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Die Kinderbuchsammlungen des Schweizerischen Instituts für Kinder- und Jugendmedien SIKJM und ihre Impulse für die Forschung

Published onMar 14, 2022
Die Kinderbuchsammlungen des Schweizerischen Instituts für Kinder- und Jugendmedien SIKJM und ihre Impulse für die Forschung
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Abstract

Die Kinderbuchsammlungen und Archive des Schweizerischen Instituts für Kinder- und Jugendmedien SIKJM stellen ein wichtiges kulturelles Erbe der Schweiz dar. Sie enthalten auch internationale und historische Bestände von Rang und werden von der Forschungsabteilung des Instituts und im Rahmen von Kooperationen mit Universitäten und Pädagogischen Hochschulen beforscht. Der Beitrag stellt insbesondere die historischen Sammlungen Hürlimann, Keckeis und Waldmann sowie das Johanna Spyri-Archiv mit ihren aktuellen Impulsen für die Forschung vor.

The children’s book collections and archives of the Swiss Institute for Children’s and Youth Media SIKJM (keine englische Übersetzunng auf der Webseite) represent an important cultural heritage of Switzerland. They also contain international and historical holdings of high standing and are researched by the Institute’s research department and within the framework of cooperation with universities and colleges of education. The article highlights in particular the historical collections Hürlimann, Keckeis and Waldmann as well as the Johanna Spyri Archive with their current impulses for research.


1. Einleitung

Das Schweizerische Institut für Kinder- und Jugendmedien SIKJM ist einer Fachwelt von Lehr- und Bibliothekspersonen und einer breiteren Öffentlichkeit bekannt für seine regen Aktivitäten im Bereich der Literaturvermittlung und der literalen Förderung, die in einer sich rasch wandelnden Medienlandschaft orientierende Wirkung entfalten. Dass es daneben auch ein Hort einzigartiger historischer wie auch zeitgenössischer Bücherschätze darstellt, ist vielleicht etwas weniger bekannt: Die SIKJM-Bibliothek beherbergt mit über 70’000 erschlossenen Titeln eine hochkarätige Sammlung internationaler Kinder- und Jugendliteratur sowie einschlägiger Fachliteratur, und sie dokumentiert umfassend das Kinderbuchschaffen aller vier Sprachregionen der Schweiz.

Im geschichtsträchtigen Jahr 1968 wurde der Vorläufer des SIKJM, das Schweizerische Jugendbuchinstitut (SJI), als Forschungs- und Dokumentationsstelle für Kinder- und Jugendliteratur von Franz Caspar unter dem Dach der Johanna Spyri-Stiftung gegründet. 2002 schloss es sich mit dem Schweizerischen Bund für Jugendliteratur (SBJ) zum heutigen Institut zusammen. Den Kern der historischen Bestände bilden Schenkungen privater Kinderbuchsammlungen an das Institut, die wichtigsten darunter von Bettina Hürlimann, Elisabeth Waldmann und Peter Keckeis, die nachfolgend näher vorgestellt werden. Darüber hinaus erhält das SIKJM als Schweizer Sektion von IBBY (International Board on Books for Young People), das den Hans Christian Andersen Award verleiht, jeweils alle dafür nominierten Bücher sowie die auf der „IBBY Honour Listausgezeichneten Titel. Die Bibliothek bietet somit auch im Bereich der zeitgenössischen internationalen Kinder- und Jugendliteratur eine repräsentative Auswahl.

2. Beziehungsreicher Kern der Sammlung

Am besten erschlossen unter den historischen Sammlungen ist diejenige von Bettina Hürlimann (1909-1983). Geboren in Weimar als Tochter des Verleger-Ehepaars Gustav Kiepenheuer und Irmgard Kiepenheuer-Funke, kam Bettina Kiepenheuer in ihrem offenen Elternhaus mit bedeutenden Literaten und Künstlern der Zeit in persönlichen Kontakt – darunter, um nur wenige zu nennen, Joseph Roth, Bertold Brecht, Ernst Toller, Mies van der Rohe, Jean Renoir, Lotte Reiniger, Wilhelm Furtwängler oder Oskar Kokoschka. Nachdem sich ihre ersten Pläne, nämlich die Kunstakademie zu besuchen oder ein Architekturstudium aufzunehmen, zerschlagen hatten, machte Bettina Kiepenheuer zunächst eine Ausbildung als Typographin. So war sie mehrfach prädestiniert für die Laufbahn, die sie später einschlug. Mit Martin Hürlimann verheiratet, dem Atlantis-Verleger und Gründer der gleichnamigen Zeitschrift (später Du), wurde sie selbst auch Verlegerin, zuerst in Berlin, ab 1939 in die Heimat ihres Ehemanns exiliert, in Zürich. Als junge Mutter auf der Suche nach gehaltvollen Kinderbüchern für ihre eigenen vier Kinder entdeckte sie schliesslich ihre Leidenschaft für das Kinderbuch. Bis heute lebt der Name Atlantis als Kinderbuch-Verlagszweig, heute unter dem Dach des Kampa Verlags, fort.

Die Kollektion, die Bettina Hürlimann im Laufe der Jahre aufbauen sollte, ist stark von dieser Herkunft und Biografie geprägt. Einen lebendigen Einblick in ihr umtriebiges Leben gewährt die (auch ins Englische übersetzte) Autobiographie Sieben Häuser (1976), die weitgreifende Zusammenhänge erhellt und zugleich einen Teil europäischer Kunst-, Kultur- und Geistesgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einfängt. Verena Rutschmann, die von 1977 bis 2007 am Institut als Forscherin wirkte und wohl die profundeste Kennerin der SIKJM-Sammlungen ist, hat diese einmal unter dem Titel „Weltoffenheit und Eigenart“ vorgestellt (2007) und damit zwei Pole benannt, welche auch die Hürlimann-Sammlung treffend charakterisieren. In der Tat ist vielleicht die Weltoffenheit, ja die Weltläufigkeit derjenige Pol, den die Hürlimann-Sammlung am meisten verkörpert. Gerade aus heutiger Sicht, wenn (vermeintliche) Sprachbarrieren, aber auch die schiere Masse publizierter Bücher die Spezialisierungen immer weiter vorantreiben, ist es bemerkenswert, mit welcher Leichtigkeit, noch ganz ohne World Wide Web, Bettina Hürlimann ihre Antennen in alle vier Himmelsrichtungen ausstreckte, Trouvaillen und Trophäen mit sicherem Instinkt aufspürte und oft genug in ihre Sammlung heimführte. Sie reiste nach England und Frankreich, in die Niederlande und nach Skandinavien, nach Russland, in die USA und nach Japan. Ihr an der Typographie geschultes Auge, ihr eminentes Flair für das Grafische und die Illustration erkannte dort mit feinem Gespür und auf anhieb Qualitäten und Innovationen. Das weite Netzwerk, das sie sich so aufbaute, nährte ihre Sammlung über viele Jahre hinweg und wurde durch ihr offenes Haus aufrechterhalten. Hürlimann war überzeugt, dass das Kinderbuch eine „internationale Angelegenheit“ (1976, S. 185) sei, und war bei der von Jella Lepman, unter Beteiligung von Lisa Tetzner und Kurt Kläber veranlassten, 1953 in Zürich erfolgten IBBY-Gründung dabei.

So gliedert sich denn der von Ruth Fassbind-Eigenheer erstellte und mit kenntnisreicher Einleitung versehene Gesamtkatalog Die Kinderbuchsammlung Bettina Hürlimann (1992) auch mehr nach Ländern und Kontinenten als nach Gattungen oder Themen. Die Vielsprachigkeit der Sammlung ist sowohl Chance als auch Herausforderung für das SIKJM. Sie bietet zahlreiche Ansatzpunkte für Kooperationen mit Einzelphilologien oder mit komparatistischen und interdisziplinären Projekten. Dabei kommt der Skandinavistik ein besonderer Stellenwert zu, während etwa die herausragende Sammlung japanischer Bilderbücher noch viel Potential für Forschungskooperationen bietet.

Die thematische und literaturgeschichtliche Erschliessung der Sammlung wurde zuallererst jedoch von Bettina Hürlimann selbst betrieben. Die Arbeit an ihrem Buch Europäische Kinderbücher aus drei Jahrhunderten (Hürlimann, 1963) das auf grosses Echo stiess und auf Englisch, Spanisch und Japanisch übersetzt wurde, ging zentral von den eigenen Vorlieben aus und gab oft den Anstoss für weitere Erwerbungen, wie sie in ihrer Autobiographie betont:

Die mir so zufallenden Bereiche meiner Bibliothek bestimmten etwas Arbeitsweise, in der ich bei Deutungen und Beschreibungen dieser Werke ausführlicher behandelte, die ich durch eigene Anschauung kann. Meine Leser erkennen diese direkte Beziehung, und für mich hatte das Sammeln damit einen lebendigen Sinn, ja war eine Notwendigkeit geworden. (1976, S. 150)

Ein Kapitel dieses historischen Überblicks ist der Geschichte des Schweizer Kinderbuches gewidmet und geht auf die Zürcher Neujahrsblätter ein, deren ältestes auf das Jahr 1645 zurückreicht, also noch vor Comenius’ Orbis Pictus (1658). Hürlimann formuliert dabei die interessante These, diese Neujahrsblätter – in ihrer Sammlung mit einem stattlichen Bestand vor allem aus den Musikgesellschaften und aus der Stadt-Bibliothek Zürich vertreten –, die zuerst ja für Kinder ausgegeben wurden, stellten den eigentlichen Ursprung der Schweizer Kinderliteratur dar. (1963, S. 262)

Kostbarkeiten und Rara der Hürlimann-Kollektion liessen sich lange aufzählen: Viele wertvolle Erstausgaben wie etwa jene von Des Knaben Wunderhorn (1806-1808) oder von Peter Pan (1906), die erste französischsprachige Robinson Crusoe-Ausgabe (1721) oder Bände kinderliterarischer Gründungswerke aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert wie das Bilderbuch für Kinder von Bertuch oder die Kupfersammlung zu J.B. Basedows Elementarwerke für die Jugend und ihre Freunde gehören dazu. Als Höhepunkt ihres Sammlerdaseins bezeichnet Bettina Hürlimann den Moment, als Ehemann Martin ihr die Erstausgabe der Grimm’schen Kinder- und Hausmärchen (1812) schenkte. (vgl. Hürlimann 1976, S. 149)

Einen der thematischen Schwerpunkte der Kollektion bilden die Robinsonaden: Ausgehend von Robinson Crusoe, jenem Schlüsseltext der europäischen Romanentwicklung, der hundertfach für Kinder und Jugendliche bearbeitet wurde und in der Form von Campes Robinson der Jüngere (1779) als erster deutschsprachiger Text spezifischer Kinderliteratur(von Glasenapp, 2020, S. 2) gilt, beschäftigte sich Bettina Hürlimann nicht nur sammelnd, sondern auch forschend mit dieser weitverzweigten Textfamilie. Ihr zusammengetragenes Material hat sie in einem Artikel der Zeitschrift Du vorgestellt (1966), hegte darüber hinaus jedoch einen nicht mehr verwirklichten Plan:

Ich wollte und will ein Buch darüber schreiben, aber je mehr ich darüber lernen, desto größer, ja hoffnungslos gross erscheint mir das Thema. (1976, S. 153)

2019, zum 300. Geburtstag von Defoes Original, hat sich neben vielen anderen Institutionen auch das SIKJM wieder neu mit Robinson beschäftigt. Der dort aufgegriffene Aspekt der Ikonographie Robinsons in den Illustrationen, in weitem diachronem Bogen betrachtet, wird durch die SIKJM-Forschung aktuell weiterverfolgt. Das Thema ist auch insofern sinnfällig, als die Hürlimann-Sammlung von der Robinson-Darstellung buchstäblich geprägt ist: Bettina Hürlimann erblickte nämlich in einem ikonisch gewordenen Requisit Robinsons, dem Sonnenschirm, ein Symbol menschlicher Würde (vgl. 1963, S. 81) und wählte Robinson deshalb als Exlibris für ihre gesamte Sammlung, sodass nun rund 4’000 Bücher des SIKJM-Bestandes mit einem Robinson-Stempel versehen sind. Die aktuelle Beschäftigung mit Robinson nimmt aber auch weitere Bestände, intern aus der Sammlung Keckeis, extern aus der in Rapperswil ansässigen privaten Robinson-Bibliothek in den Blick. Auch bestehen Kooperationen mit dem Englischen Seminar der Universität Zürich, das sich ebenfalls mit der Sammlung Rapperswil befasst, sodass in der Region Zürich in der Folge des Robinson-Jubiläums aktuell eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema stattfindet.

Abb. 1: Defoe, Daniel. La Vie et les Avantures surprenantes de Robinson Crusoe. Illustrationen von Bernard Picard. Amsterdam, 1721. Frontispiz des 1. Bandes.

Abb. 2: Exlibris der Sammlung Bettina Hürlimann

Bettina Hürlimanns besonderes Interesse für die Illustration bescherte dem Institut rund 400 Originalillustrationen – Skizzen, Zeichnungen, Drucke, Collagen, Scherenschnitte, Hefte und Buchmaquetten –, die aus der Buchherstellung im Atlantis-Verlag hervorgingen oder als Freundschaftsgeschenke von Bilderbuchschaffenden ihren Weg in die Sammlung fanden. Bis dato nur analog erschlossen, konnten sie 2019 in einem Projekt durch die SIKJM-assoziierte Forscherin Anna Lehninger neu geordnet und in den Online-Katalog aufgenommen werden, indem die Verbindungen zu den gedruckten Büchern hergestellt wurden. Dies stellt einen wichtigen Beitrag dar, um der Illustration einen gewichtigeren Platz in der Kinderbuchforschung einzuräumen (vgl. Lehninger, 2019). Schliesslich besitzt das SIKJM auch Bettina Hürlimanns Nachlass, der neben ihren Schriften und Vorträgen die umfangreiche Korrespondenz mit Autor:innen und Illustrator:innen aus aller Welt aufweist und für die Forschung immer wieder wertvolle Einsichten und Zusammenhänge bereithält.

3. Historische Schweizer Kinderliteratur von 1750 bis 1900

Ebenfalls seit Gründungszeiten war der Verleger Peter Keckeis (1920-2007) an den Geschicken des Schweizerischen Jugendbuchinstituts beteiligt. Er prägte als wichtiger Akteur auch des allgemeinen Literaturbetriebs der 1960er und 1970er Jahre massgeblich die Verlage Benziger und Huber, war Förderer von Autoren wie Kuno Räber oder Walter Matthias Diggelmann und mit Berufskollegen wie Otto F. Walter oder eben dem Ehepaar Hürlimann befreundet (vgl. Frey, 2007). Im Rahmen der Zürcher Historischen Kinderbuchgesellschaft und am SJI in regem Austausch mit den beiden Sammlerinnen Hürlimann und Waldmann, hat er dem Institut die historischen Schweizer Bestände seiner Kinderbuchsammlung, rund 400 Titel, geschenkt (in der Folge „Sammlung Keckeis“ genannt). Wenn hier von „Schweizer Beständen“ die Rede ist, so muss präzisiert Werden, dass Keckeis darin auch Bücher ausländischer Autor:innen einschloss, die in der Schweiz herausgegeben wurden. So finden sich etwa Franz Poccis Dichtungen (1843) aus dem Verlag Hurter, Schaffhausen.

Wenn auch kein Katalog zur Sammlung existiert, so hat Peter Keckeis sie teilweise mit eigenen Publikationen kommentiert. Und auch er hatte, wie Bettin Hürlimann, an einer Geschichte des europäischen Kinderbuchs gearbeitet, die allerdings unveröffentlicht geblieben ist (vgl. Frey, 2007, S. 220). Sein immenses Wissen ist schliesslich in die umfangreiche und für Forschungen zur historischen Schweizer Kinderliteratur unschätzbar wertvolle Annotierte Bibliographie der Schweizer Kinder- und Jugendliteratur von 1750-1900 (Weilenmann, 1993) eingeflossen.

Die Sammlung Keckeis ergänzt sich mit den Helvetica in der Sammlung Hürlimann auf besonders glückliche Weise, etwa was die Neujahrsblätter – wie erwähnt bei Hürlimann sehr zahlreich, bei Keckeis jedoch kaum vorhanden – oder auch die Ausgaben des Schweizerischen Robinson von Johann David Wyss betrifft. Manche Werke bedeutender Autor:innen, die bei Hürlimann kaum vorkommen und auch in ihren Publikationen keine Erwähnung finden, hat Keckeis integral gesammelt, so etwa jene des Winterthurer Malers und Schriftstellers August Corrodi (1826-1885). Teile und Aspekte seines Werks konnte das SIKJM in jüngster Zeit unter anderem im Rahmen einer Kooperation mit dem Sinergia-Projekt „The Power of Wonder – Die Instrumentalisierung von Bewunderung, Erstaunen und Überraschungen in Wissens-, Macht- und Kunstdiskursen“ (unter Leitung von Mireille Schnyder, Universität Zürich, und Nicola Gess, Universität Basel) vorstellen. So konnte gezeigt werden, wie Corrodi auf innovative Weise stereotype aufklärerische Konzepte ebenso wie romantische Kindheitsbilder aufbricht und mit seinen humoristischen Inszenierungen neue, produktive Narrative des Staunens schafft (Keller, 2021). Die ebenfalls in diesem Projekt entstandene virtuelle Ausstellung Staunen im Kinderbuch (Konzept: Mireille Schnyder und Daniela Hahn), welche sich sowohl an Forschende wie auch an ein breites Publikum richtet und einige Perlen der SIKJM-Bibliothek präsentiert, „verfolgt anhand ausgewählter Beispiele aus Kinderbüchern von der Mitte des 17. bis Anfang des 20. Jahrhunderts, wie sich Formen, Objekte, Ziele und Wertungen des Staunens über die Jahrhunderte veränderten“ (Schnyder & Hahn, 2021). Wiederum ausgehend von Corrodi, stellt die Sammlung Keckeis ferner einen wichtigen Fundus für geplante Studien des SIKJM zur Komik in der historischen Schweizer Kinderliteratur dar.

Abb. 3: Corrodi, August: Schloss Waldegg und seine Bewohner. Ein Sommerferienbuch für die Jugend. Stuttgart, 1860. Titelbild von August Corrodi.

Der „digital turn“ (vgl. u.a. die Ausgabe Digital Humanities und wissenschaftliche Bibliotheken dieser Zeitschrift) macht(e) auch vor dem SIKJM nicht Halt. Bereits seit 2010 stehen rund 300 Titel, vorwiegend aus der Sammlung Keckeis, auf der Online-Plattform Schweizer Drucke e-rara zum Download zur Verfügung. Aktuell wird geprüft, wie diese auch für ein umfassendes Online-Portal deutschsprachiger historischer Kinderbücher nutzbar gemacht werden könnten, das in Kooperation verschiedener Bibliotheken in Deutschland im Entstehen begriffen ist. Zusätzliche Helvetica des SIKJM sowie auch des Spyri-Archivs (vgl. unten) werden identifiziert, um das Portal weiter zu ergänzen. Dieses wird die Grundlage für breite, interdisziplinäre und internationale Forschungsinitiativen im Bereich der deutschsprachigen historischen Kinderliteratur bilden.

4. Amerikanische Bilderbücher von der Zürcher Bahnhofstrasse

Noch näher an den „Endverbraucher:innen“ als die Verleger:innen Keckeis und Hürlimann war die Buchhändlerin Elisabeth Waldmann (1922-1996). In engem Kontakt mit Eltern, Lehrer:innen, Kindergärtner:innen und Bibliothekar:innen war ihr ein pädagogischer Zugang zum Kinderbuch besonders vertraut. Von den geschäftlich bestellten Titeln behielt sie oft ein Exemplar für sich beziehungsweise für ihre Familie und füllte so allmählich die über der Buchhandlung an der Bahnhofstrasse Zürich gelegene Familienwohnung. Rund 9’000 Titel dieser umfangreichen Sammlung sowie zahlreiche Schriften und Korrespondenzen von Waldmann wurden 1998 dem SJI vermacht. Auch diese Sammlung ergänzt sich hervorragend mit den bisher vorgestellten. Der Schwerpunkt liegt hier nämlich auf der amerikanischen Bilderbuchproduktion des 20. Jahrhunderts. Rund 4’000 Titel sind englisch-, 2’500 deutsch- und 600 französischsprachig. Die Bilderbücher dominieren mit einem Anteil von etwa 80%. Auch das 19. Jahrhundert ist gut vertreten, und die deutschsprachigen Sachbücher reichen zurück bis ins 18. Jahrhundert.

Abb. 4: Bild aus Froux le lièvre von Feodor Rojankowsky. Albums du Père Castor, Paris 1935.

Das mit Bettina Hürlimann geteilte Interesse für das Bilderbuch führte zur gemeinsamen Publikation Die Welt im Bilderbuch (Hürlimann, 1965), diese wiederum zu einer lebenslangen Freundschaft. Später wirkte Waldmann bei dem von Verena Rutschmann herausgegebenen Lexikon Schweizer Bilderbuch-Illustratoren 1900-1980 (1983) mit. Daneben entstanden zahlreiche Ausstellungen mit zugehörigen Broschüren und Katalogen, welche die gewählten Perspektiven für die Nachwelt festhielten. So wurde etwa 1993 anlässlich des 25jährigen Jubiläums des SJI die amerikanische Bilderbuchproduktion der 1920er bis 1950er Jahre in den Fokus genommen. In der zugehörigen Publikation Passagen 1920-1960. Das Bilderbuch wird kosmopolitisch, vernehmen wir im Beitrag „Wege und Umwege einer Sammlerin“ (1993) Elisabeth Waldmanns aufschlussreiche Stimme zu ihrer eigenen Sammlertätigkeit. Wir erfahren hier, wie sie dabei zunächst thematisch vorging, vergleichend auch zwischen Ländern und Epochen, und dass dieses Sammeln stets mit dem Interesse für die zeitgeschichtlichen Bedingungen einherging, unter denen die Werke entstanden waren (1993, S. 53). So kam beispielsweise eine etwa 1’000 Bücher umfassende Rotkäppchen-Sammlung zustande, die allerdings an das Bilderbuch-Museum Burg Wissem von Troisdorf (D) gegeben wurde. Deutlich wird überdies, ganz ähnlich wie bei Bettina Hürlimann, dass der Aufbau der Sammlung durch persönliche Begegnungen stark geprägt war. Neben ihrer Freundin Bettina Hürlimann nennt Waldmann drei weitere „Kinderbuchtanten“ (1993, S. 50 f.), allesamt aus dem englischsprachigen Raum, mit denen sie wegweisende Freundschaften schloss: Erstens Vera Peterson aus Portland, Oregon, der sie etwa die Entdeckung Taro Yashimas oder des Künstlerpaars Ingri und Edgar Parain d’Aulaire verdankt. Zweitens Susan Hirschman, tätig bei den Verlagen Macmillan und Greenwillow, deren Bücher so fast integral ihren Weg in die Sammlung Waldmann fanden. Schliesslich Janice Dohm aus der Buchhandlung Collett in London, von der weitere Impulse für englischsprachige Anschaffungen ausgingen. Ebenfalls bestimmend war die persönliche Begegnung mit Paul Faucher, Initiant und Verleger der legendären Sachbilderbücher Albums du Père Castor: Er war es, der sie auf Illustrator:innen wie Feodor Rojankovsky oder Nathalie Parain aufmerksam machte, beides Emigrant:innen aus Russland, von denen die Sammlung einige Erstausgaben enthält.

5. Pionierarbeit für die Kinder- und Jugendliteraturforschung

Elisabeth Waldmann, Peter Keckeis und Bettina Hürlimann: Für alle drei gilt, dass sie mit ihren Publikationen und Kommentaren zu den eigenen Kollektionen Pionierarbeit leisteten für die akademisch damals noch junge Disziplin der Kinder- und Jugendliteraturforschung. Denn wie Sebastian Schmideler in einem Artikel zur Wiener Sammlerin Johann Monschein darlegt, waren die Sammler:innen, zumindest im deutschen Sprachraum, neben den Antiquar:innen und Bibliothekar:innen, mehr als die Philolog:innen der Universitäten, die „eigentlichen Gründungsväter und -mütter der historischen Kinderbuchforschung“ (2018, S. 14). Bemerkenswert ist darüber hinaus, dass sie im Rückblick auch Fehleinschätzungen eingestehen, so etwa Waldmann und Hürlimann in Bezug auf die massenproduzierten „Golden Books“ oder amerikanischen Comics (vgl. Hürlimann, 1963, S. 119-132), denen beide mit Skepsis begegneten – was Lücken in den Sammlungen generierte, die sie später bedauerten (vgl. Hürlimann 1976, S. 121; Waldmann 1993, S. 48 f.) Hier wird nicht nur der individuelle Blickwinkel der Sammler:innen, sondern auch der Zeitgeist spürbar. Selbst wenn aus heutiger Sicht manches anders einzuordnen ist, so haben diese „Gründerväter- und mütter“ der Forschung doch viele Fäden in die Hand gegeben, die es aufzugreifen lohnt.

6. Johanna Spyri-Archiv und Nachlasse

Als Institut unter der Trägerschaft der Johanna Spyri-Stiftung hat das SIKJM den expliziten Auftrag, das Erbe Johanna Spyris (1827-1901) zu sammeln und zu bewahren. Neben dem literarischen Werk und zugehöriger Fachliteratur enthält das Spyri-Archiv handschriftliche Manuskripte und Briefe sowie Dokumente, Bilder und persönliche Erinnerungsgegenstände von Johanna Spyri und aus ihrem Umfeld, schliesslich zahlreiche Medien und Gegenstände aus dem Heidi-Medienverbund.

Schon bei der Gründung 1968 erhielt das Johanna Spyri-Archiv etliche Schenkungen, und Gründer Franz Caspar sammelte systematisch die deutschsprachigen Spyri-Ausgaben wie auch Übersetzungen. So finden sich denn im SIKJM Heidi-Übersetzungen in mehr als 40 Sprachen, darunter auf Hindi, Mazedonisch oder Persisch. Die Sammlertätigkeit wurde in der Folge auch medienübergreifend fortgeführt. Aktuell befinden sich im Archiv 85 Laufmeter „Spyriana“. Rund 1’000 Dokumente aus dem Nachlass werden zusätzlich als Deposita in der Zentralbibliothek Zürich aufbewahrt. Allerdings wurden auch „grosse Teile des schriftlichen Nachlasses teils von Johanna Spyri selbst, teils durch die Kriegseinwirkung in Deutschland zerstört“ (Rutschmann, 2001, S. 5).

Abb. 5: Spyri-Archiv, SIKJM

Nicht nur Johanna Spyri selbst, auch weitere Mitglieder der Familien Schweizer und Heusser, denen sie entstammte, waren illustre Persönlichkeiten der Region Zürich und nehmen im Spyri-Nachlass einen entsprechenden Platz ein. Dieses reichhaltige Material ist durch die von Regine Schindler (einer Tochter Bettina Hürlimanns) im Auftrag der Spyri-Stiftung herausgegebene Reihe Pfarrherren, Dichterinnen, Forscher Lebenszeugnisse einer Zürcher Familie des 19. Jahrhunderts (Schindler, 2007-2015) teilweise erschlossen und beforscht. Angefangen beim Spyri-Grossvater, dem Pfarrer und Lavater-Freund Diethelm Schweizer-Gessner, über Spyris Mutter, die religiöse Dichterin Meta Heusser-Schweizer, bis hin zu Spyris Bruder, dem Naturwissenschaftler Christian Heusser, machen die fünf Bände die Quellen zugänglich und kontextualisieren das Schaffen der drei Generationen zeitgeschichtlich. Ebenso bieten diese Archivalien weitere Ansatzpunkte für Forschungsfragen zur Zürcher Literatur- und Gesellschaftsgeschichte.

Neben literatur- und kunstgeschichtlich aufschlussreichen Materialien wie beispielsweise dem Briefwechsel zwischen Johanna Spyri und C.F. Meyer oder Originalillustrationen des Malers Rudolf Münger enthält das Archiv auch zahlreiche Kuriosa und Gegenstände aus dem Heidi-Medienverbund, die die Rezeptions- und Wirkungsgeschichte des Heidi-Stoffes dokumentieren: Von der Heidi-Puppe über japanische Essstäbchen mit Heidi-Aufdruck bis hin zu Briefmarken des karibischen Inselstaats Grenada, welche Standbilder aus dem Heidi-Film mit Shirley Temple zeigen.

Am stärksten beforscht ist im Spyri-Feld, wenig erstaunlich, das Phänomen des Export-Schlagers Heidi. Als Figur, die den Siegeszug in die Welt antrat, wurde sie bekanntlich zur vielfältigen Projektionsfläche. Zum 100. Todestag Spyris wurden 2001 umfangreiche Projekte realisiert, unter anderem der Sammelband Heidi: Karrieren einer Figur (Halter, 2001), die Wanderausstellung Heidi 01 (unter Beteiligung des SJI) oder ein vom SJI ausgerichtetes internationales Kolloquium, aus dem die Publikation Johanna Spyri und ihr Werk – Lesarten (Schweizerisches Institut für Kinder- und Jugendmedien, 2004) hervorging. Sie alle setzten sich eingehend und auch kritisch mit der weltweiten Verbreitung, Medialisierung und Trivialisierung der Heidi-Figur auseinander. Insbesondere die japanische Anime-Serie aus dem Jahre 1974, von der ausgehend eine neue Heidi-Welle den Globus überspülte, erregt immer wieder Interesse und zieht Forschende aus aller Welt, gerade auch aus Japan, ans SIKJM.

Abb. 6: Vietnamesische Ausgabe von Johanna Spyris Heidi, 1997.

Für Forschungen können sämtliche Dokumente des Spyri-Archivs in der Bibliothek des SIKJM (auf Anmeldung) beziehungsweise in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich eingesehen werden. Zudem finden sich einige historische Werkausgaben auf e-rara (vgl. obige Ausführungen zur Sammlung Keckeis), darunter die Heidi-Erstausgaben von 1880 und 1881. Noch brach liegendes Archivmaterial wird zurzeit durch das SIKJM gesichtet und erschlossen und so der Weg für weiterführende Forschungen geebnet. Das Interesse der – auch internationalen – Forschung an den Spyri-Beständen ist ungebrochen, steuern wir doch auf wichtige Jubiläen zu: Im Jahr 2027 wird der 200. Geburtstag von Johanna Spyri gefeiert, 2030 wird der erste Heidi-Band 150 Jahre alt.

Weitere bedeutende Nachlassdokumente im Besitz des SIKJM stammen von Lisa Tetzner und Kurt Kläber. Das Autorenpaar emigrierte 1933 ins Schweizer Exil, wo sie sich in Carona (TI) eine neue Existenz aufbauten. Ihre kinderliterarischen Werke brachten es zu Welterfolgen, so etwa Kläbers unter dem Pseudonym Kurt Held veröffentlichte Rote Zora (1941) oder die in Co-Autorschaft verfassten Schwarzen Brüder (1940/41). Lisa Tetzners neunbändige Reihe Die Kinder aus der Nummer Nr. 67 zählt zu den wichtigsten Werken der Exilliteratur. 2019 gründete das SIKJM in Kooperation mit der Humboldt-Universität zu Berlin und der Universität Göttingen die Tetzner/Kläber-Gesellschaft, die sich für die Erforschung und Sichtbarmachung des literarischen Werks der beiden Autor:innen einsetzt. Damit nahm die Tetzner/Kläber-Forschung große Fahrt auf: 2020 konnten Drittmittel akquiriert werden, um die im SIKJM lagernden Nachlassbestände zu ordnen. Nach einer ersten Tagung im Herbst 2019 auf Burg Ludwigstein bei Witzenhausen (D), Jugend bewegt Literatur: Lisa Tetzner, Kurt Kläber und die Literatur der Jugendbewegung (Becker, Benner, & Wassiltschenko, 2022) wird die Gesellschaft vom 6.-8. Mai 2022 an der Universität Zürich eine weitere Tagung zum Thema Exil in der Schweiz. Lisa Tetzner, Kurt Kläber und die Literatur im Exil ausrichten.

7. Fazit und Ausblick

Das SIKJM blickt auf eine lange Tradition von Sammel- und Forschungstätigkeiten zurück, die sich stets nahe an der Praxis von Vermittlung, literaler Förderung und kindlicher Rezeption bewegten. Als assoziiertes Institut der Universität Zürich verfügt es über eine kleine Forschungsabteilung, die diese Tradition aufrechterhält und sich gleichzeitig in der internationalen Forschungscommunity, auch im Rahmen von Kooperationsprojekten mit Universitäten und Pädagogischen Hochschulen, positioniert. Die intensiven Bemühungen um die Sammlungen und Nachlasse, die ein wichtiges „kulturelles Erbe der schweizerischen, deutschen und internationalen Kinder- und Jugendliteratur“ (Meyer & Wegmann, 2013) darstellen, werden fortgesetzt und haben weiterhin grosses Potenzial. Gleichzeitig nehmen aktuelle Fragestellungen nicht nur die einzelnen Sammlungen, sondern auch ihre Gesamtheit sowie darüber hinaus reichende internationale Bestände in den Blick. Neue Möglichkeiten dafür eröffnen die laufenden Initiativen für umfassende Online-Portale mit Kinder- und Jugendbüchern. Diese wiederum werden künftig die Chance bieten, auch von ferne einen Blick in die Wunderkammern des SIKJM zu werfen.

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