissen der Bestandsüberprüfung auf. Bücher mit Provenienzmerkmal der historischen SPD-Bibliothek werden dokumentiert und mit den bereits genannten Bibliothekskatalogen aus den Jahren 1901 und 1927 abgeglichen. Demnach kann ermittelt werden, welche Bücher der SPD-Parteibibliothek sich heute in der FES befinden und welche möglicherweise nach wie vor als vermisst gelten müssen. Es bleibt eine unbekannte Anzahl von Büchern, die zwischen dem letzten überlieferten Bibliothekskatalog 1927 und der Zerstörung durch das NS-Regime in die SPD-Bibliothek aufgenommen wurden. Jene Exemplare können – wenn überhaupt – vorerst nur durch die Provenienzhinweise im Buch selbst erkannt werden.

Als Ergebnis der virtuell rekonstruierten Bibliothek wird eine Liste erstellt, welche in anderen Bibliotheken als Ausgangspunkt für Recherchen nach NS-Raubgut genutzt werden kann. Mit dieser etwas anderen Herangehensweise wird eine ungewöhnliche Möglichkeit der Provenienzrecherche erprobt. Dieses Vorgehen kann zukünftig eine stärkere Vernetzung bei Recherchen in Bibliotheken gewährleisten und somit – wie bereits zahlreiche andere (digitale) Angebote der Bibliothek der FES – eine enorme Arbeitserleichterung für Forschende und Interessierte der Provenienzforschung schaffen.



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