Skip to main content
SearchLoginLogin or Signup

Fallbeispiele aus der bibliothekarischen Praxis

Published onSep 12, 2022
Fallbeispiele aus der bibliothekarischen Praxis
·

Bei der folgenden Beispielsammlung handelt es sich um die Materialgrundlage des digitalen Denklabors „Critical Library Perspectives“1. Das Organisationsteam hat im Vorfeld der Veranstaltung Kolleg:innen aus wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken gebeten, Fallbeispiele aus der bibliothekarischen Praxis zusammenzutragen, in denen (problematische) normative Prozesse greifen und/oder Diversitätsaspekte eine Rolle spielen. Es gab ausserdem auch die Möglichkeit für Bibliotheksnutzende, über ein Kontaktformular auf der Veranstaltungswebseite Beispiele aus Nutzer:innenperspektive beizusteuern.

Die eingereichten Beispiele wurden vom Organisationsteam geclustert und – teilweise unter Mitwirkung der Beispielgebenden – bei der Auftaktveranstaltung des digitalen Denklabors präsentiert. Einige der Beispiele wurden während der Veranstaltung von den Teilnehmenden analysiert und aufgearbeitet. Die Beispielsammlung soll aber auch über die Veranstaltung hinaus allen Interessierten für eine weitere Beschäftigung mit den Themen offenstehen.

Untenstehend werden die Beispiele wiedergegeben, deren Verfasser:innen einer Veröffentlichung zugestimmt haben.

Fallbeispiel 1 „Basisklassifikation: Genderaspekte“

Kurzbeschreibung: Diskriminierende Kategorien aufgrund des Geschlechts in der Basisklassifikation: Hier werden zum Beispiel „Schriftstellerin“ und „weibliches Schreiben“ unter dem Lemma „Besondere Literaturkategorien“ (BK 17.87) subsumiert, einer Art Kuriositätenkabinett, das auch „Mundartliteratur“, „Erotische Literatur“ sowie „Arbeiterliteratur“ und „Migrantenliteratur“ umfasst. Gender Studies werden bei der Soziologie unter dem Lemma „Geschlechter und ihr Verhalten“ aufgeführt, das 71.32 „Mann“ und 71.33 „Frau“ enthält. Unter 71.25 „Sexualität“ wird auch „Sexueller Missbrauch“ aufgeführt, „Prostitution“ läuft dagegen unter 71.67 „Sexualität als soziales Problem“. Im Bereich Ethnologie/Volkskunde werden unter 73.44 „Sexualität, Geschlecht“ die „Ethnologie der Frau; Matriarchatstheorie; Patriarchatstheorie“ subsumiert. „Sexuelle Orientierung“ dagegen ist unter 77.85 “Sexualpsychologie“ zu finden. Damit bietet die BK keine Möglichkeit, moderne Geschlechterforschung adäquat sachzuerschliessen und ist diskriminierend gegenüber Frauen sowie nicht-binären Personen.
Fragen/Handlungsbedarfe: Wie soll mit solchen Klassifikationsschemata gearbeitet werden? Korrekturen? (Problem der langen Abstimmungswege); Explizites Benennen/Thematisieren der Probleme auch gegenüber Nutzenden? Gänzlicher Verzicht? – wenn ja, welche Alternativen?
Kategorien: Wissensorganisation/Erschliessung; Gender, sexuelle Orientierung
Beispielgeber:in: Organisations-Team

Fallbeispiel 2 „Unisex-Toiletten“

Kurzbeschreibung: Wie auch in anderen öffentlichen Gebäuden werden in Bibliotheken zunehmend Unisex-Toiletten angeboten. Deren Einrichtung wird in vielen Institutionen nicht nur bezüglich der konkreten baulichen Umsetzung und gesetzlichen Vorgaben (Arbeitsstättenverordnung) diskutiert, sondern geht oft mit internen und hitzig geführten öffentlichen Diskussionen einher. Die Bibliotheken befinden sich in einem Spannungsfeld von Ansprüchen verschiedener Nutzer:innengruppen.
Fragen/Handlungsbedarfe: Wie könnte eine Kommunikationsstrategie zur Einrichtung von Unisex-Toiletten aussehen, die nicht-binäre, gendernonkonforme, trans* und andere queere Bibliotheksnutzer:innen schützt?
Kategorien: Benutzung; Gender
Beispielgeber:in: Sarah Dellmann (TIB Hannover)

Fallbeispiel 3 „Umgang mit kolonialrassistischer Literatur“

Kurzbeschreibung: Kolonialrassistische Literatur und Konzepte in diversen Fachbereichsbibliotheken der Universität Wien: Ausgehend von der FB Afrikawissenschaften und Orientalistik interessiert uns im Rahmen eines Kurses wie sich stereotype Afrikabilder im Katalog, in der Beschlagwortung, Aufstellung und im Bestandsaufbau nicht nur wiederfinden sondern auch welchem Wandel sie unterworfen sind. Dabei stellen auch Positionierungen von Bibliothekspersonal und Lehrenden/wissenschaftlichem Personal sowie Studierenden eine Rolle.
Kategorien: Bestandspräsentation, Erwerbung, Wissensorganisation/Erschliessung; ethnische Herkunft
Beispielgeber:in: Gabriele Slezak (Universität Wien)

Fallbeispiel 4 „Personennormdaten und Namensänderungen“

Kurzbeschreibung: Personennormdaten dienen dazu, alle Werke einer Person auffindbar zu machen, und spielen daher für Bibliotheken eine zentrale Rolle. Für Normdatenbanken (zum Beispiel GND) und Bibliothekskataloge beziehungsweise von Bibliotheken betriebene Forschungsinformationssysteme stellt es daher eine Herausforderung dar, wenn sich Personennamen ändern (zum Beispiel bei Transpersonen) oder wenn es verschiedene Namen für eine Person gibt (zum Beispiel wenn eine Person sowohl unter ihrem bürgerlichen als auch unter einem Künstler:innen/Aktivist:innen-Namen veröffentlicht).
Fragen/Handlungsbedarfe: Wie werden Auffindbarkeit und bibliographische Vollständigkeit gegenüber den berechtigten Interessen einer Person bewertet, nicht mit einem früheren Namen in Verbindung gebracht zu werden beziehungsweise Aktionssphären zu trennen? Inwiefern werden betroffene Personen in diese Entscheidungen einbezogen?
Kategorien: Wissensorganisation/Erschliessung; Gender, andere Aspekte
Beispielgeber:in: Organisations-Team

Fallbeispiel 5 „GND: Begriff Geschlecht“

Kurzbeschreibung: Den Sachbegriff „Geschlecht“ verortet die GND mehrfach, zum Beispiel in den Disziplinen Grammatik, Mathematik, Biologie/Anthropologie. Neuerdings wird auch das „Dritte Geschlecht“ (im Sinne divers) erwähnt. Immer noch fehlt er in der Bedeutung „soziales Geschlecht“, als analytische und intersektionale Kategorie der Geschlechterforschung/Gender Studies, die das Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern bezeichnet.
Kategorien: Wissensorganisation/Erschliessung; Gender, sexuelle Orientierung
Beispielgeber:in: Karin Aleksander

Fallbeispiel 6 „GND: Ethnienbezeichnungen“

Kurzbeschreibung: Die Gemeinsame Normdatei (GND) ist der zentrale Bezugspunkt für die verbale Inhaltserschliessung im deutschsprachigen Raum. Sie kann auf einen grossen Begriffsbestand rekurrieren und bietet ein Mass an Nachhaltigkeit und Interoperabilität, das bei anderen kontrollierten Vokabularen nicht gegeben ist. Die GND wird in der Hauptsache von einem Redaktionssystem der deutschsprachigen Bibliotheksverbünde kollektiv gepflegt und hatte bislang einen klar bibliothekarischen Fokus. Der bisherige Fokus auf das Publikationsaufkommen führt dazu, dass Begriffe bislang vielfach nur dann mittels Ansetzung in die GND aufgenommen worden sind, wenn es eine zu erschliessende Publikation erforderlich gemacht hat. Dies führt wiederum zu Lücken im Datenbestand. Dessen ungeachtet zielt sie auf eine umfassend-universelle Beschreibung der Welt ab und ihre Grundstruktur basiert auf Sichtweisen des Globalen Nordens.
Gleichzeitig existieren kontrollierte Vokabulare, die aus spezifischen Communities heraus entwickelt worden sind, zum Beispiel das Brian Deer Classification System for First-Nation-Groups in British Columbia, die Maori Subject Headings, der Mashantucket Pequot Thesaurus of American Indian Terminology oder der Homosaurus als Linked-Data-Vokabular für LGBTQ-Themen. Viele kleinere Vokabulare sind nicht in dem Masse nachhaltig, wie es beispielsweise bei der GND der Fall ist. Sie erreicht gleichzeitig deutlich mehr Personen als Spezialvokabulare, die nur für einen bestimmten Kreis von Relevanz sind.
Beispiel Ethnienbezeichnungen: Innerhalb der GND gibt es über 4000 Bezeichnungen für verschiedene Bevölkerungsgruppen, die sich unter der Systematikstelle 17.1 finden lassen. Darunter sind mitunter Begriffe (Synonyme) und Definitionen zu finden, die problematisch (veraltet, Fremdzuschreibungen et cetera) sein können, jedoch für Recherchen und für bestimmte Formen der automatisierten Erschliessung relevant sind.
Fragen/Handlungsbedarfe: Eine grundsätzliche Frage besteht darin, wie Systeme, die einen universalen Anspruch besitzen (zum Beispiel die GND) und aus dem Globalen Norden stammen, in Interaktion mit Vokabularen beziehungsweise Ordnungssystemen, in denen sich differente Weltsichten widerspiegeln, ins Gespräch miteinander gebracht werden können? Wer spricht und definiert für eine Gruppe, wenn diese selbst nicht homogen ist? Teile der oben genannten Vokabulare beruhen auf der direkten Zusammenarbeit mit den vor Ort lebenden indigenen Gemeinschaften, ein Bezugsrahmen, der für den deutschsprachigen Kontext nicht in gleicher Weise adaptiert werden kann. Wie kann darüber hinaus in Hinblick auf die schiere Menge der Ethnien vorgegangen werden? Inwiefern ist die Auffindbarkeit und Zugänglichmachung von Material wichtiger als korrekte Bezeichnungen? Kann es diese korrekten Bezeichnungen überhaupt geben? Wie kann dabei mit gesellschaftlichem Wandel umgegangen werden? Ist die Beibehaltung und damit Sichtbarmachung der Begriffshistorie nicht ebenfalls wichtig, um den ideologischen Gehalt solcher Systeme nachvollziehen zu können? Wie können die genannten Probleme und Abwägungsprozesse (zum Beispiel Vorzug der korrekten Bezeichnung oder Primat der Auffindbarkeit) Aussenstehenden deutlich gemacht werden (beispielsweise in Form transparenter Arbeitsabläufe und Entscheidungskriterien)?
Kategorien: Wissensorganisation/Erschliessung, historische Bestände/Provenienzforschung; ethnische Herkunft, Gender, sexuelle Orientierung
Beispielgeber:in: Moritz Strickert (Fachinformationsdienst Sozial- und Kulturanthropologie)

Fallbeispiel 7 „Ethische Probleme in der Digitalisierung“

Kurzbeschreibung: In der (Massen)Digitalisierung werden vielfach gemeinfreie Materialien digitalisiert. Das bedeutet, dass es sich hierbei oftmals um Bestände handelt, die vor 100 und mehr Jahren erstellt wurden und die von ihrem jeweiligen Zeitgeist und den zeitgenössischen Diskursen geprägt sind. Insbesondere bei ethnologischen Werken, die sich mit Personengruppen und ihren kulturellen Praktiken in anderen Weltregionen beschäftigen, kann dies zu ethisch fragwürdigen und diskriminierenden Konstellationen führen, bedingt durch die kolonialen Kontexte in denen eine Vielzahl der älteren Forschungen entstanden sind. Zum einen können sich in Texten und Bildern rassistische zeitgenössische Blickweisen, Benennungen und Machtverhältnisse niederschlagen. Hinzu kommen mögliche Tabubrüche durch mangelndes Bewusstsein und fehlenden Respekt für kulturelle Regeln der dargestellten Regionen und Menschen (also zum Beispiel Darstellungen von secret-sacred Objekten). Zum anderen ist gerade beim Bildmaterial im Nachhinein selten feststellbar, ob dieses freiwillig oder unter Zwang erstellt worden ist.
Fragen/Handlungsbedarfe: Aus dieser Situation ergeben sich mehrere Fragen:
Rechtfertigt der vereinfachte Zugang zum Material die Reproduktion von Rassismus (aber auch Sexismus et cetera)?
Müssen und können die Fragen, die die damaligen Ersteller:innen nicht mit den beschriebenen/dargestellten Menschen geklärt haben (Zustimmung zur Abbildung – sowohl von Personen als auch Objekten, Ritualen), jetzt nachträglich geklärt werden?
Wenn das Material weiter digitalisiert und offen angeboten wird, wie kann damit respektvoll(er) umgegangen werden (und was muss gelöscht/geschwärzt/erst auf Genehmigung freigegeben werden) und wie kann es dann auch den dargestellten Gruppen und ihren Nachfahren zur Kenntnis gebracht werden?
Daran anknüpfen würde eine Debatte auch über Förderbedingungen, da Grossteile solcher Digitalisierung im Rahmen von Drittmittelprojekten erfolgt, die unter dem Postulat der Offenheit stehen.
Kategorien: Bestandspräsentation, Digitalisierung; Kolonialismus, ethische Fragen
Beispielgeber:in: Matthias Harbeck (Fachinformationsdienst Sozial- und Kulturanthropologie)

Fallbeispiel 9 „Barrieren bei der Bibliotheksbenutzung“

Kurzbeschreibung: Die Benutzung von Bibliotheken kann mit zahlreichen baulich und einrichtungstechnisch bedingten Barrieren verbunden sein, etwa Lage und Bodenbeschaffenheit des Behindertenparkplatzes, barrierearme elektronische Türöffner, barrierearme Schliessfächer, Ausstattung für die Lesesaalbenutzung (zum Beispiel für Rollstullfahrende ungeeignete Plastikbeutel), eingeschränkte Erreichbarkeit der Ebenen, schlechte Erreichbarkeit der Bücher, umständliche Wege mit Rolli von Arbeitsplatz zu Toilette/Copyshop/Cafeteria.
Fragen/Handlungsbedarfe: Wie gehen Bibliotheken mit diesen Problemen um, wie positionieren sie sich im Spannungsfeld von angestrebter Barrierefreiheit/-armut und diesen erschwerenden/beeinträchtigenden baulichen/denkmalschutztechnischen Gegebenheiten sowie organisatorischen und finanziellen Herausforderungen bei der Umsetzung? Welche Möglichkeiten der Einbeziehung von betroffenen Nutzenden gibt es, wie sollten sie genutzt werden?
Kategorien: Benutzung; Ableismus, Barrierefreiheit
Beispielgeber:in: Rebecca Maskos

Fallbeispiel 10 „GND: LGBTQIA“

Kurzbeschreibung: Die Verschlagwortung mit der GND ist in vielen Bibliotheken Standard und gerade Öffentliche Bibliotheken verschlagworten nur selten selbst. An vielen Stellen finden sich in der GND jedoch Begriffe, die veraltet oder sogar diskriminierend sind. Begriffe wie „Z*geunerjazz“ werden beispielsweise immer noch unkritisch verwendet und landen so deutschlandweit in den Katalogen. In der Zentral- und Landesbibliothek Berlin haben wir uns in den letzten Jahren näher mit dem Themenfeld LGBTQIA beschäftigt. Hierzu haben wir immer wieder Rückmeldungen von Nutzer:innen bekommen, die auf der Suche nach Literatur zu queeren Themen waren und dann im Katalog auf abwertende Begriffe gestossen sind. Wir haben daraufhin auch mithilfe externer Expert:innen aus queeren Communities umfassende Änderungsvorschläge an die GND erarbeitet, um zu verhindern, dass unsere Nutzenden weiter verletzende oder beleidigende Erfahrungen bei der Katalogsuche machen. Ein Grossteil der Vorschläge wurde mittlerweile umgesetzt, es finden sich aber natürlich weiterhin an vielen Stellen vergleichbare Begriffe in der GND und damit auch in den OPACs vieler Bibliotheken.
Kategorien: Wissensorganisation/Erschliessung, Benutzung; Gender, sexuelle Orientierung, ethnische Herkunft
Beispielgeber:in: Lena Linke (Zentral- und Landesbibliothek Berlin)

Fallbeispiel 11 „Barrierefreiheit bei Webseiten“

Kurzbeschreibung: Barrierefreiheit von eingebetteten PDFs im Discovery System: Das Schweizerische Bibliotheksnetzwerk SLSP nutzt Primo VE als Discovery System. Primo VE ist als Webseite grundsätzlich barrierefrei, aber die bereitgestellten Inhaltsverzeichnisse oder Artikel sind es nicht, denn sie sind meistens nur im PDF/A-Standard verfügbar. Für Menschen mit einer Sehbehinderung, die Screenreader benutzen, sind diese PDFs nicht lesbar.
Kategorien: Benutzung; Ableismus, Barrierefreiheit
Beispielgeber:in: Gesche Gerdes (Universitätsbibliothek Bern)

Fallbeispiel 13 „Erwerbung: Kanonbildung bei Verlagen / Indie-Verlage“

Kurzbeschreibung: Oft dienen etablierte Verlage als Orientierungshilfe bei der Erwerbung. Doch damit verengt sich der Blick auf ein bestimmtes Segment des Publikationsmarktes, das zumeist anglophon/europäisch/nordamerikanisch geprägt ist, während alternative Publikationsformate (zum Beispiel kleine Independent-Verlage, Nischenverlage) oder Publikationen in anderen Sprachen und aus anderen Regionen weitgehend unbeachtet bleiben. Zwar ist durch die Open-Access-Transformation der Zugang zu Literatur ortsunabhängiger und leichter geworden, doch Bibliotheken können hier weiterhin einen Einfluss auf die Sichtbarkeit von OA-Titeln ausüben, indem sie sie zum Beispiel in ihren Katalogen nachweisen.
Fragen/Handlungsbedarfe: Inwiefern wird diese Praxis reflektiert? Gibt es eine aktive Erwerbung von Nischen- und Indie-Verlagen? Gibt es eine aktive Erwerbung von Verlagen und/oder Titeln, deren Fokus nicht eurozentrisch ist? Inwiefern lassen sich solche Erwerbungsformen mit den Anforderungen der Trägerinstitutionen vereinbaren (zum Beispiel bei Unibibliotheken), beziehungsweise welchen Spielraum haben und nutzen Bibliotheken?
Kategorien: Erwerbung; wirtschaftliche Situation, Eurozentrismus
Beispielgeber:in: Organisations-Team

Fallbeispiel 14 „Diversitätsaspekte bei der Erwerbung und Erschliessung in MINT-Fächern, Medizin, Wirtschaft und Recht“

Kurzbeschreibung: Während in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften grundsätzlich damit gerechnet werden kann, dass Diversitätsaspekte sowohl in der wissenschaftlichen Arbeit als auch bei der bibliothekarischen Betreuung dieser Fächer reflektiert werden – insbesondere in spezifischen Disziplinen wie Gender Studies, Postkolonialen Studien et cetera – gibt es andere Fächer und Fächerkulturen, in denen diese Aspekte weniger präsent sind, beispielsweise Natur- und Technikwissenschaften, aber auch Medizin, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften, sofern es sich nicht um spezialisierte Zweige innerhalb dieser Disziplinen handelt.
Fragen/Handlungsbedarfe: Welche Rolle können (Universitäts-)Bibliotheken bei einer Stärkung des Bewusstseins für Diversitätsaspekte in diesen Fächern spielen? Welche Massnahmen müssten ergriffen werden, um die erwerbenden und erschliessenden Referent:innen zu sensibilisieren, und wie könnten die aufgebauten/erschlossenen Bestände für Nutzende sichtbar gemacht werden? Wie könnte hier eine Zusammenarbeit mit den Fachvertreter:innen an den Fakultäten aussehen?
Kategorien: Erwerbung, Erschliessung; verschiedene Diversitätsaspekte
Beispielgeber:in: Organisations-Team

Fallbeispiel 15 „DDC: Religionen“

Kurzbeschreibung: Nicht-christlichen Religionen wird in der breit eingesetzten Dewey-Dezimalklassifikation (DDC) gegenüber den christlichen Konfessionen nur marginal Platz eingeräumt. Die DDC-Hauptklasse 200 Religion ist wie folgt untergliedert:

210 Religionsphilosophie und Religionstheorie

220 Bibel

230-280 Christentum

290Andere Religionen.

Details: DDC Übersichten: Die 100 Klassen der zweiten Ebene beziehungsweise WebDewey Search (Deutsche Nationalbibliothek).

Fragen/Handlungsbedarfe: Wie soll mit solchen Klassifikationsschemata gearbeitet werden? Korrekturen? (Problem der langen Abstimmungswege); Explizites Benennen/Thematisieren der Probleme auch gegenüber Nutzenden? Gänzlicher Verzicht? Wenn ja, welche Alternativen?
Kategorien: Wissensorganisation/Erschliessung; Religion, Eurozentrismus
Beispielgeber:in: Kathi Woitas (Universitätsbibliothek Bern, Digital Scholarship Services)

Fallbeispiel 16 „Basisklassifikation: Afrikanische Sprachen und Literaturen“

Kurzbeschreibung: In der Basisklassifikation findet sich ein ganzer Kontinent unter der Kategorie 18.94 Afrikanische Sprachen und Literaturen. Im Vergleich dazu gibt es für Europa (inklusive Russland) zwischen 18.01 und 18.64 über 60 Einträge, die darüber hinaus für Sprache und Literatur getrennte Kategorien aufweisen. Wenn man genauer sucht, findet sich „Afrika“ auch in anderen Kategorien: 18.07 Angloafrikanische Literatur und 18.24 Französische Literatur ausserhalb Europas, 18.33 Spanische Literatur ausserhalb Spaniens, 18.38 Portugiesische Literatur ausserhalb Portugals (jeweils ohne explizite Erwähnung Afrikas), 18.71 Hamito-semitische Sprachen und Literaturen: Allgemeines, wozu Afroasiatische Sprachen und Literaturen gezählt werden und Afrikaans unter 18.11-18.13. Für den gesamten Bereich Afrika südlich der Sahara bleibt allerdings nur 18.94 Afrikanische Sprachen und Literaturen, wobei zwischen Sprache und Literatur nicht unterschieden wird.
Fragen/Handlungsbedarfe: Wie soll mit solchen Klassifikationsschemata gearbeitet werden? Korrekturen? (Problem der langen Abstimmungswege); Explizites Benennen/Thematisieren der Probleme auch gegenüber Nutzenden? Gänzlicher Verzicht? – wenn ja, welche Alternativen?
Kategorien: Wissensorganisation/Erschliessung; ethnische Herkunft, andere Aspekte
Beispielgeber:in: Birgit Athumani Hango (Universitätsbibliothek Wien)

Fallbeispiel 17 „Aufstellungssystematiken / Bestandspräsentation im Lesesaal“

Kurzbeschreibung: Die meisten Bibliotheken präsentieren einen Teil ihres Bestandes als Freihand-Bestand im Lesesaal. Diese Bestandssegmente sind dadurch besonders sichtbar und für die Nutzenden leicht zugänglich. In der Regel werden die Bestände nach einer thematisch ausgerichteten Systematik aufgestellt, entweder nach einem Klassifikationssystem, das auch für die Erschliessung verwendet wird (zum Beispiel RVK), oder nach einer (meist schon etwas älteren) Haussystematik. Die solchen Klassifikationen inhärenten Probleme werden so im Lesesaal räumlich sichtbar und erfahrbar. Dies beinhaltet problematische Hierarchien, Granularität und Bezeichnungen. Gerade bei der Verwendung älterer Systematiken ergeben sich darüber hinaus Schwierigkeiten, neuere Forschungsfelder adäquat einzuordnen und zu präsentieren.
Fragen/Handlungsbedarfe: Wie können die in der klassischen Systematik nicht vorgesehenen beziehungsweise marginalisierten Themen sichtbarer gemacht werden (zum Beispiel durch temporäre Themenpräsentationen)? Welche Alternativen zu klassifikationsbasierter Aufstellung und Bestandspräsentation sind denkbar? Wie können Nutzende in die Präsentation von Bestand einbezogen werden (zum Beispiel durch Feedback oder selbständige Kuratierung)? Wie könnten digitale Möglichkeiten genutzt werden, um alternative Bestandspräsentationen neben der klassischen Aufstellung zu generieren?
Kategorien: Bestandspräsentation; verschiedene Diversitätsaspekte
Beispielgeber:in: Organisations-Team

Fallbeispiel 18 „Wahrnehmung von Diversitätsaspekten in öBs/wBs – Austausch und Wissenstransfer“

Kurzbeschreibung: In öffentlichen Bibliotheken sind Diversitätsthemen wie etwa interkultureller Austausch und altersspezifische Angebote bereits seit längerer Zeit präsent, während wissenschaftliche Bibliotheken tendenziell noch stärker mit der Vorstellung der Bibliothek als neutralem Ort verbunden sind, der sich mit diesen Themen nicht zu beschäftigen braucht. In vielen Bereichen greifen jedoch in öffentlichen und in wissenschaftlichen Bibliotheken grundsätzlich vergleichbare normierende Prozesse, auch wenn sich die Ausgestaltung der jeweiligen Bibliotheksarbeit aufgrund der thematischen Ausrichtung und der Zielgruppenorientierung unterscheidet.
Fragen/Handlungsbedarfe: Wie kann die unterschiedliche Wahrnehmung von öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken in Bezug auf Diversitätsthemen aufgebrochen werden? Wie kann ein Austausch und ein Wissenstransfer zwischen den Bibliotheken stattfinden, von dem beide Seiten profitieren können?
Kategorien: Bibliotheksorganisation; verschiedene Diversitätsaspekte
Beispielgeber:in: Organisations-Team

Fallbeispiel 19 „Diversitätsaspekte in Spezialbibliotheken – Austausch und Wissenstransfer“

Kurzbeschreibung: Während Diversitätsaspekte in allgemeinen wissenschaftlichen Bibliotheken (Universitätsbibliotheken, Staats- und Landesbibliotheken) erst seit kurzem thematisiert werden, gibt es zahlreiche Spezialbibliotheken, die sich bereits seit langem mit dem Erwerben, Erschliessen und Erforschen von Material befassen, das einem bestimmten Diversitätsaspekt gewidmet ist (zum Beispiel LGBT-Bibliotheken, feministische Archive). In diesen Einrichtungen ist daher spezialisiertes Fachwissen vorhanden, das auch für allgemeine wissenschaftliche Bibliotheken bei einer stärkeren Diversitätsorientierung hilfreich sein kann.
Fragen/Handlungsbedarfe: Wie kann ein Austausch und ein Wissenstransfer zwischen Spezialbibliotheken und allgemeinen wissenschaftlichen Bibliotheken stattfinden, wie müsste er organisiert sein? In welchen Bereichen ist eine gegenseitige Unterstützung möglich und sinnvoll?
Kategorien: Bibliotheksorganisation; verschiedene Diversitätsaspekte
Beispielgeber:in: Organisations-Team

Fallbeispiel 20 „Gendersensible Sprache im Kontakt mit Nutzenden“

Kurzbeschreibung: Bei der Bibliotheksbenutzung wird auf verschiedenen Kanälen mit Nutzenden kommuniziert, sei es im Auskunftsgespräch, in der Email-Kommunikation (Anfragen, Probleme, Auskünfte) oder über Webseiten und Formulare (Anmeldungsformulare, automatische Rückmeldungen in Systemen, Zielgruppenangebote auf Webseiten). Oft spielen Diversitätsaspekte (gendersensible/inklusive Sprache) hierbei eine Rolle, zum Beispiel bei der Bezeichnung und Anrede von Personen oder diesbezüglichen Auswahlmöglichkeiten auf Formularen.
Fragen/Handlungsbedarfe: Wie können Bibliotheken dafür sorgen, dass möglichst flächendeckend gendersensible und inklusive Sprache verwendet wird? Welche Möglichkeiten könnten über das klassische Gendern hinaus genutzt werden (zum Beispiel Angabe von Pronomen in Emailsignaturen, Pronomen-Buttons, Handreichungen zu gendersensibler Sprache für Auskunftgebende) und wie sollten diese Möglichkeiten bibliotheksintern diskutiert und gegenüber den Nutzenden kommuniziert werden?
Kategorien: Benutzung; Gender
Beispielgeber:in: Organisations-Team

Fallbeispiel 21 „Sprachbarrieren / Angebote in verschiedenen Sprachen“

Kurzbeschreibung: Die Entscheidung, in welchen Sprachen Informations- und Vermittlungsinhalte (Webseiten, Infoblätter, Schulungen) angeboten werden und in welchen Sprachen Literatur erworben wird, ist für die Frage nach der niedrigschwelligen Zugänglichkeit der Bibliothek entscheidend. Das Angebot verschiedener Sprachen ist jedoch gegebenenfalls auch mit einem hohen Ressourcenaufwand verbunden. Bibliotheken müssen sich daher in der Regel für bestimmte Sprachen (und damit auch gegen andere Sprachen) entscheiden.
Fragen/Handlungsbedarfe: Nach welchen Kriterien sollten diese Entscheidungen getroffen werden? Werden sie bibliotheksintern diskutiert und wie werden sie gegebenenfalls gegenüber den Nutzenden kommuniziert, beziehungsweise werden die Nutzenden in den Entscheidungsprozess eingebunden, und wenn ja, wie?
Kategorien: Benutzung, Erwerbung; Sprache, Barrierefreiheit
Beispielgeber:in: Organisations-Team

Fallbeispiel 22 „GND: rassistische Bezeichnungen“

Kurzbeschreibung: Unzählige bevorzugte Ansetzungsformen in der GND sind rassistisch. Wenn man auch noch die hinterlegten Synonyme einbezieht, wird eine wahre Kaskade der Abwertung sichtbar. So findet sich der „Indianer“ als Hauptansetzungsform direkt im Bibliothekskatalog. Hinter dem Begriff „Schwarze“ (nicht Schwarze Menschen, so dass „Schwarz“ nur als ein beschreibendes Adjektiv unter vielen gelesen werden kann) sind auch das N-Wort und „Mohr“ hinterlegt. Ebenso bei „Schwarzenbild“. Schon mal vom „Australn-wort“ gehört? Ein Blick in die GND gibt Aufschluss. Den Muslim findet man ebenfalls wenn man sich auf die Suche nach einem „Muselmann“ begibt.
Fragen/Handlungsbedarfe: Im Bibliotheksapparat ist ein bestimmtes System zur Wissensorganisation vorgegeben. Es ist meines Erachtens die Pflicht der Mitarbeitenden, sich bewusst zu machen aus welcher Perspektive und in welchem Geist dieses System entstanden ist und bis heute weiterbesteht. Soll man Nutzenden weiterhin ermöglichen nach offensichtlich rassistischen Begriffen wie dem N-Wort zu suchen, um zu Ergebnissen zu kommen? Was sagt das über die Bibliothek aus, die sich oftmals als „nicht wertende“, „neutrale“ Institution versteht?
Kategorien: Wissensorganisation/Erschliessung; ethnische Herkunft
Beispielgeber:in: Ina Mertens (Universitätsbibliothek Bern)

Fallbeispiel 24 „GND: ethnologische Begriffe“

Kurzbeschreibung: Die GND bildet ethnologische Begriffe teilweise nicht zeitgemäss ab, wie die folgenden Beispiele „Häuptling“ und „Stamm“ verdeutlichen sollen.
Die GND-Nr.: 4158709-1 listet den Begriff „Häuptling“ in der Normdatenbank. Als Quelle für den Eintrag gilt „M 1.“ – die in Meyers enzyklopädisches Lexikon an erster Stelle aufgeführte Definition – und „M 2.“ – für die in Meyers enzyklopädisches Lexikon an zweiter Stelle aufgeführte Definition verwendet. Meyers enzyklopädisches Lexikon in 25 Bänden stammt aus den Jahren 1971-1979. Überarbeitungen und Aktualisierungen wurden in Neuauflagen bis in die frühen 1980er Jahre eingearbeitet, seitdem gab es keine Weiterentwicklungen des Nachschlagewerks. Die Verwendung des Begriffs „Häuptling“ hat sich seitdem allerdings sehr wohl verändert und ist schlichtweg nicht mehr zeitgemäss. Ähnlich verhält es sich mit der GND-Nr.: 4138634-6: Der Begriff „Stamm“ wird im Verwendungshinweis zwar als umstritten und ideologisch behaftet bezeichnet, wegen seiner „bleibenden“ Bedeutung zur Beschreibung lokaler Gesellschaften jedoch beibehalten. Fazit: aus Mangel an Alternativen wird der Begriff weiterhin als Schlagwort verwendet, meiner Meinung nach eine unbefriedigende und nicht haltbare Lösung.
Fragen/Handlungsbedarfe: Wie soll mit solchen Klassifikationsschemata gearbeitet werden? Korrekturen? (Problem der langen Abstimmungswege); Explizites Benennen/Thematisieren der Probleme auch gegenüber Nutzenden? Gänzlicher Verzicht? – wenn ja, welche Alternativen?
Kategorien: Wissensorganisation/Erschliessung; ethnische Herkunft, andere Aspekte
Beispielgeber:in: Birgit Athumani Hango (Universitätsbibliothek Wien)

Fallbeispiel 25 „Präsentation von digitalisierten Beständen“

Kurzbeschreibung: In digitalisierten Sammlungen historischer Bestände werden oft bereits vorhandene und gegebenenfalls veraltete Sammlungsstrukturen als Organisationsstrukturen auch der digitalen Präsentation beibehalten, obwohl sich hier durchaus – auch ohne den Bezug zur Sammlung zu verlieren – die Chance einer Neuordnung bieten würde. Dies zeigt sich etwa darin, dass beispielsweise Handschriften in die Kategorien „Handschriften“ und „Aussereuropäische Handschriften“ aufgeteilt werden, was eine europazentrierte Sicht auf die Sammlungen illustriert.
Kategorien: Bestandspräsentation, Wissensorganisation/Erschliessung; Eurozentrismus
Beispielgeber:in: Maria Federbusch (Staatsbibliothek zu Berlin)

Fallbeispiel 26 „Wohnungslosigkeit und Bibliotheken“

Kurzbeschreibung: Kurz vor 10 Uhr in einer Bibliothek in einer deutschen Grossstadt: es erscheint ein Besucher, der aufgrund seines äusseren Erscheinungsbilds vom Pfortenpersonal schnell als wohnsitzlose Person eingeordnet wird. Die Person ist bekannt, sie kommt schon seit einigen Jahren, mehr oder minder täglich, hält sich zumeist im Eingangsbereich der Bibliothek auf und hat, soweit bekannt, den Lesebereich noch nie benutzt. Eine ganze Weile lang kommt der Besucher wegen des Kaffee-Automaten, zuletzt scheint er vor allem die Steckdosen zum Aufladen seines Mobiltelefons nutzen zu wollen. Mittlerweile ist offensichtlich, dass der Mann psychisch erkrankt ist: er führt Selbstgespräche, kann sich und sein Äusseres nicht mehr pflegen, reagiert auf Ansprache zunehmend aggressiv und wirkt weggetreten. Das Pfortenpersonal, das im täglichen Kontakt mit dem Besucher steht, ist zunehmend mit der Situation überfordert und sieht sein eigenes Wohlergehen sowie das der Menschen in der Bibliothek und den Schutz des Gebäudes in Gefahr. Neuerdings hat sich die Situation weiter zugespitzt: auf Bitten des Pfortenpersonals, das Gebäude zu verlassen, reagiert die Person oftmals nicht mehr und/oder zeigt sich gegenüber dem Personal aggressiv. An manchen Tagen verschliesst das Pfortenpersonal die Tür, damit der Besucher den Eingangsbereich gar nicht erst betreten kann. In früheren Jahren ist auch die Wohnungslosenhilfe hinzugezogen beziehungsweise der Mann mithilfe von Informationsbroschüren auf Unterstützungseinrichtungen aufmerksam gemacht worden, allerdings erscheint er immer noch in der Bibliothek. Nun wurde ein Hausverbot gegen ihn ausgesprochen. Die Führungskräfte der Einrichtung zeigten sich allerdings skeptisch, dass diese Massnahme fruchtet.
Fragen/Handlungsbedarfe: Wohnungslose Menschen werden oftmals als Problemnutzende wahrgenommen, die vermeintlich den Bibliotheksbetrieb stören und die Bibliotheksräume „zweckentfremden“. Bibliothekarinnen und Bibliothekare sehen sich dabei oftmals in einem Spannungsfeld zwischen ihrem professionellen Leitprinzip eines „Serving all“ (freier Zugang zu Informationen und Wissen für alle) und der Schaffung eines sicheren, möglichst störungsfreien Umfelds für alle Nutzenden. Doch hilft dieser „Serving all“-Anspruch in diesem Fall? Inwieweit stehen stereotype Vorstellungen und Stigmata einem diskriminierungssensiblen Blick auf wohnungslose Menschen im Weg? Wie verhalten sich Massnahmen, die darauf abzielen, wohnungslose Menschen möglichst aus der Bibliothek zu halten, zum Anspruch von Bibliotheken, inklusive, offene Arbeits- und Aufenthaltsorte für alle Menschen zu sein? Welche neuen Perspektiven eröffnet der in den UN-Nachhaltigkeitszielen verankerte „Equity-Ansatz“ (Leave no one behind) auf dieses Thema und wie lässt er sich im bibliothekarischen Alltag umsetzen?
Kategorien: Benutzung; wirtschaftliche Prekarität
Beispielgeber:in: Organisationsteam

Fallbeispiel 27 „Genderaspekte bei der Leseförderung“

Kurzbeschreibung: Leseförderung in öffentlichen Bibliotheken wie auch in der Leseforschung verfolgt oft einen geschlechterdifferenzierenden Ansatz, unter der Annahme, dass Mädchen und Jungen unterschiedlich lesen (vgl. Garbe, 2007, pp. 68-76; Deutscher Bibliotheksverband, n.d.; ÖBiB, 2022; Knoth, 2013; Zaenker, 2013; Hansen, 2009). Es werden spezifisch Veranstaltungen durchgeführt, um die Lesemotivation von Jungen zu fördern2, teilweise gibt es in Bibliotheken Regale „für Jungen“ und „für Mädchen“, es gibt Empfehlungslisten mit Literatur für Jungen und die Forderung nach männlichen Identifikationsfiguren. Aus einer (queer-)feministischen Perspektive der Gender Studies ist vor allem die Zuordnung von (Lese-)Interessen aufgrund eines Geschlechts zu problematisieren, denn diese verfestigen Geschlechterstereotype und eine heteronormative Gesellschaftsordnung. Nur wenige Stimmen im Bibliotheksdiskurs stellen diese geschlechtsspezifische Leseförderung in Frage (Schuldt, 2012).
Fragen/Handlungsbedarfe: Wie sieht der aktuelle Diskurs um Leseförderung in Bibliotheken aus, wie die aktuelle Praxis? Wie könnte eine geschlechterreflektierende Leseförderung (Begriff angelehnt an Bieker & Schindler, 2020) in Bibliotheken aussehen?
Kategorien: Bestandspräsentation, Benutzung, andere Arbeitsbereiche; Gender
Beispielgeber:in: Christine Honold (Universität Köln, Stadtbüchereien Düsseldorf)

Fallbeispiel 28 „Historisch überlieferte rassifizierende und diskriminierende Metadaten und Bildinhalte in Datenbanken“

Kurzbeschreibung: Um Entwicklungen innerhalb der Kunst allgemein, den Kunstinstitutionen wie auch der Ausstellungsgeschichte zu verstehen, sind Archive und Bilddatenbanken von unbestreitbarem intellektuellen Wert. Daher erfordert deren Administration grosse Sorgfalt. Dies betrifft – gerade bei Bilddatenbanken – die Auswahl der Einträge wie auch deren Einordnung innerhalb der archivarischen Strukturen, sei es durch die Festlegung von Schlagworten oder durch deren Kategorisierung und Hierarchisierung mithilfe etablierter kunsthistorischer Fachbegriffe samt ihres ideologischen Ballasts. Damit die Bilddatenbank den Ansprüchen der Demokratie mit ihren Prinzipien der Gleichheit gerecht werden kann, besteht eine wichtige Aufgabe darin sie diskriminierungskritisch zu überprüfen. Diese Aufgabe wird umso dringlicher, da öffentliche Forschungs- wie auch Kulturinstitutionen den Antidiskriminierungsmassnahmen, die vor zwei Jahrzehnten in einer juristischen Richtlinien der Europäischen Union (2000/43/EG) gefordert wurden, nicht in vollem Umfang nachgekommen sind.
Mit der „IMAGE+ Platform for Open Art Education“ entwickelte die Universität für angewandte Kunst Wien eine Bild- und Bildforschungsplattform zur qualitativen Verbesserung der Lehre. Der von der Abteilung Kunstgeschichte eingearbeitete digitale Bestand an Bildreproduktionen künstlerischer Arbeiten steht Lehrenden, Studierenden und Alumni der Universität zur Verfügung. Bei dieser Bilddatenbank stehen die oben erwähnten Problematiken der Katalogisierung eine zentrale Rolle. Die im Prozess befindliche Überarbeitung der Bilddatenbank verschränkt dabei die Auseinandersetzung zu rassistischen Begriffen beispielsweise in den Bildtiteln von Kunstwerken mit Fragestellungen zum Umgang mit bibliographischen Angaben. Exemplarisch hierfür stehen die Publikationen „N*plastik“ (1915) des Kunsthistorikers Carl Einstein oder die „N*lieder“ (1920) des Dadaisten Tristan Tzara. Wir würden gerne das N-Wort nicht mehr ausschreiben, um einerseits die rassistischen Implikationen und anderseits komplementäre Fiktionen der Überlegenheit Weisser nicht weiter fortzuschreiben.
Fragen/Handlungsbedarfe: Wie lassen sich diskriminierungssensible bibliothekarische Praktiken in die Fachbereiche Kunstgeschichte und Cultural Studies integrieren? Der Ansatz verfolgt das Ziel geeignetes Vokabular und Prozesse einer entsprechenden Bearbeitung zu diskutieren und in weiterer Folge zu etablieren. Dabei soll den Anforderungen einer wissenschaftlich gestützten und objektiven Kontextualisierung in einer (Bild-)Datenbank und einem verantwortungsvollen Umgang mit historisch belasteten Daten im Rahmen der CARE Prinzipien Rechnung getragen werden.
Kategorien: Bestandspräsentation, Wissensorganisation/Erschliessung; ethnische Herkunft/Rassismus

Beispielgeber:in: Team IMAGE+ Platform for Open Art Education (Universität für angewandte Kunst Wien)

Comments
0
comment

No comments here

Why not start the discussion?